Hochwasser in Bangkok Angst vor dem Tag X

Sorgenvoll schauen die Bewohner Bangkoks auf die Fluten, der Flusspegel in der thailändischen Hauptstadt hat einen Rekordstand erreicht. Noch halten die Dämme, bisher bleibt das befürchtete Chaos aus. Doch immer neue Wassermassen drängen in die Millionenmetropole.

Von Freddy Surachai, Bangkok


Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Sonntag in Bangkok. Auf dem traditionellen Chatuchak-Wochenendmarkt drängen sich die Touristen. Etwas weniger als sonst vielleicht, aber das Sprachengewirr ist international wie immer: Deutsch, Englisch, Japanisch, Russisch. Hier gibt es alles, von der antiken Buddha-Figur bis zum Klodeckel, von der Unterhose bis zum Hundebaby. Es wird gefeilscht, gelacht, gekauft. Business as usual.

Wenige Kilometer entfernt: Auf der Terrasse des "Oriental" lassen sich Gäste mit den kulinarischen Köstlichkeiten des Fünf-Sterne-Hotels verwöhnen. Gelassen blicken sie auf den Chao Phraya, den "Fluss der Könige", auf die Express-Boote, die nach wie vor streng nach Fahrplan zu den Touristen-Attraktionen fahren. Nach heftigen Regenfällen in der Nacht scheint die Sonne.

Auf den ersten Blick ist wirklich alles wie an jedem Sonntag. Aber der sonst so majestätisch dahin fließende Chao Phraya ist zum Strom geworden. Am Samstag hat der Wasserstand die Rekordhöhe von 2,15 Meter erreicht. Tendenz: steigend. Ungeheure Wassermassen wälzen sich durch Bangkok. Noch 65 Zentimeter bis zum Überfließen, sagt Provinz-Gouverneur Skhumbhand Paribatra.

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Hochwasserkatastrophe: Bangkoks Dämme halten
Bisher hieß es, die gefährliche Grenze läge bei 2,50 Metern. Offensichtlich weiß niemand genau, wann der kritische Punkt erreicht ist, an dem die Gefahr zur Katastrophe wird. Bangkok-Touristen empfinden an diesem Tag vielleicht eine Mischung aus Gruseln und Faszination. Doch für die Besitzer der Andenkenlädchen und der Garküchen, für die Schneider und die Antiquitätenhändler, vor allem für die Anwohner in den kleinen Gassen in Ufernähe ist dieser Sonntag alles andere als ein normaler Tag. Es ist ein Tag der Angst, der Tag vielleicht, an dem sich entscheidet, ob auch Bangkok in den Fluten versinkt.

Stündlich rückt das Wasser näher

Regierung und Stadtverwaltung warnen, das Wasser, das bereits weite Teile Thailands verwüstet hat, könne in den kommenden Stunden auch die Metropole erreichen. Sie malen Schreckensszenarien und versichern gleichzeitig gebetsmühlenartig: "Alles unter Kontrolle."

Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra spricht inzwischen vom schlimmsten Hochwasser in Thailands Geschichte. Sie sagt offen, die Regierung sei mit ihrer Weisheit am Ende und habe die Armee zu Hilfe gerufen. Boonsanong Suchartpong, Sprecher des "Royal Irrigation Department", erklärt dagegen ungerührt, die Leute sollten sich keine Sorgen machen. "Das Gesamtbild sieht gut aus." Die "Bangkok Post" hat allerdings am Samstag eine Google-Earth-Karte veröffentlicht, die einen das Fürchten lehren kann: Nur eine schmale Landzunge trennte die Metropole noch von den gewaltigen Fluten, die sich im Norden aufgestaut haben. Und stündlich rückt das Wasser näher.

So gut es geht, versuchen die Menschen sich zu schützen. Khun Ong, die einen Steinwurf vom "Oriental" entfernt einen Silber-Laden hat, gibt sich gelassen: "Wenn es so weit ist, bringe ich alle meine Sachen in den ersten Stock hoch. Da sind sie sicher." Ihr Nachbar hat den Eingang zu seinem Geschäft mit Sandsäcken dicht gemacht. Andere haben ihre Läden ausgeräumt und die eisernen Rollläden gar nicht erst hochgezogen.

