Ein Zettel und seine Geschichte Andrea, 27, bittet Taubenfreunde zu Tisch

Anna Aridzanjan

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Stadttauben, die Ratten der Lüfte, kaum jemand mag sie. Andrea aus Berlin will helfen - und richtet in einem vegan-vegetarischen Restaurant den Stammtisch der Taubenfreunde aus. Was steckt dahinter?

Schwer zu sagen, wann der Abstieg begann, von ganz oben nach ganz unten. Früher einmal überbrachten sie für den Kaiser von China die Nachrichten, ebenso für Julius Cäsar und Dschingis Khan. Selbst die Nachrichtenagentur Reuters setzte in ihren Anfangsjahren auf Brieftauben, Internet gab es 1850 schließlich noch nicht.

Auch heute noch werden Tauben mitunter zu Hochzeiten eingeladen, als Ehrengäste, begrüßt mit vielen "Ohhhs" und "Ahhhs", oder sie werden geköpft und als Delikatesse verspeist. Manche schicken sie auch um die Welt, Brieftaubensport nennt sich das, besonders interessant für jene, die gern Wettbewerbe gewinnen, ohne sich selbst übermäßig zu bewegen.

Die gemeine Stadttaube hingegen hat über die Jahre so sehr an Status eingebüßt, dass ihr nicht einmal ihr Name geblieben ist: "Ratte der Lüfte" heißt sie nur noch, seitdem ein städtischer Beamter sie 1966 in einem "New York Times"-Artikel so bezeichnete.

Andrea, 27, hat das eine Weile beobachtet.

Sie liebt Tiere, früher, als sie noch auf dem Dorf lebte, gehörten ihr Hühner, Kaninchen und eine Katze. Später, in Berlin, demonstrierte sie gegen Massentierhaltung, gegen Tierversuchslabore, gegen Hundetötungen in Rumänien und für eine vegane Lebensweise.

Heute, sagt sie, habe sie kaum noch Zeit für Demos, denn seit eineinhalb Jahren sitzt sie oft im Wartezimmer beim Tierarzt. Auf dem Schoß immer eine andere Stadttaube.

Dabei geht es ihr gar nicht darum, ob sie diese Vögel nun mehr mag als andere Tiere, sie hat lediglich Angebot und Nachfrage analysiert: Rund 10.000 Stadttauben leben vermutlich in Berlin, weltweit könnten es - je nach Schätzung - bis zu 340 Millionen sein. Und wer tritt für ihre Rechte ein? Tierschützer kümmern sich meist lieber um Hund, Katze oder Kegelrobbe, das lässt sich besser verkaufen.

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Andrea also nahm sich der Ausgestoßenen an, es gehe ihr um Verantwortung, sagt sie. Denn bei Tauben gebe es so viele Missverständnisse und Vorurteile, Krankheiten sollen sie übertragen, dabei sind sie nicht ansteckender als Hunde und Katzen. Und dieser Kot überall.

Andrea sagt: "Viel ekeliger finde ich die Berliner Bahnhöfe am Wochenende: Überall liegen Bierflaschen, manchmal sogar Fäkalien und Erbrochenes. Der Mensch macht viel mehr Dreck, obwohl er den Mülleimer erfunden hat." Tauben, sagt sie, seien ganz soziale Tiere mit ganz individuellen Eigenheiten: "Einige sind schüchterner, andere frecher."

Angefangen hat alles vor rund eineinhalb Jahren in Berlin am Bahnhof:

Es war Herbst, kalt und schon längst dunkel, als Andrea am Bahnsteig eine Taube entdeckte, ganz aufgeplustert war sie. Wenn nachts eine Taube am Boden sitzt, dann geht es ihr nicht gut, das wusste Andrea damals schon. Also versuchte sie, die Taube zu fangen, erst allein, später half ihr eine Frau. Vergebens.

Was aus der Taube wurde, ist nicht bekannt, Andrea und diese Frau aber freundeten sich an. Sie brachte Andrea auch auf die Idee, einen Stammtisch zu gründen und dafür Werbung zu machen: "Freunde der Stadttauben treffen sich zum Stammtisch", schrieb Andrea auf einen Zettel und druckte mehr als 2000 Exemplare, einige hängte sie auf, andere legte sie aus, beim Veganen Sommerfest auf dem Berliner Alexanderplatz zum Beispiel.

Seit März 2015 treffen sich einmal im Monat rund zehn Taubenfreunde, vor allem aber - wie oft im Tierschutz - Taubenfreundinnen, in einem vegan-vegetarischen Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Zwischen 20 und 70 Jahren sei alles dabei, sagt Andrea. Sie reden dann über Taubenpflege, Taubenschläge, Taubenärzte und manchmal auch über Tierschutz allgemein. Denn: "Wer eine verletzte Taube findet, ist nicht davor gefeit, auch mal eine verletzte Krähe zu finden", sagt Andrea.

Andrea hat schon viele verletzte Tauben gepflegt.

Inzwischen weiß sie, welche Ärzte ihr helfen, ihr vielleicht auch mal finanziell entgegenkommen, denn so eine Pflege, die kostet. Deswegen versucht Andrea, selbst zu helfen, bevor sie zur Praxis fährt, und trägt immer ein Erste-Hilfe-Set bei sich, Futter, Pinzette, Desinfektionsmittel und Nagelschere. Damit schneidet sie zum Beispiel Fäden durch, die sich in den Krallen verheddert haben.

Wenn sie eine Taube befreit hat und die davon flattert, dann freut sich Andrea. Und wenn eine Taube stirbt, dann weint sie manchmal. Denn: "Jedes Einzelschicksal zählt."

In Andreas perfekter Welt gibt es ausreichend Taubenschläge mit frischem Wasser, Futter und Nestern, in denen Taubeneier regelmäßig gegen Attrappen aus Gips oder Plastik ausgetauscht werden, um so die Population ein wenig zu minimieren.

In Andreas perfekter Welt müssen Tauben nicht mehr bei Hochzeiten fliegen und auch nicht bei Wettbewerben, sondern höchstens auf Bitten des Kaisers. Dann wäre die Taube wieder dort angekommen, wo sie früher einmal geflogen ist: hoch oben in der Gunst der Mächtigen.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch "Herz verloren - Hund gefunden. Zettel und ihre Geschichten", erschienen am 1. September im Piper Verlag.

Wer sich für Stadttauben interessiert, dem sei auch dieser Artikel empfohlen, erschienen im Magazin der "Süddeutschen Zeitung".

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i.dietz 09.09.2016
lemmy01 09.09.2016
Newspeak 09.09.2016
Grorm 09.09.2016
helmutholz 09.09.2016
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