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02. Juni 2013, 14:30 Uhr

Katastrophenalarm in Passau

"Ich habe ein Haus am See"

Manche Häuser sind nur noch per Boot erreichbar, die Einsatzkräfte bekommen die Lage nicht unter Kontrolle: Viele Bewohner der Passauer Altstadt bangen um ihr Zuhause. Es herrscht Katastrophenalarm - wie auch in anderen Teilen Deutschlands. Merkel kündigte mögliche Hilfe der Bundeswehr an.

Passau - Sie wussten, dass das Wasser bedrohlich hoch ansteigen würde. Doch mit solchen Massen hatten sie nicht gerechnet. Die Anwohner und Ladenbesitzer in der Passauer Altstadt müssen derzeit um ihr Zuhause und ihren Besitz bangen. In der Nacht zum Sonntag stieg der Wasserstand in der Dreiflüssestadt innerhalb weniger Stunden auf mehr als 9,50 Meter - weite Teile der Altstadt sind überflutet.

Viele Bewohner können ihre Häuser nicht mehr verlassen oder betreten, am Mittag löste die Stadt Katastrophenalarm aus.

"Ich war am Samstag noch in meinem Souvenirladen, als das Wasser kam und es immer gefährlicher wurde", sagt Christine Bauer. Jetzt steht sie im Hausflur, an ein Verlassen des Hauses ist momentan nicht zu denken. Die Einsatzkräfte hatten zwar Stege für die Anwohner aufgestellt. Das Wasser stieg jedoch so rasch, dass auch die Behelfsbrücken teilweise überflutet und gesperrt sind.

Rund 400 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Wasserwacht und Technischem Hilfswerk arbeiten mit aller Kraft gegen die Wassermassen - die Lage unter Kontrolle bringen können sie nicht. Es fehlt an Sandsäcken, Wänden und Pumpen. Die Lage wird sich noch zuspitzen, ist Andreas Dietz von der Wasserwacht überzeugt. Normalerweise liegt der Wasserstand der Donau bei rund 4,50 Meter. "Wir rechnen bis Sonntagabend mit einem Pegelstand von 11,20 Meter. Das ist schlimmer als beim Jahrhunderthochwasser 2002", sagt Dietz.

Vom Roten Kreuz mit dem Boot abgeholt

In der besonders betroffenen Höllgasse kommt Hilfe derzeit nur noch per Boot. "Mein kranker Nachbar ist am Morgen mit einem Boot vom Roten Kreuz geholt worden. Anders kommen wir nicht mehr raus", sagt Herbert Würzinger. "Ich habe ein Haus am See", scherzt Anne Lamby. Sie selbst wohnt, sicher vor den Wassermassen, in der dritten Etage. Die ganze Nacht habe sie geholfen, das Wasser aus dem Erdgeschoss fernzuhalten - ohne Erfolg.

"Sandsäcke und Pumpen bringen jetzt nichts mehr, weil das Grundwasser durch den Boden drückt", erklärt der Feuerwehrmann Stephan Brückner. Die Anwohner sollten die überschwemmten Räume mit frischem Wasser fluten, damit der Druck auf die Bodenplatten größer wird und diese nicht von unten hochgedrückt werden. Freuen können sich über das Wasser lediglich einige Schulkinder. Die Altstadt-Grundschule bleibt zumindest am Montag geschlossen.

Nach fast ununterbrochenem Dauerregen spitzt sich die Hochwasserlage auch in vielen weiteren Regionen im Süden und Osten Deutschlands dramatisch zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den vom Hochwasser am stärksten betroffenen Bundesländern die "volle Unterstützung" der Regierung versprochen. Wenn notwendig sei auch ein Einsatz der Bundeswehr möglich.

Der Überblick:

Nach Passau und Rosenheim lösten in Südbayern auch die Landkreise Miesbach und Berchtesgadener Land sowie der Landkreis Rosenheim Katastrophenalarm aus. Die Fluten haben mehrere Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Autobahn München-Salzburg (A8) wurde nahe dem Chiemsee in beiden Richtungen voll gesperrt. Die Bahnstrecken zwischen München und Salzburg über Freilassing sowie über Kufstein nach Österreich sind wegen Unterspülungen oder nach Murenabgängen unterbrochen.

Am meisten Sorgen bereitet den Krisenstäben das Anschwellen der aus Österreich kommenden Tiroler Achen. Alle über den Fluss führenden Brücken wurden laut Polizei gesperrt. Auf der österreichischen Tauernautobahn (A10) seien mehrere Muren abgegangen, sagte ein Polizeisprecher. Die Fernstraße im österreichischen Bundesland Kärnten ist gesperrt.

Im Berchtesgadener Land mussten am Morgen drei landwirtschaftliche Anwesen evakuiert werden. In der Region bahnte sich eine Mure den Weg durch ein Gästehaus. Beschäftigte und Urlauber mussten das Gebäude verlassen. Am Vormittag wurde zudem damit begonnen, Teile des Ortes Marquartstein zu räumen. In Inzell ist ein Campingplatz teils überflutet. Die Camper wurden ausquartiert.

In Chemnitz trat der gleichnamige Fluss über die Ufer. Nach nächtlichem Dauerregen wurde in der Stadt Katastrophenalarm ausgerufen, mehrere Straßen wurden gesperrt. Auch in Zwickau und im Landkreis Leipzig gaben die Behörden Katastrophenalarm. In Zwickau wurden die Bürger aufgerufen, Autos aus der Innenstadt zu bringen und Keller zu sichern. In Dresden wurde das Terrassenufer überschwemmt.

In der sächsischen 19.000-Einwohner-Stadt Grimma, wo schon am Samstag Teile der Innenstadt unter Wasser standen, stieg am Morgen der Pegel der Mulde wieder an. Wasser ströme erneut in die Stadt, hieß es.

Angaben von Rettungskräften und Polizei zufolge trat auch der Neckar bei Tübingen über die Ufer. In Reutlingen werden zwei Menschen vermisst - sie könnten in die Echaz, einem Neckarzufluss, gefallen sein.

In Thüringen entspannte sich die Lage. Bei Erfurt und im Landkreis Sömmerda sank der Pegelstand der Gera. Einige Häuser seien beträchtlich zu Schaden gekommen, sagte Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die in die Flutregionen gereist war.

Auf mehreren Abschnitten von Rhein, Main und Neckar war die Schifffahrt wegen des Hochwassers schon am Samstag gestoppt worden.

Die detaillierte Wettervorhersage finden Sie hier.

irb/wit/dpa

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