"Mindestens sieben Stunden" betrage die Vorwarnzeit, wenn evakuiert werden müsse, versicherte Gouverneur Paribatra am Samstag. Aber kaum jemand glaubt ihm. Aus dem Kampf gegen die Flut ist eine erbitterte politische Schlammschlacht zwischen ihm und Regierungschefin Yingluck geworden - auf Kosten der Bürger. "Wir wissen doch aus Ayutthaya und Pathum Thani, wie schnell es gehen kann, wenn ein Deich bricht", sagt ein 31-jähriger Architekt. Dort hat es zum Teil nur zehn Minuten gedauert, bis nach der ersten Warnung das Hochwasser alles überspült hat. "Wir müssen uns selber helfen", sagt der Mann. Eine frühere Mitarbeiterin der Stadtverwaltung klagt: "Wer gute Beziehungen zu den Behörden hat, kriegt Pumpen und Sandsäcke. Die andere müssen sehen, wo sie bleiben."

Die Preise steigen rapide

Menschen aus den Flutgebieten suchen Zuflucht in den Notquartieren im Norden Bangkoks. Sie bringen ihre Haustiere mit, Hunde, Katzen, Kaninchen, Vögel, Hühner, sogar Eichkätzchen. Darauf waren die Behörden nicht vorbereitet. Jetzt wird eilends Tiernahrung gekauft, werden Käfige gebaut und Tierärzte angeheuert.

Merkblätter für den Katastrophenfall werden verteilt: Sandsäcke kaufen und Silikon zum Abdichten von Fenstern und Terrassentüren. Ausreichend Grundnahrungsmittel und Trinkwasser bereithalten. Aber die Preise für Reis, Nudeln, Trinkwasser steigen rapide, die Profiteure der Flut bereichern sich schamlos. "Steckt diese Parasiten ins Gefängnis", schäumt die "Bangkok Post".

Ganz alltägliche Dinge werden plötzlich problematisch: Anders als in Deutschland hängt die Trinkwasserversorgung in den meisten Häusern in Bangkok an elektrischen Pumpen. Doch im Ernstfall wird der Strom abgeschaltet - wenn das Leitungsnetz durch die Nässe nicht schon vorher zusammengebrochen ist. Ohne Strom kein Wasser. "Und ohne Wasser kein Klo", sagt Anwohnerin Khun Nathi.

Die Regierung sendet etwa tausend Schiffe aus, um die Wassermassen in den Flüssen in Richtung des Golfs von Thailand voranzutreiben. Regierungschefin Yingluck sagt, die Schiffe könnten zwar nur relativ geringe Wassermengen bewegen. Die Maßnahme sei aber trotzdem "wertvoll und wirksam".

Der Sonntag wird ein Tag des Wartens. Immer wieder gibt es neue, erschreckende Nachrichten. Thailands Gesundheitsministerium warnt vor Krokodilen. Aus den legalen und illegalen Krokodilfarmen rund um Bangkok sind mindestens 400 der gefährlichen Reptilien entflohen. Doch das befürchtete Chaos bleibt in Bangkok vorerst aus: Die Schutzwälle aus Sandsäcken halten.

Schlimmer ist es vor allem in den Provinzen nördlich der Metropole. Eine bis zu 200 Kilometer breite Fläche ist nahezu komplett überflutet. Manchmal standen Menschen bis zur Brust im Wasser, teilweise ragten sogar nur die Dächer der Häuser noch aus dem Wasser heraus.

Gebannt ist die Gefahr auch in Bangkok noch nicht: Das Meteorologische Amt hat weitere heftige Regenfälle angekündigt. 17 Stadtbezirke gelten bereits offiziell als Katastrophengebiet, sagt der Gouverneur. Aber das ist erst ein kleiner Teil der Mega-Metropole, deren Schicksal auch weiterhin an Dämmen und Schutzmauern hängt. Die Angst vor dem nächsten Tag wächst.

