Hitzewelle Deutschland glüht in Sahara-Hitze

Wüstenwinde, Feuerinferno, kochende Großstädte: Temperaturen wie im Backofen lähmen das Leben auf der Nordhalbkugel. Deutschland brät bei Temperaturen bis zu 40 Grad, in Kanada brennt der verdorrte Wald wie ein Osterfeuer, in China saugen Millionen Klimaanlagen die Stromnetze leer und am Montblanc schmilzt ein Eistunnel.


Sonne, Sonne, Sonne: Am Mittwoch sollen die Temperaturen auf 40 Grad steigen
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Sonne, Sonne, Sonne: Am Mittwoch sollen die Temperaturen auf 40 Grad steigen

Hamburg - Und es wird noch heißer: Im Südwesten Deutschlands kann am Mittwoch sogar die 40-Grad-Marke angesteuert werden, wie der Deutsche Wetterdienst in Offenbach am Sonntag mitteilte. Das Hoch "Michaela" liegt wie ein fetter Hitzefladen auf der Nordsee. An seinen Rändern fächert knochentrockene Festlandsluft heran, sogar aus der Sahara saugt das Wettersystem Wüstenluft in den Norden. Regen ist nirgends in Sicht. Selbst Hitzegewitter sind so gut wie ausgestorben.

Während die Ebenen vor knapp einem Jahr von einem Jahrhunderthochwasser überflutet wurden, trocknen die Flüsse derzeit fast aus. Für die Meteorologen ist der Sommer rekordverdächtig, vor allem, wenn die Hitze noch ein paar Tage anhält.

Das Backofenwetter macht derzeit besonders den Stadtmenschen zu schaffen, wo die Temperaturen auch nachts nicht unter 20 Grad sinken. Die rund 30.000 Fans des größten Heavy-Metal-Festival Europas in Wacken (Schleswig-Holstein) mussten gar von der Feuerwehr mit Wasser berieselt und so auf irdische Temperaturen heruntergekühlt werden. Dennoch waren viele der Mischung aus Sonne und Alkohol nicht gewachsen. Bei Temperaturen um 30 Grad versorgten 200 Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes rund 1200 Mal geschwächte Konzertbesucher.

Sonnenuntergang bei Wuhan/China: Klimaanlagen zwingen Stromnetz in die Knie Waldfeuer in British Columbia: Schlimmste Brände seit 50 Jahren Baden an der Ostsee: Backofenhitze heizt Wasser auf Mittelmeertemperatur

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Die Wüstentemperaturen heizen das träge Ostseewasser auf Mittelmeerniveau, in Finnland sind bereits zahlreiche Menschen ertrunken, die ein ungewohntes Bad in der normalerweise kühlen Sommersee gesucht hatten. Am Montag steigen die Temperaturen an der See auf 25 und am Oberrhein sogar auf 37 Grad. Lediglich die Nächte bringen etwas Erfrischung. Der Hitze geplagte Südwesten kühlt dann auf 20 Grad ab, andernorts sind sogar Tiefstwerte von 14 Grad möglich.

Hitzetote in Portugal

Auch andere Länder auf der Nordhalbkugel sind von Hitzewellen erfasst. In Spanien und Portugal starben acht Menschen. In Süden der iberischen Halbinsel wurden am Sonntag erneut Temperaturen von über 40 Grad gemessen. Die portugiesische Regierung bat die Europäische Union wegen der Waldbrände um Hilfe und rief das Kabinett zu einer Krisensitzung zusammen.

In Spanien wüteten in verschiedenen Teilen des Landes heftige Waldbrände. In Madrid wurde mit 41,5 Grad die größte Hitze seit zehn Jahren gemessen. Bei Cáceres im Südwesten mussten über 500 Menschen vor den vorrückenden Flammen in Sicherheit gebracht werden.

Im Mont-Blanc-Massiv ist ein Eistunnel wegen Einsturzgefahr auf Grund der großen Hitze vorübergehend geschlossen werden. Im Elsaß wird das Kernkraftwerk Fessenheim bei Colmar mit Wasser besprüht, um einen störungsfreien Betrieb zu garantieren. Mit dem Sprühsystem auf dem Dach bleibe die Temperatur konstant, sagte eine Sprecherin des Kernkraftwerks am Sonntag. In den vergangenen Tagen war in den Reaktor-Gebäuden die Temperatur auf 48 Grad geklettert, bei über 50 Grad muss die Anlage geschlossen werden.

Waldbrände verwüsten kanadischen Urwald

Im kanadischen Bundesstaat British Columbia wüten die schlimmsten Waldbrände seit einem halben Jahrhundert. Rund 10 000 Menschen sind auf der Flucht, dutzende Häuser gingen in Flammen auf, die Regierung hat den Notstand für die ganze Provinz ausgerufen. Die Rekordhitze hat den kostbaren Wald ausgedörrt, uralte Baumriesen aus der Indianerzeit gehen wie vertrocknete Weihnachtsbäume in Funken auf.

Unteruckersee im brandenburgischen Prenzlau: Die Wassertemperatur hat die 20 Grad übnerschritten Über den Pamplonne-Strand bei St. Tropez ziehen noch immer die Rauchwolken der Waldbrände Bei 32 Grad Lufttemperatur sitzt die dreijährige Josephine am Strand des Helenesees nahe Frankfurt/Oder: An dem Tagebausee tummelten sich an diesem Wochenende rund 10.000 Menschen.

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Regierungschef Gordon Campbell sprach von der schlimmsten Lage seit 50 Jahren, der Wald sei vermutlich noch nie so trocken gewesen wie in diesem Sommer. Provinzweit wurden 353 Waldbrände gemeldet, von denen nach Schätzungen der Forstbehörde etwa die Hälfte von Menschen verursacht wurde.

In dem von Indianern bewohnten Dorf Louis Creek verbrannten 60 Wohnhäuser und eine Sägemühle, in der nahe gelegenen Stadt Barriere gingen 25 Häuser in Flammen auf. Die Stromversorgung brach in einigen Gebieten zusammen, eine Fernstraße sowie Zugverbindungen mussten gesperrt werden. Feuerwehrleute aus anderen kanadischen Provinzen und den USA eilten ihren Kollegen in British Columbia zu Hilfe.

Ratternde Klimaanlagen lassen Stromnetze zusammenbrechen

In China wird der Strom knapp, Fabriken müssen ihre Produktion drosseln, nachts werden Gebäude in einzelnen Städten abgedunkelt: Millionen von Klimaanlagen, die nonstop auf höchster Stufe gegen die Hitze anrattern, saugen die Netze leer. Schanghai erlebte am Samstag mit knapp 40 Grad die höchsten Temperaturen seit 60 Jahren, die Hitzewelle in der Hafenmetropole ist die längste seit einem Jahrhundert.

In Schanghai oder auch der boomenden Metropole Shenzhen in Südchina nahe Hongkong wurde Hunderten von Unternehmen vorübergehend der Strom abgestellt. Auch wurden Firmen aufgefordert, freiwillig ihre Produktion zu strecken. In der größten chinesischen Metropole Chongqing, wo 30 Millionen Menschen leben, seien in der Innenstadt immer wieder Stromleitungen und Transformatoren ausgefallen, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua. Auf dem Land zerstört die Dürre die Ernte, vielerorts wird das Trinkwasser knapp. Auch in Südchina soll das heiße Wetter noch mindestens zehn Tage anhalten.



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