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Diebstahl Hitze ins Gesicht

Mit einem bundesweit einmaligen Projekt versucht ein Gerichtspsychiater in Bayern, Kleptomaninnen vom Klauzwang zu kurieren.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Die Prozedur war jedesmal dieselbe: Der Hausdetektiv strebte auf Marlene Möllers*, 57, zu und bat sie diskret, ihn ins Büro zu begleiten - Verdacht auf Ladendiebstahl. Dort durchwühlte er ihre Einkaufstasche, zog einen Tiegel Gesichtscreme hervor und murmelte: »Das hab'' ich doch gleich gewußt.«

Beim ersten Mal wurde das Verfahren gegen Möllers noch eingestellt, wegen Geringfügigkeit. Beim zweiten Mal mußte sie aber vor Gericht; ein Routinefall, in 20 Minuten abgehandelt. Doch wenige Monate später stand Möllers wieder da - wegen Diebesguts im Wert von 13,50 Mark. Der Richter schickte sie zur psychiatrischen Begutachtung. Ergebnis: Möllers leidet unter Kleptomanie, dem »Zwang zu stehlen, ohne sich zu bereichern«, wie es der Duden definiert.

Der Psychiater wies sie auf eine Einrichtung hin, die in dieser Art bundesweit einmalig ist: die Selbsthilfegruppe für Kleptomanen im bayerischen Ingolstadt. Derzeit suchen dort neun Frauen im Alter zwischen 29 und 69, die sich selbst »Elstern« nennen, gemeinsam mit einer Psychologin und zwei Bewährungshelferinnen nach Lösungen. Die meisten therapiewilligen Diebe seien Frauen, ein »männliches Mitglied«, glaubt Hubert Haderthauer, 39, Leiter der »Gerichtsärztlichen Dienststelle bei dem Landgericht Ingolstadt«, würde »die Stimmung in der Gruppe stören«. _(* Name von der Redaktion geändert. )

Vor zehn Monaten hat der Gerichtspsychiater die Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen. Seine Mitarbeiterinnen helfen ehrenamtlich, das Geld für Papier oder Fahrten kommt von Temposündern und Schwarzfahrern, die ihr Bußgeld direkt an die Gruppe überweisen müssen.

Keine der »Elstern« mußte bisher erneut vor Gericht. »Insofern«, sagt Haderthauer, »hilft die Gruppe auch der Justiz - beim Kostensparen.« Das Projekt könnte auch in weiteren Städten Schule machen, mehrere Kollegen haben sich bereits bei Haderthauer nach seinen Erfahrungen erkundigt. Denn rund 20 Prozent der 614 000 polizeilich registrierten Ladendiebstähle im Jahr 1995 wurden, so schätzt der Psychiater, von Kleptomaninnen begangen. Doch Therapieangebote gibt es kaum.

Kleptomaninnen gelten bei vielen als luxussüchtige Frauen auf der Suche nach Nervenkitzel. Doch die meisten sind brave Bürgerinnen und registrieren erst hinterher, was sie zusammengerafft haben. »Vor dem Kaufhausregal«, erzählt eine der »Elstern«, sei die Wirklichkeit für Sekunden ausgeblendet: »Der Körper produziert Adrenalinstöße. Du schaust dich um. Und dann schwärmt deine Hand aus wie ein Teil, das sich vom Körper gelöst hat, und greift nach diesem lächerlichen Cremetopf.«

Dieses Phänomen hatten französische Psychiater bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts, kurz nach Eröffnung der ersten Kaufhäuser in Paris, beobachtet: Zu ihnen kamen gutsituierte Frauen, die aus unerklärlichen Motiven Stoffe, Strümpfe und Lebensmittel mitgehen ließen. »Magazinitis« nannten die Wissenschaftler das, eine Störung, die zu einer »isolierten Schädigung des Willens« führt.

150 Jahre später untersuchten in Deutschland die beiden Mediziner Norbert Leygraf und Klaus Windgassen 52 Patienten, die unter Stehlzwang litten. Bei vielen diagnostizierten sie eine Depression, ausgelöst etwa durch Scheidung, Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus des Partners. Die »Elstern«, allesamt Frauen aus der Mittelschicht, hatten meist Kinder großgezogen, den Haushalt versorgt, ihre eigenen Bedürfnisse dabei stets zurückgestellt. »Das Stehlen«, meint Haderthauer, »ist ein Ausbruchsversuch.«

Deshalb bemühen sich die »Elstern« während der Gruppenstunden erst einmal, verdrängte Familienkonflikte aufzurollen. Wie eine Mischung aus Schulklasse und Kaffeekränzchen sitzen sie im Kreis in einem Familienzentrum am Rand der Stadt und erzählen.

Annemarie Kayser*, Mitte 50, schildert, wie es sie in die Kaufhäuser zog, wenn sich Alltagssorgen wie eine unüberwindliche Hürde vor ihr auftürmten; wie ihr bei Horten die Hitze ins Gesicht schoß, wie ihr angst und bange wurde, weil sie sich nicht wehren konnte gegen das Bedürfnis zuzugreifen.

Stefanie Dangel* neben ihr hat im Kaufhaus jahrelang Babysachen mitgehen lassen. Vor über 20 Jahren hatte ihr ein Frauenarzt bei schwangerschaftsähnlichen Symptomen bescheinigt, sie bekomme kein Kind, und ihr ein fruchtschädigendes Medikament gespritzt. Dann stellte sich heraus: Frau Dangel erwartete doch ein Kind. Der Arzt riet zur Abtreibung. Dangel folgte. Monate später ging sie in ein Kaufhaus, steckte zunächst eine Babymütze ein; dann einen Strampelanzug, Söckchen, einen Schnuller - eine Grundausstattung für das nie geborene Baby.

Im Rollenspiel mit den anderen »Elstern« lernen die Frauen, auf ihren Partner zuzugehen und sich auch mal durchzusetzen. Psychodrama nennen Psychologen die Technik. Die Erfolge: Eine der »Elstern« hat ihren Mann nach langen Auseinandersetzungen endlich dazu gebracht, sich einer Alkoholtherapie zu unterziehen. Und drei von ihnen sind sogar schon wieder ohne Angst durch die Ingolstädter Kaufhäuser und Boutiquen gebummelt. Y

* Name von der Redaktion geändert.

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