Mit Material von AFP

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Altesocke 16.10.2011
1. Viel Glueck!
Zitat von sysopSorgenvoll schauen die Bewohner Bangkoks auf die Fluten, der Flusspegel in der thailändischen Hauptstadt hat einen Rekordstand erreicht. Noch halten die Dämme, bisher bleibt das befürchtete Chaos aus. Doch immer neue Wassermassen drängen in die Millionenmetropole. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,792063,00.html
Und das, obwohl fuer die wichtigsten Verbrauchsgueter des taeglichen Bedarfs maximale Preise gesetzlich vorgeschrieben sind. Tja, die Grenzen der Gesetzbarkeit sind in Thailand schon immer via Geld umgangen worden.
ArnoNym 16.10.2011
2.
Was soll denn dads mit "Khun Nathi" oder "Khun Ong"? Glaubt der Verfasser etwa, daß beide Damen rein zufällig den Vornamen Khun haben? ;-)
rlauchart 16.10.2011
3. Pegel oder Pegelstand!?
Zitat von sysopSorgenvoll schauen die Bewohner Bangkoks auf die Fluten, der Flusspegel in der thailändischen Hauptstadt hat einen Rekordstand erreicht. Noch halten die Dämme, bisher bleibt das befürchtete Chaos aus. Doch immer neue Wassermassen drängen in die Millionenmetropole. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,792063,00.html
Es ist immer wieder interessant, dass die Pegel steigen. Denn wenn dem so wäre, dann müsste der Pegelstand - der eigentlich steigt oder sinkt - theoretisch gleich bleiben. Als Pegel bezeichnet man nicht den Wasserstand sondern die Messeinrichtung.
mh1979 16.10.2011
4.
Zitat von ArnoNymWas soll denn dads mit "Khun Nathi" oder "Khun Ong"? Glaubt der Verfasser etwa, daß beide Damen rein zufällig den Vornamen Khun haben? ;-)
Ich vermute, dass der Reporter, der diese Damen interviewt hat nicht nach dem kompletten Namen gefragt hat. Die Namensstruktur in Thailand ist ein wenig anders als hier in Deutschland. Generell wird immer nur ein Name verwendet, der Vorname. Der Nachname steht im Ausweis, wird aber normalerweise nicht verwendet. Dafür gibt es noch einen Rufnamen, der nicht in offiziellen Dokumenten geführt wird; dieser ist meist sehr kurz wie "Lek", "Noi", "Oy" usw. Dem Vornamen wird dann bei Zitaten oft das Wort Khun vorgesetzt, eine höfliche Anrede die wir mit "Frau" wiedergeben könnten. Eigentlich hätte der Reporter also Khun mit Frau austauschen sollen, aber vermutlich waren ihm diese Namensbesonderheiten in Thailand nicht geläufig. Ich hoffe wirklich, dass die Bewohner von BKK dieses Hochwasser ohne grössere Probleme überstehen. Es wäre schön wenn sich eventuell jemand der gerade vor Ort ist hier einbringrn kann mit einem Update.
rama-6 16.10.2011
5.
@AnoNym,der Ausdruck Khun ist eine Respektvolle Anrede. Er Bedeutet Mensch! In Phathum Thani ist das Wasser so schnell über die Sandsäcke gekommen,das hat noch nicht mal 5 Minuten gedauert. Der Waserdruck war so stark,das die Asphaltdecke abgerissen wurde. Jetzt kam im Fernsehen,die Leute sollen Bangkok verlassen. Die alte Elite von Bangkok kann nicht vertragen die Wahlen im Land verloren zu haben,mit so einer überwältigen Mehrheit. Sie konnten sich nur in Bangkok so stark halten,aber mit Dreck muß von den Gelbhemden,der Eliteund herrn Abhst geworfen werden. Dabei ist diese Zeit vorbei.
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