Helikopter-Einsatz in Aceh Letzte Rettung durch die Seahawks

Für viele Menschen sind sie die letzte Rettung: US-Helikopter, die aus der Luft auch die Flutopfer erreichen, die bislang von der Außenwelt abgeschnitten waren. Die Soldaten bringen tonnenweise Lebensmittel in die am schlimmsten betroffenen Regionen. Die Hilfsaktion ist für die Amerikaner zugleich ein PR-Feldzug.

Banda Aceh - Große Wasserflächen, Trümmer, ein silberner Öltank und vor allem herumliegende rot-weiße Metallfässer: So sieht der Ort Kreung Raya im Nordosten von Banda Aceh aus der Luft aus. Nur die weiße Moschee scheint heil geblieben, als am Sonntag voriger Woche erst ein Erdbeben und dann Tsunamis den kleinen Hafen zerstörten.

Leutnant Gabriel Bullaro kurvt mit seinem Seahawk-Helikopter vorsichtig über den Überresten der Stadt. Dann setzt er den silbergraue Hubschrauber mit der Aufschrift HC-11 auf einer kleinen Steinfläche auf. Die Rotoren entfachen einen Sandsturm. Dennoch stürmen sofort Anwohner auf die Maschine zu, die auf der Seite vier "Zweier"-Spielkarten aufgemalt hat. Ein paar indonesische Uniformierte, das Gewehr über der Schulter, halten sie davon ab, die Tür aufzureißen, um schneller an die kostbare Fracht heranzukommen.

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Katastropheneinsatz: Die schwierige Arbeit der Helfer

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Drei amerikanische Marinesoldaten werfen in Windeseile Kisten mit Wasser, Keksen, Nudeln und anderen Lebensmitteln heraus, die bis unter die Decke des Drehflüglers gestapelt sind. Die Indonesier bilden schnell eine Kette, immer mehr Bürger laufen herbei, um sich einen der Kartons zu greifen.

Es dauert kaum zehn Minuten und rund zwei Tonnen Hilfsgüter liegen auf dem Boden. Indonesische Zivilisten und Soldaten schütteln den Amerikanern dankbar die Hände. Die stöpseln sich wieder in die Sprechfunkanlage ein, schwingen sich auf die Ladefläche, winken kurz, und dann nimmt die Maschine wieder Kurs über grüne Hügel, Palmenhaine auf den Militärflughafen Banda Aceh.

An Bord herrscht professionelle Lässigkeit. Einer weist sich mit seinem Abzeichen auf dem Arm als "Death Cheater" aus - einer, der dem Tod ein Schnippchen schlägt. Die Fenster sind während des ganzen Fluges geöffnet, auf der Schaltkonsole haben die Piloten eine kleine Puppe aufgestellt.

Die US-Marine im Einsatz in Indonesiens Krisenprovinz Aceh im Norden Sumatras: Über 75 Mal ist sie in den letzten zwei Tagen in die nach wie vor von der Außenwelt abgeschnittene Orte geflogen, um die Opfer mit Hilfsgütern zu versorgen. Zuweilen nehmen die Marineflieger verletzte Passagiere auf.

Auf dem Flughafen drängen sich internationale Journalisten, um einen Platz auf einem der Hubschrauber zu ergattern. Schneidige Presseoffiziere ("Call me Smack") stellen Listen mit Namen zusammen, um sie sofort wieder umzuwerfen und dann die Berichterstatter nassforsch anzubellen. Manche warten zwei Tage auf die Gelegenheit, das Katastrophengebiet aus der Luft zu sehen.

Für die Amerikaner ist die Aktion nicht nur Hilfe für die verzweifelten Indonesier, sondern auch ein wichtiger PR-Feldzug. Können sie doch beweisen, dass sie nicht nur Krieg gegen Muslime führen, sondern ihnen in der Stunde der Not auch zur Seite stehen. Morgen wird Noch-Außenminister Colin Powell für zwei Stunden Banda Aceh inspizieren.

Die zwölf US-Helikopter im Aceh-Einsatz sind auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln", stationiert, der vor Banda Aceh liegt. Es ist das Schiff, auf dem US-Präsident George W. Bush im Mai 2003 mit den Worten "mission accomplished" das Ende des Iraks-Kriegs verkündete.

Die Amerikaner wollen ihre Hilfe in den nächsten Stunden noch verstärken. Eine zweite Flugzeugträger-Gruppe hat inzwischen Kurs auf Sumatra genommen. Sie schafft größere Lasten-Hubschrauber vom Typ Chinook heran.

Die werden dringend gebraucht. Denn heute früh Ortszeit erlitten die Rettungsaktionen einen schweren Rückschlag. Weder Frachtmaschinen noch Passagierflugzeuge konnten in Banda Aceh landen. Schuld hatte ein Wasserbüffel, der über die Landebahn trabte, als eine Passagiermaschine einschwebte.

Der Zusammenprall verlief, gottlob, relativ glimpflich, doch die Bruchmaschine havarierte mitten auf der Landebahn - mit der Nase auf dem Asphalt, da das Bugrad eingeknickt ist. Erst am späten Dienstagabend Ortszeit war schwere Ausrüstung bereit, um die Boeing 737 von der Bahn zu hieven.

Auch die Bundeswehr hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Als sie gestern kurz nach ihrer Ankunft die Lage erkunden wollten, hatten die deutschen Soldaten kein Auto zur Verfügung. Auch der geplante Erkundungsflug fiel erst mal aus.

Heute wurde er nachgeholt. Schon vorher hatten die Berliner Militärs beschlossen, sich mit einer "Luftlanderettungsstation" an den Rettungsaktionen in Banda Aceh zu beteiligen: Ein kleines Zelt-Krankenhaus, ausgestattet mit Operationstisch, Röntgengerät und Labor.

Aber auch dafür ist wieder eine Vorausdelegation notwendig, sie sich am 6. Januar in Richtung Sumatra aufmachen soll. Das Technische Hilfswerk wartet derweil auf die Ankunft von neun Iljuschin-Frachtmaschinen, die neun Unimogs und zwei Geländewagen plus eine Anlage zum Aufbereiten von Wasser bringen soll.

Bis dahin wird Leutnant Bullaro noch reichlich Einsätze mit seinem Seahawk fliegen und kostbare Fracht zu den Tausenden Flutopfern bringen.

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