Hildburghausens Bürgermeister über Corona-Protest »Immer noch nicht den Ernst der Lage erkannt«

Hildburghausen ist der Pandemie-Hotspot des Landes. Trotzdem protestierten hier Hunderte gegen Corona-Verbote, die Polizei setzte Pfefferspray ein. Was ist in dem Thüringer Ort los? Ein Anruf bei Bürgermeister Tilo Kummer.
Polizisten in Hildburghausen: Die Menschen sprachen von Spaziergängen

Polizisten in Hildburghausen: Die Menschen sprachen von Spaziergängen

Foto: Steffen Ittig / dpa

SPIEGEL: In Hildburghausen gibt es aktuell pro Woche mehr als 600 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Trotzdem zogen am Mittwochabend Hunderte dicht an dicht über den Marktplatz. Befürchten Sie jetzt noch mehr Ansteckungen?

Kummer: Im Moment ist kein Ende absehbar, und wir planen weitere umfassende Tests, dann dürften die Fallzahlen weiter steigen.

SPIEGEL: Sie testen gegen den Protest auf der Straße an?

Kummer: Nein, wir wollen die massiven Einschränkungen im Alltagsleben möglichst kurz halten. Denn es gibt ja reale Gründe, warum Leute sagen, dass sie unzufrieden sind oder sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Da müssen wir helfen.

SPIEGEL: Aber?

Kummer: Was mich fassungslos gemacht hat, ist, wie viele Menschen gestern zum Teil auch ohne Masken in einer nicht angemeldeten Versammlung ihren Unmut ausgedrückt haben. Sie haben zum Teil offenbar immer noch nicht den Ernst der Lage erkannt.

SPIEGEL: Sie haben also Verständnis für den Ärger der Menschen, aber nicht dafür, dass sie diesen auch auf die Straße tragen.

Kummer: Richtig. Und schon gar nicht ohne Maske.

SPIEGEL: Ihre Region gilt als Hochburg von Rechtsextremen, lassen sich die Proteste denn einer politischen Strömung zuordnen?

Kummer: Es hat dort niemand geredet, die Menschen liefen mit Kerzen über den Markt, es gab aber auch ein paar Leute mit Transparenten, die ich leider nicht lesen konnte. Die, die von der Polizei auf ihre Gründe hin angesprochen wurden, sagten, sie gingen spazieren. Daraus kann ich keine politische Einordnung ableiten. Es war ein vielfältiges Publikum, aber auch diejenigen, die ihren Ärger über den Auflauf kundtun wollten, hätten eigentlich zu Hause bleiben müssen. Klar ist, es dürfte nicht die letzte Versammlung sein, in den sozialen Medien verabreden sich bereits wieder viele.

SPIEGEL: Wie konnte sich die Lage bei Ihnen überhaupt so zuspitzen?

Kummer: Unsere Region war im Frühjahr von der Pandemie nur sehr wenig betroffen. Viele Leute kannten niemanden, der Corona hatte. Als es damals starke Einschränkungen gab, fragten sich viele: »Wozu?« Diese Mentalität zog sich bis weit in den Oktober, als die Zahlen auch hier anstiegen. Die Menschen steckten sich dann vor allem auf privaten Feiern an. Jetzt haben wir auch eine massive Betroffenheit in Pflegeheimen mit häufig schlimmen Folgen für deren gesundheitlich belastete Bewohner. Wir haben Fälle bei der Feuerwehr, der Polizei und im Maßregelvollzug. In den Kitas in unserer Stadt standen bereits vergangene Woche mehr als die Hälfte aller Kinder unter Quarantäne.

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SPIEGEL: Wie wirkt sich das auf die Grundversorgung in der Stadt aus?

Kummer: Auch Klinikmitarbeiter oder Feuerwehrleute haben Kinder, doch wir müssen befürchten, dass wir noch nicht mal eine Notbetreuung für diese Kinder sicherstellen können – weil das Personal dafür selbst in Quarantäne oder erkrankt ist. Im Landkreis hatten wir zuletzt drei Feuerwachen und eine Rettungswache abgemeldet. Das heißt, dass in drei Kommunen bei uns in der Region die Feuerwehr in einem Brandfall nicht mehr rechtzeitig vor Ort gewesen wäre, auch ein Rettungswagen konnte nicht mehr fahren. Wenn mir jetzt auch noch die Hauptwache in Hildburghausen wegen Corona ausfällt, kann ich nicht mal mehr die Tunnelrettung an der ICE-Strecke bei uns sicherstellen. Wir arbeiten am Limit und müssen die Verwaltung am Laufen halten.

SPIEGEL: Warum äußert sich dennoch so laut Unmut über die Verbote?

Kummer: Das lief vor allem über die sozialen Netzwerke, und wenn ich mir die große Demo in Leipzig ansehe, ist Hildburghausen ja nicht losgelöst vom Rest des Landes. Es herrscht ein aggressiver Ton. Bezüglich der Corona-Tests und einer erwarteten Impfung werden extreme Positionen vertreten, bis hin zu Verschwörungstheorien. Zu der schnellen Entwicklung der Impfstoffe kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein, aber von einem Corona-Test geht doch keine Gefahr aus. Der Landkreis will nächste Woche mit Schnelltests versuchen, unsere Schulen und Kitas wieder in einen Regelbetrieb zu überführen. Dafür hat das Land 10.000 Tests beschafft.

SPIEGEL: Wollen Sie Ihre Bürgerinnen und Bürger zu den Tests zwingen?

Kummer: Nein, die Tests sollen freiwillig sein. Doch wir brauchen dringend ein Bild von der Lage, und wir hoffen, dass betroffene Eltern von der Kinderbetreuung wieder entlastet werden können. Die, die negativ getestet sind, sollen wieder in Schule oder Kita gehen dürfen. Wir werden sehen, wie hoch die Testbereitschaft dann ist.

SPIEGEL: Müsste die Bundesregierung die aktuelle Corona-Politik besser erklären?

Kummer: Schon seit Monaten hakt es dabei, finde ich. Da gibt es dann eine Telefonkonferenz von Bund und Ländern, hinterher eine Schalte der Landesminister mit den Landräten, und vor Ort erfahren wir als Letzte davon. Am Montag war ich im Rathaus im Kultur- und Sozialausschuss, ein Stadtratskollege wies mich auf einen MDR-Bericht hin mit der Information, dass beschlossen worden sei, dass ich am Mittwoch alle städtischen Kitas zu schließen hätte. Vorher habe ich das nicht gewusst und hätte die Bürger auch nicht früher informieren können. Eltern, die keinen Anspruch auf eine Notbetreuung haben, mussten plötzlich binnen eines Tages schauen, wie bekommen sie ihre Kinder versorgt. Auch der Sinn der Maßnahmen wurde nicht immer erklärt.

SPIEGEL: Was wollen Sie selbst tun?

Kummer: Wir wollen verstärkt über die Facebook-Seite unserer Stadt informieren. Doch die beiden Mitarbeiter, die diese betreuen, sind auch gerade erkrankt.

SPIEGEL: An Covid-19?

Kummer: Ich hoffe nicht, das Testergebnis steht noch aus.

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