Hochwasser in Eilenburg Kuhkadaver treiben durch die Straßen

In Sachsen-Anhalt flüchten Tausende vor der Flut, Häuser werden weggerissen, das Vieh ersäuft. Das Flüsschen Mulde ist zum reißenden Strom geworden, hat den Ortskern von Eilenburg bei Leipzig vollständig unter Wasser gesetzt. Manche nahmen die Warnungen nicht ernst und harren nun in ihren Wohnungen aus.

Von Rüdiger Strauch, Eilenburg




Völlig überflutet: Eine Eigenheimsiedlung im sächsischen Eilenburg
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Völlig überflutet: Eine Eigenheimsiedlung im sächsischen Eilenburg

Ihren "absoluten Tiefpunkt", versichert Waltraud Lapis, habe sie mittlerweile überwunden. Die 46-Jährige kann an diesem Mittwochmorgen schon wieder lächeln und zeigt in die Richtung, wo mehrere Einsatzwagen der Feuerwehr die Sicht versperren. Dort drüben, etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt, liegt das Haus, in dem die Geschäftsfrau einen Laden für Gardinen und Arbeitsbekleidung betreibt. Jetzt schieben sich ungeheure Wassermassen durch die Innenstadt von Eilenburg, und niemand kann Waltraud Lapis exakt sagen, was die Fluten des Flüsschens Mulde und des Baches Mühlengraben bereits zerstört haben. Polizei und Feuerwehr lassen niemanden durch und ziehen den Ring der Absperrungen im Viertelstundentakt immer weiter um den überfluteten Ortskern.

Ein Bekannter, der für das Technische Hilfswerk (THW) im Einsatz ist, erkennt Waltraud Lapis in der Menge der Schaulustigen und Verängstigten, deutet mit der rechten Handkante bis weit über den Bauchnabel. So hoch soll das Wasser in ihrem Laden stehen? Waltraud Lapis, die sich doch fast schon wieder gefangen hatte, durchzuckt die Sorge, das Hochwasser könne sie die berufliche Existenz kosten. Auf "bestimmt 50.000 Euro" schätzt sie schon jetzt den Schaden, ohne Genaueres zu wissen.

Viele Bewohner nahmen die Warnungen nicht ernst

Rettung per Boot: Insgesamt rund 10.000 Menschen mussten aus der Stadt evakuiert werden.
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Rettung per Boot: Insgesamt rund 10.000 Menschen mussten aus der Stadt evakuiert werden.

Noch um 16 Uhr am Dienstag habe eigentlich niemand mit dieser Katastrophe gerechnet, erzählt die Sächsin: "Die Leute haben die Warnungen kaum ernst genommen." Viele Menschen in der 19.000 Einwohner zählenden Kleinstadt, rund 20 Kilometer nordöstlich von Leipzig, hätten um diese Uhrzeit Spaziergänge unternommen, um sich selbst davon zu überzeugen, ob wirklich stimmt, was die Helfer von Feuerwehr und THW über Megaphon ankündigten.

Dass sich nämlich auf Eilenburg eine Flutwelle von bedrohlichem Ausmaß zu bewege. Dass die Lage so ernst sei, dass sämtliche Bewohner der Innenstadt evakuiert werden müssten. Die Menschen haben ungläubig mit dem Kopf geschüttelt und alles für Panikmache gehalten, als Waltraud Lapis längst versuchte, vor dem Rathaus Sandsäcke zu ergattern. "Die wollten mir erst keine geben, aber ich habe mir welche erkämpft", berichtet die Frau mit unterschwelligem Stolz.

Am späten Dienstagabend - inzwischen wurden alle Patienten des örtlichen Krankenhauses nach Leipzig evakuiert, war der Strom überall in der Stadt abgeschaltet worden - musste sich auch der letzte Zweifler eines Besseren belehren lassen. Hautnah und vor der eigenen Haustür bekamen sie jetzt mit, wie sich die Mulde, durch die man im Sommer mit hochgekrempelten Hosenbeinen von einem Ufer zum anderen waten kann, innerhalb weniger Stunden in einen reißenden Strom verwandeln kann.

