Helmut Kohl und der Speyerer Dom "Meine Hauskirche"

Im Dom zu Speyer will Helmut Kohl seiner verstorbenen Frau die letzte Ehre erweisen. Schon als junger Bursche lernte er die "architektonische Schlichtheit" der 1000-jährigen Kathedrale lieben. Als Bundeskanzler empfing er dort Staatsgäste aus aller Welt.

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Dom zu Speyer
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Dom zu Speyer

Berlin - "Seit meiner Kindheit ist der Speyerer Dom für mich Hauskirche", schreibt Helmut Kohl in seinem kürzlich veröffentlichten Tagebuch. Der Altkanzler erinnert sich, wie er als Kind mit seinen Eltern in die Domstadt wanderte. Als Jugendlicher radelte er die 20 Kilometer mit dem Fahrrad von Ludwigshafen nach Speyer.

Später, als junger CDU-Abgeordneter im Mainzer Landtag, setzte er sich stets für die nötigen Renovierungen des Bauwerks ein. Seit 1995 gehört er dem Kuratorium des Dombauvereines zu Speyer an, zusammen mit den Ministerpräsidenten Beck, Stoiber und Vogel. Die Architektur begeistert den Katholiken Kohl: "In seiner architektonischen Schlichtheit ist der Dom zu Speyer für mich ein einmaliges Kunstwerk", bekennt der Altkanzler in seinem Tagebuch.

37 Jahre dauerte der Bau des 111 Meter hohen Doms, der im Jahre 1061 eingeweiht wurde. Die Stadt Speyer konnte sich zu jener Zeit des größten Bauwerks des Abendlandes rühmen. Das Prachtexemplar romanischer Baukunst ist die Grabstätte zahlreicher salischer, staufischer und habsburgischer Herrscher und gilt als Symbol des mittelalterlichen Kaisertums.

Es war Helmut Kohl stets eine Herzensangelegenheit, Staatsgäste aller Welt in seine Hauskirche zu führen. Er verschaffte auf diese Weise dem Goldenen Buch der Kathedrale prominente Signatoren: Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, Margaret Thatcher und John Major, König Juan Carlos, Jacques Chirac, Vaclav Havel und Georg Bush.

Nach seine Abwahl 1998 hatte Verteidigungsminister Volker Rühe die Idee, Kohls Abschied von der Bundeswehr im Dom zu Speyer zu veranstalten. Bewegt erinnert sich Kohl an jenen großen Zapfenstreich: "Weit über 20.000 Menschen, die Musik, das Zeremoniell: Meine Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen."

Bewegt versagte ihm bei der anschließenden Rede die Stimme. Selten hat Helmut Kohl seine Gefühle so gezeigt wie hier. "Als Junge hat man uns beigebracht, dass ein Mann keine Rührung zu zeigen hat. Eine dümmliche Vorstellung, finde ich. Warum soll ein Mann in einer konkreten Situation nicht das Recht haben zu weinen?"

Die Kindheitserinnerungen, die Staatsgäste, der große Zapfenstreich - seine Aufenthalte in Speyer waren stets Momente des Glücks. Nun wird die Trauer ihn in seine Kathedrale führen. Und zum ersten Mal nach vielen Jahren werden die Kameras ihn nicht begleiten, wenn der Altkanzler am Mittwoch seiner verstorbenen Frau Hannelore mit einem Requiem die letzte Ehre erweist.



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