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Fritz Wiedemann: Vom Vorgesetzten zum Gegner Hitlers

Foto: National Archives of the United States

Dokumentenfund Hitlers Front-Vorgesetzter konspirierte mit Briten

Im Ersten Weltkrieg war Fritz Wiedemann Vorgesetzter und Vaterfigur für Adolf Hitler, später sein Adjutant - dann wandelte er sich zum Gegner: Neue Forschungsergebnisse belegen die Entschiedenheit, mit der er Briten und Amerikaner zu dessen Sturz drängte.

Aberdeen/Hamburg - Er gehörte zu den wenigen, die Adolf Hitler jahrelang Befehle erteilten: Fritz Wiedemann, während des Ersten Weltkriegs ab Oktober 1915 Adjutant im Stab des sogenannten Regiments List und damit direkter Vorgesetzter des Meldegängers Hitler. Er schätzte ihn offenbar, jedenfalls unterstützte er die Verleihung des Eisernen Kreuzes an Hitler. Nach der Machtübernahme revanchierte sich der Diktator und machte Wiedemann 1935 zu seinem Adjutanten.

Ausgerechnet dieser langjährige Vertraute Hitlers sollte später zu einem entschiedenen Gegner des Diktators werden. Mehr noch: Dokumente belegen, dass Wiedemann den britischen und amerikanischen Geheimdienst inständig zu einem entschiedenen Vorgehen gegen Hitler drängte. Und das bereits zu einem Zeitpunkt, als sich dieser auf dem Höhepunkt seiner Macht befand - im Herbst 1940, nach dem erfolgreichen Frankreich-Feldzug.

"Die Tatsache, dass Wiedemann sich völlig gegen Hitler stellte, ist bislang unbekannt", sagt Thomas Weber, Historiker aus Hagen, der an der Universität Aberdeen lehrt. Bereits im vergangenen Jahr veröffentlichte er ein vielbeachtetes Buch über die Rolle des Ersten Weltkriegs in der Biografie Hitlers . Für die Taschenbuchausgabe recherchierte Weber weiter zu den Schicksalen von Hitlers Kampfgefährten aus dem Regiment List.

Briten sollten so hart wie möglich zuschlagen

Wiedemann und Hitler hatten sich nach Kriegsende 1918 aus dem Auge verloren, erst nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kamen sie wieder in Kontakt. Ab Anfang 1935 fungierte Wiedemann als Adjutant Hitlers, büßte aber im Zuge der immer aggressiveren deutschen Außenpolitik einiges an dessen Gunst ein, offenbar wegen seiner Vorbehalte gegen einen Krieg. Es kommt schließlich zu einem Zerwürfnis; Anfang 1939, acht Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, schickt Hitler Wiedemann weit weg - als Generalkonsul nach San Francisco in die USA.

Dort traf sich Wiedemann nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mehrmals mit dem britischen Geheimdienstvertreter Sir William Wiseman. In dessen Nachlass fand Historiker Weber nun Aufzeichnungen zu einem dieser Gespräche im Herbst 1940, in denen Wiedemann besonders offen vor Hitler warnte: Dieser habe eine gespaltene Persönlichkeit, ferner seien ihm seine Erfolge zu Kopf gestiegen. Er gehöre zu den grausamsten Menschen der Welt, sehe sich als besserer Napoleon, und Frieden mit ihm könne es nicht geben.

Wiedemann redete demnach mit Wiseman auch über den Stand der deutschen Angriffspläne auf Großbritannien und empfahl den Briten nachdrücklich, selbst so schnell wie möglich hart zuzuschlagen. Zudem erzählte er dem britischen Geheimdienstler, die Moral der deutschen Bevölkerung und die Unterstützung Hitlers seien niedriger als angenommen.

Einfluss für jüdische Kameraden geltend gemacht

Seinen Widerstand hätte Wiedemann auch öffentlich gemacht, um die Kampfbereitschaft in den USA - die damals noch lange nicht im Kriegszustand mit Deutschland waren - gegen die Nazi-Diktatur zu stärken: Er bot demnach an, in der US-Presse quasi als Kronzeuge über das Regime auszupacken und dessen wahre Natur offenzulegen. Allerdings intervenierte das Weiße Haus; an einer Konfrontation mit Deutschland war der Roosevelt-Regierung zu diesem Zeitpunkt nicht gelegen.

Historiker Weber fand außerdem Belege dafür, dass Wiedemann seinen Einfluss geltend machte, um mehrere jüdische Kameraden aus Hitlers früherem Regiment List vor Verfolgung zu schützen.

Sein Engagement - Weber nennt es "Hochverrat" - gegen die Hitler-Diktatur hätte Fritz Wiedemann mit großer Sicherheit das Leben gekostet, wäre es den Nazis bekanntgeworden. So aber wurde er nach der Kriegserklärung Deutschlands an die USA im Dezember 1941 aus San Francisco abberufen und nach China versetzt.


Thomas Weber: "Hitlers erster Krieg". List Taschenbuch, Berlin; 608 Seiten; 12,99 Euro.

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