Hitzewelle Todesfalle Badesee

Bei den Rekordtemperaturen zieht es Tausende an Strände und Badesseen. Doch das Badevergnügen sorgt nicht nur für Erfrischung und Abkühlung: Jeden Tag kommt es zu Unfällen. Seit Freitag starben mindestens sieben Menschen beim Schwimmen.


Hamburg – Gestern am Altwarmbüchener See nahe Isernhagen in Niedersachsen: Gleich zweimal müssen die Wasserretter ausrücken: Erst springt ein 31-Jähriger beim Herumtollen mit seinem achtjährigen Sohn kopfüber ins Wasser und verletzt sich schwer am Genick. Er wird mit Verdacht auf Querschnittslähmung ins Krankenhaus gebracht. Am Abend sucht ein Tauchtrupp nach einem 29-Jährigen. Freunde hatten ihn nach dem gemeinsamen Schwimmen vermisst. Er kann nur noch tot geborgen werden.

Nur zwei Beispiele aus dieser Woche. Die Erfahrung, dass in heißen Sommern die Zahl der Badeunfälle steigt, haben die Rettungsschwimmer bereits in der Vergangenheit gemacht. Nach Angaben der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) erhöht sich in solchen Supersommern die Zahl der Badetoten um bis zu 150 im Vergleich zu kühleren Jahren. Fast täglich wird jetzt mindestens ein Badetoter gemeldet. Bis Ende Juni sind bereits 250 Menschen in Deutschland ertrunken. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es 175 gewesen, sagte DLRG-Sprecher Martin Janssen der Nachrichtenagentur ddp.

Sechs Tote innerhalb weniger Stunden

Am Freitag starben in innerhalb weniger Stunden gleich sechs Menschen beim Baden: Im niedersächsischen Hodenhagen entdeckte die Besatzung eines Polizeihubschraubers am Nachmittag einen ertrunkenen Fünfjährigen in einem Badesee. Angehörige hatten den Jungen als vermisst gemeldet. Am Abend wurde im Kleinen Rothsee südöstlich von Nürnberg der leblose Körper eines weiteren Fünfjährigen entdeckt. Wie die Polizei mitteilte, war das Kind, das nicht schwimmen konnte, anscheinend plötzlich ins Wasser gegangen und im tieferen Bereich des Stausees untergegangen.

In der Nacht wurde bei Hohenfelde bei Kiel ein Junge entdeckt, der leblos in der Ostsee trieb. Der Junge wurde wiederbelebt, starb aber später im Krankenhaus. Im Ostseebad Möwenstein bei Travemünde entdeckten Badegäste eine bewusstlose 81-Jährige. Auch sie starb nach der Wiederbelebung.

Leichtsinn als Unfallursache

Als einen der Gründe für den Anstieg der tödlichen Badeunfälle sehen die Wasserretter zunehmenden Leichtsinn. So sei es unverständlich, wenn jemand bei 35 Grad nach einem mehrstündigen Sonnenbad sofort ins Wasser springe, sagte DLRG-Sprecher Janssen, "Vor allem das Baden an unbewachten Seen und Flüssen ist gefährlich. Das Risiko, dort zu ertrinken, ist um ein Vielfaches höher als an bewachten Badestellen."

Auch die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nennt ähnliche Gründe für die steigende Zahl der Badeunfälle. "Da wird bei Gewitter ins Wasser gegangen, Nichtschwimmer paddeln auf einer Luftmatratze auf den See hinaus, oder ältere Menschen überschätzen sich", erklärt Joachim Weiß von der Wasserwacht.

Jeder achte Badetote ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nicht älter als 15 Jahre. Und bei den bis zu 20-Jährigen ist die Zahl der tödlich Verunglückten von 67 im Jahr 2004 auf 85 im Vorjahr angestiegen. Als eine Ursache nennen Experten, dass immer weniger Kinder schwimmen können. Nur jedes fünfte Kind lernt dies noch in der Schule. Bei der DLRG ist die Zahl der Schwimmprüfungen zurückgegangen. Lediglich 55.500 Mädchen und Jungen machten 2005 das "Seepferdchen".

Ältere Menschen überschätzen ihre Kräfte

Aber nicht nur Jugendliche zählen zunehmend zu den Badeopfern, sondern auch immer mehr ältere Menschen. "Laut Statistik ist jeder zweite Ertrunkene über 50 Jahre alt", sagt der DLRG-Sprecher. Sie seien oft schlechte Schwimmer, überschätzten ihre Kräfte und gerieten so in Gefahr. "Übertriebener sportlicher Ehrgeiz, gepaart mit Herz-Kreislauf-Problemen, ist eine gefährliche Mischung", so Janssen.

Um den Tod am Badessee zu verhindern engagieren sich bundesweit 55.000 Rettungsschwimmer. Allein die Helfer der DLRG retteten im vergangen Jahr 1332 Menschen aus gefährlichen Situationen.

sac/ddp/dpa/ap



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