Hochwasser in England Oxford rüstet sich gegen die Flut

Die historische Universitätsstadt Oxford droht in den Fluten zu versinken. Die Rettungskräfte sind alarmiert, die Bewohner versuchen, sich mit Sandsäcken vor den nahenden Wassermassen zu verbarrikadieren. Nun werden Vorwürfe laut, die Behörden hätten zu langsam reagiert.


London - Etliche Bewohner schleppen derzeit Sandsäcke durch Oxford, um die Stadt vor der nahenden Flut zu schützen. Ob die Maßnahmen noch helfen, wird sich im Laufe des Tages zeigen. Zahlreiche Anwohner wurden angewiesen, ihre Häuser zu verlassen.

"Unsere größte Sorge sind derzeit Oxford und Umgebung", sagte ein Sprecher der Umweltbehörde heute. Selbst wenn Oxford relativ unbeschadet den Höhepunkt der Themse-Fluten überstehen sollte, sei die Gefahr noch nicht gebannt: "Dann sind morgen Reading und Windsor bedroht."

Außer der Themse führen auch viele andere Flüsse Hochwasser. Insgesamt gilt für sieben Gebiete akuter Hochwasseralarm. Sie alle liegen weiter im Osten Englands entlang der Themse oder dem Fluss Severn. Im Westen des Landes geht das Hochwasser dagegen langsam zurück. Es sind die schlimmsten Fluten in England seit 60 Jahren.

Inzwischen werden erste Vorwürfe laut, der Katastrophenschutz habe viel zu spät auf die kommende Bedrohung reagiert. Nach Angaben der "Times" hatten Meteorologen bereits am Montag voriger Woche vor bevorstehenden schweren Unwettern am Freitag gewarnt. Am Mittwoch dann hatten die Experten laut dem Blatt die Region bereits auf Gloucestershire und Worcestershire präzisiert. Die Reaktion der Behörden sei den desaströsen Vorhersagen aber nicht angemessen, sondern viel zu langsam gewesen. Das Notfall-Komitee der britischen Regierung, Cobra, wollte heute Morgen zusammenkommen und über die Lage und das weitere Vorgehen beraten. Ergebnisse des Treffens sind noch nicht bekannt.

Leichte Besserung der Lage, aber noch kein Trinkwasser

In einigen Hochwasserregionen im Westen und Süden Englands gibt es seit heute Morgen wieder Strom. Die Einsatzkräfte arbeiteten die ganze Nacht und konnten 48.000 Haushalte wieder mit Elektrizität versorgen, berichtete die Nachrichtenagentur PA. Mehr als hunderttausend Bewohner in Tewkesbury, Gloucester und Cheltenham sind aber immer noch ohne Trinkwasser. Im Laufe des Tages sollten 900 Tankwagen eingesetzt werden, um die Menschen zu versorgen. In der Grafschaft Gloucestershire, einer der am schlimmsten betroffenen Gegenden, gehen die Pegelstände langsam zurück.

Das Zentrum der Stadt Gloucester entging in der Nacht einer befürchteten Überflutung, als der Anstieg des Flusses Severn nur fünf Zentimeter unterhalb der fünf Meter hohen Flutschutzmauer stoppte. Zunächst hatten die Einsatzkräfte befürchtet, weitere 250.000 Haushalte könnten von der Wasserversorgung abgeschnitten werden, wenn ein Wasser- und Elektrizitätswerk in Gloucester überschwemmt würde. Ein Sprecher sagte am Morgen, die Situation sei inzwischen unter Kontrolle.

Die Wasserversorgung für die 350.000 Einwohner um Gloucester kann erst wieder hergestellt werden, wenn die Flusspegel um mindestens 90 Zentimeter gefallen sind. "Die allerbeste Prognose dafür sind sieben Tage", sagte der Landrat Peter Bungard dem britischen Fernsehsender BBC. Er sei "wirklich sehr, sehr besorgt", denn unter den Betroffenen seien auch viele schwächere und ältere Menschen. Diese seien besonders gefährdet.

In dem Gebiet müssen die Einwohner nun bei Supermärkten für kostenloses Trinkwasser Schlange stehen. Manche Einwohner nutzten zur Fortbewegung in den überfluteten Gemeinden Kanus und kleinen Boote. Straßen und Parkplätze standen in den betroffenen Landkreisen noch weitestgehend unter Wasser. Züge und Busse verkehrten nicht, ein Großteil der landwirtschaftlichen Ernte wurde zerstört. Als "totales Chaos" beschrieb ein Anwohner die Lage.

Versicherer rechnen Millionenschäden

Besonders betroffen waren außer Gloucestershire die Regionen Herefordshire, Lincolnshire, Oxfordshire und Berkshire. Gestern kam es bereits zu Massenevakuierungen, zahlreiche Menschen wurden mit Hubschraubern aus ihren Häusern gerettet. Anwohner mussten in Notunterkünften ausharren. Unternehmen spendeten Millionen Wasserflaschen.

Die Versicherer gehen von einem Schaden von umgerechnet rund drei Milliarden Euro aus. Premierminister Gordon Brown machte den Klimawandel für die Katastrophe verantwortlich. Er versprach die Hochwasserhilfe von 600 Millionen auf 800 Millionen Pfund (rund 1,2 Milliarden Euro) zu erhöhen. Es ist bereits die zweite große Flut, die Großbritannien in diesem Sommer heimsucht.

Die Luftwaffe sprach von ihrem größten Einsatz in Friedenszeiten. Soldaten und Feuerwehr sind im Dauereinsatz. Die Menschen fuhren mit Schlauchbooten auf den überfluteten Straßen, Feuerwehrwagen steckten im Wasser fest. Straßen wurden gesperrt und Zugverbindungen sind unterbrochen. Und Entwarnung ist nicht in Sicht: Für morgen sagten die Meteorologen erneut kräftigen Regen voraus.

ffr/dpa/AFP/AP



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