Hochwasser in Erftstadt »Ich vermute mal, dass da unten nichts mehr zu retten ist«

Erst vor zwei Wochen ist Sebastian B. in sein neues Haus in Erftstadt gezogen – dann kam das Wasser. Jetzt ist der Keller überflutet, die Wohnung verschlammt. Ein ganzer Ort steht unter Schock.
DER SPIEGEL

Sebastian Bläser steht im überfluteten Erdgeschoss seines Traumhauses – erst vor 14 Tage bezogen der junge Erftstädter und seine Frau ihr neues Zuhause. Nachdem die Wassermassen der Flutkatastrophe große Teile des Ortes unterspült haben, ist die Immobilie kaum wiederzuerkennen.

Sebastian Bläser, Anwohner

»Wie gesagt, das waren hier noch die Rettungsversuche mit dem Filz, dass man den Boden nicht beschädigt, als wir vorgestern Abend versucht haben, den Keller auszupumpen. Wir hatten erst das Gefühl, dass wir das schaffen. Dann kamen aber die ganzen Wassermassen aus der Erft und die sind dann leider hier in den Keller rein. Wie man da oben sieht, ist es halt rot, das heißt, da ist überall Heizöl.«

Die neu eingerichtet Wohnung ist voll mit Schlamm und Pfützen. Besonders bitter: Die Versicherung, die für Elementarschäden aufkommen sollte, hat Bläser erst vor zwei Wochen abgeschlossen. Es besteht eine Vorlauffrist von einem Monat, bevor dadurch Schäden dieser Art abgedeckt sind.

Im überschwemmten Garten, der direkt neben dem über die Ufer getretenem Fluss Erft liegt, nimmt die Misere ihren Lauf – hier haben sich neue Mitbewohner eingefunden.

Sebastian Bläser, Anwohner

»Ach, da vorne sieht man sogar einen Fisch. Das ist ja sehr interessant, das haben wir ja auch noch nie erlebt.«

»Ja scheiße, wir fühlen uns ein bisschen im Stich gelassen. Wie gesagt, Hilfe ist vermutlich keine unterwegs. Wir haben gestern noch versucht, mit Privatautos Menschen in Unterkünfte zu bringen. Haben so dann halt auch den älteren Leuten die Hilfe zugesichert.«

Im besonders schwer von der Unwetterkatastrophe betroffenen Erftstadt-Blessem sind nach aktuellem Stand drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg eingestürzt. Innenminister Herbert Reul sagte am Nachmittag, man gehe von mehreren Toten aus, eine genaue Zahl gibt es nicht.

Der Boden am Ortsrand wurde derart unterspült, dass das Areal einfach weggebrochen ist. Bis zum Horizont ist das Wasser noch zu sehen.

Sebastian Bläser bleibt trotz allem optimistisch und ist bereits mitten in den Aufräumplänen.

Sebastian Bläser, Anwohner

»Normalerweise sagt man ja immer beim Putzen, man geht von oben nach unten, aber ich glaub, das macht am wenigsten Sinn, diesmal fängt man von unten nach oben an. Erstmal den Keller leersaugen und nach vorne wegputzen. Und mal schauen, inwiefern da noch was zu retten ist. Ich vermute mal, da unten ist nichts mehr zu retten.«

Bläsers Haus ist noch verhältnismäßig glimpflich davongekommen, in anderen Teilen der Stadt stapeln sich die Trümmer. Die Regierung hat mittlerweile angekündigt, unbürokratisch helfen zu wollen. Bläser und seine Familie haben die Katastrophe zumindest körperlich unversehrt überstanden. Sie kommen in Köln bei Verwandten unter. Für die ganze 50.000 Einwohnergemeinde Erftstadt stehen nun lange Tage des Wiederaufbaus bevor.