SPIEGEL ONLINE

Rückgabe von Diebesgut Der Hells Angel und die Bibel

Ein Austausch im Morgengrauen, ein merkwürdiger Stoffbeutel - SPIEGEL-TV-Reporter Claas Meyer-Heuer ist in eine Kriminalgeschichte hineingeraten. Es geht um eine Bibel, die ein halbes Jahrtausend alt ist.

Mittwochnacht, irgendwo in Norddeutschland. Ich friere an einem abgelegenen Acker, bin verabredet mit einem Mann aus der Schattenwelt. Er ist ein vorbestrafter Hells Angel.

Seit Jahren recherchiere ich in dem Milieu, ich kenne ihn lange, aber damit hatte ich nicht gerechnet: Der Mann hatte mich kontaktiert und gefragt, ob ich bei der Aufklärung eines Verbrechens helfen will. Es gehe, so die spärlichen Informationen, um ein gestohlenes Buch, das sehr alt und wertvoll sei. Raubkunst sozusagen. Und nun stehe ich hier in der Dunkelheit und friere. Zwei Scheinwerfer im schwarzen Nichts kündigen den Rocker an.

Darf ich das hier? Als Reporter war ich neugierig: Was für ein Fall steckt dahinter? Aber die Abmachung ist juristisch heikel: Ich werde das Diebesgut, das er mitbringt, an die Polizei weiterleiten. Die habe ich vorab nicht informiert. Sie hätte sicher wissen wollen, wer er ist. Das hätte ich unmöglich verraten können - er ist ein Informant, auch für andere Recherchen, den ich als Journalist schütze.

Aber heißt das auch, dass ich einem Dieb helfen darf, seine heiße Ware wieder loszuwerden? Am Vormittag hatte ich noch einen Termin bei der Rechtsabteilung unseres Verlages. Unser Hausjurist hat zugestimmt. Ich muss keine Quellen offenbaren. So steht es in der Strafprozessordnung im Paragraf 53.

50 Meter entfernt bleibt das Auto stehen, der Hells Angel steigt aus. Ich trage Handschuhe. Bloß keine Fingerabdrücke hinterlassen. Die Ermittler werden das Buch mit Sicherheit kriminaltechnisch untersuchen. Auch der Höllenengel ist vorsichtig und hat die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. In der Mitte zwischen den Autos übergibt er mir einen roten Stoffbeutel mit dem wertvollen Inhalt. Der Stoffbeutel wird später noch eine Rolle spielen.

Vor knapp fünf Jahren gestohlen

Die Übergabe klappt. Wohl auch, weil wir beide wissen, dass ich bei der Polizei keine Angaben zu seiner Person mache. Das Buch ist eine kleine Sensation. Das verrät schon die römische Jahreszahl auf der ersten bedruckten Seite: MDXXXIII - 1533. Dazu christliche Abbildungen: Jesus am Kreuz, Adam und Eva, Moses bekommt die zehn Gebote. Das Buch ist eine sogenannte Lübecker Bibel, weil sie vor knapp 500 Jahren in der Hansestadt gedruckt wurde.

Verfasst wurde das Buch auf niederdeutsch und ist sogar älter als die hochdeutsche Version. Die erste Vollbibel in deutscher Sprache. Von den Lübecker Bibeln soll es weltweit nur noch 27 Exemplare geben. Das Buch ist zwischen 10.000 und 15.000 Euro wert.

Nur mit Schutzhandschuhen anfassen: Claas Meyer-Heuer und die "Lübecker Bibel"

Nur mit Schutzhandschuhen anfassen: Claas Meyer-Heuer und die "Lübecker Bibel"

Foto: Spiegel TV

Der Hells Angel wusste nicht, wann und wo die Bibel geklaut wurde. Er habe sie auf jeden Fall nicht selbst gestohlen, so sein Mantra. Angeblich hatte der Dieb Spielschulden bei dem Rocker, die mit dem wertvollen Buch beglichen wurden. Überprüfen kann ich diese Gangstergeschichte nicht.

Ebenso wie die Geschichte der Rückgabe: Es sei ganz einfach ein schlechtes Omen, wenn man so eine alte Bibel verstecke. Deshalb habe er sie loswerden wollen. Das klingt nach Ganovenromantik. Vielleicht hat er auch einfach keinen Abnehmer gefunden.

Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass eine Lübecker Bibel im Spätsommer 2014 im niedersächsischen Cadenberge bei Cuxhaven gestohlen wurde. Nachts sind damals mehrere Täter in das evangelische Gemeindehaus eingebrochen und haben aus dem Tresor das historisches Buch und mehrere EC-Karten geklaut. Auf einer stand sogar die PIN. Der Kriminalfall hatte es in die ZDF-Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ungelöst" geschafft. Der Polizist Dirk Stehrenberg präsentierte im TV-Studio Fotos von den vermummten Tätern aus Überwachungskameras. Die Männer passen auf jeden Fall nicht zu diesem Hells Angel.

Der Polizist aus "Aktenzeichen XY ungelöst"

Am Donnerstagmittag rufe ich bei der Cuxhavener Polizei an und lasse mich zum Ermittler Stehrenberg durchstellen. Als ich ihm mitteile, dass ich ihm die verschollene Bibel vorbeibringen will, ist der erfahrene Beamte für einen Augenblick aufgewühlt: "Was, Sie haben die Bibel?" Zwei Sekunden später ist er wieder in der Spur: "Ich belehre sie am Telefon. Sie sind jetzt Zeuge."

Unterwegs mache ich einen Abstecher nach Cadenberge. An der Kirche treffe ich Hilmar Menke, einen früheren Pastor, der bis 2007 in dem Dorf war. Er könnte die Bibel identifizieren und letzte Zweifel ausräumen.

Dafür reicht dem Prediger im Ruhestand ein einziger Blick auf den roten Stoffbeutel, der die Bibel schützt. "Den hat meine Frau genäht. Das muss so vor 20 Jahren gewesen sein." Im Gemeindehaus, da wo das Buch bis vor vier Jahren im Safe lagerte, unterstreicht der Pastor die Bedeutung: "Die Bibel ist nicht zu ersetzen. Ich kann mir den Inhalt digital im Internet angucken. Das ist aber nicht das Gleiche."

Meine Bibelfahrt endet in Cuxhaven. Der Ermittler Stehrenberg hat sein Büro im zweiten Stock bei der Polizei. Das Gebäude ist innen noch kühler als eine protestantische Kirche. Der Kriminalhauptkommissar verpackt die Bibel in einen Plastikbeutel. Sie geht zum Landeskriminalamt nach Hannover. Vielleicht finden die Techniker noch DNA vom Täter auf der Bibel. Oder Fingerabdrücke. Danach wird die Bibel nach Cadenberge zurückkehren. Hoffentlich für die nächsten 500 Jahre.


Die ganze Geschichte: Auf "SPIEGEL TV". Heute, 25.02.2019, 23.25 Uhr, RTL.