Seitdem haben rund 10.000 Menschen bei Bekannten und in Turnhallen der Umgebung Unterschlupf gefunden. Die Motels an der Autobahn A 14 zwischen Leipzig und Dresden machen ein gutes Geschäft mit Familien, die ein neues Quartier beziehen müssen.

Die Funknetze brechen zusammen

Währenddessen sitzen Eilenburgs Zauderer, die den Warnungen keinen Glauben schenken wollten, in ihren Häusern fest wie in einem mittelalterlichen Gefängnis mit Burggraben. Umschlossen von braunen Wassermassen, in denen manche Eilenburger bereits schwimmende oder tote Kühe gesichtet haben wollen. Wie viele es sind, die sich in Wohnungen im ersten oder zweiten Stock geflüchtet haben und auf Rettung hoffen, kann so recht niemand sagen.

"Die Funknetze sind teilweise zusammengebrochen. Wir wissen kaum etwas über die Lage, weil die Einsatzleitung ihren Krisenstab auf der anderen Seite der Stadt eingerichtet hat", beteuern die Frauen und Männer von Polizei und Feuerwehr gleichermaßen. Seit Stunden schon sitzen Hunderte von ihnen vor ihren Lkw aus dem gesamten Landkreis Delitzsch, rauchen eine Zigarette nach der anderen und können etliche der mitgebrachten Boote nicht zum Einsatz bringen, weil die starke Strömung die Außenbordmotoren zu überfordern droht.

In der Nacht hatte Eilenburg ein gespenstisches Bild abgegeben. Die Blaulichter der Einsatzwagen und die Scheinwerfer der Helikopter werfen zuckende Lichter über die Innenstadt. Die Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes kreisten fast im Dauereinsatz über der Stadt. Die Crews verteilten an den Sammelstellen Nahrungsrationen an die Helfer und stellten gleichzeitig Kontakt her.

Weite Umwege für die Rettungskräfte

Der Wagen der Einsatzleitung, der die ganze Nacht hindurch die Stützpunkte abklappert, muss weite Umwege fahren. "50 Kilometer und mehr" seien zurückzulegen, um an die andere Uferseite der Mulde zu gelangen, schätzt ein Feuerwehrmann. In Grimma, etwa 30 Kilometer südlich von Eilenburg, sollen mehrere Brücken von der Wucht der Flut hinweggerissen worden sein.

So genannte Quickdamms, mobile, mit Wasser befüllbare Hochwasser-Barrieren, kommen für das Katastrophengebiet in Sachsen zu spät. Ordentlich gefaltet liegen sie deswegen in Roman Maschkowitz' Lkw. Der 43-jährige THW-Helfer ist mit 16 Kollegen aus dem hessischen Erlensee bei Hanau nach Sachsen abkommandiert worden. Urplötzlich kam der Alarm, doch in Eilenburg ließ sich schon zu diesem Zeitpunkt die Katastrophe nicht mehr abwenden, der Pegelstand schwoll bereits minütlich an. Jetzt stellt sich Maschkowitz, der eigentlich als Busfahrer arbeitet, darauf ein, fünf bis sechs Tage an der Mulde zu verbringen. Die Aufräumarbeiten werden sich wohl so lange hinziehen, fürchtet er.

Vor dem Abpumpen der stinkenden Wassermassen graut es auch Waltraud Lapis bereits. Allerdings gehört sie zu den Glücklichen, die den ersten Anweisungen am frühen Mittwochmorgen sofort Folge geleistet hat und einige wenige Wertgegenstände mit Hilfe ihrer drei Angestellten in Sicherheit bringen konnte. "Meine Tochter Vicky ist Polizistin, deswegen hatte ich einen Informationsvorsprung vor allen anderen", ist Lapis überglücklich.

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