Hochwasser in Sachsen-Anhalt "Man kann nichts mehr machen"

In Magdeburg sinkt der Pegel, die Flut wandert weiter - und erobert nun weiter nördlich Orte an der Elbe. Deiche brechen, Menschen flüchten, Militärkonvois ziehen durchs Land. Und ein Bürgermeister muss zusehen, wie sein Dorf zur Insel wird.

SPIEGEL ONLINE

Von Rainer Leurs, Schönhausen (Elbe)


Leer blickt Alfons Dobkowicz auf den Streifen aus Wasser, der sich kaum wahrnehmbar die Straße hinaufschiebt. Karamellbraun ist die Flüssigkeit, ein gelber Schaum schwimmt an manchen Stellen obenauf, und Dobkowicz weiß: Diese Brühe, die eigentlich in die Elbe gehört und nicht in seine Stadt, diese Brühe wird heute Schönhausen verschlucken, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Sie wird in die notdürftig zugeklebten Wohnzimmerfenster laufen und in die Keller, wird die Autos überspülen, sogar die, die sie voller Hoffnung auf dem Friedhof abgestellt haben - Hoffnung, weil der Friedhof anderthalb Meter höher liegt als das Gelände drumherum. "Man kann nichts mehr machen", sagt Dobkowicz, der hier der Bürgermeister ist. "Nichts außer zusehen."

Die ganze Woche haben sie geschuftet am Deich in Hohengöhren, wenige Kilometer weiter nördlich, haben versucht, den Wall gegen das drückende Elbwasser zu sichern. "Und dann bricht der Deich an einer ganz anderen Stelle einfach weg", sagt Dobkowicz, lehnt sich an einen Baum am Straßenrand und lässt sich, ganz langsam, in die Hocke rutschen.

Erleichterung, Anspannung und tiefe Resignation - entlang der Elbe in Sachsen-Anhalt ist das eine Frage von wenigen Kilometern. Während in Dresden und Magdeburg die Pegelstände fallen, vielerorts die Aufräumarbeiten beginnen, drückt die Flutwelle mit Macht nach Norden. Besonders kritisch ist die Situation im Landkreis Stendal, nördlich der Landeshauptstadt.

"Schönhausen wird zur Insel"

Am östlichen Elbufer, in der Nähe des Örtchens Fischbeck, brach nachts gegen halb eins der Deich auf einer Länge von fünfzig Metern. Mehr als tausend Menschen mussten raus aus ihren Häusern, Fischbeck selbst steht inzwischen unter Wasser. Durch die Bresche im Damm strömen pro Sekunde rund eine Million Liter Wasser, unaufhaltsam bahnt es sich einen Weg nach Norden, ins Hinterland - und nach Schönhausen, wo Dobkowicz im Schlabber-T-Shirt unterm Baum hockt und sich den Schweiß von der Stirn wischt.

Bis zum frühen Nachmittag hat es die Brühe aus Fischbeck ins Zentrum seiner Heimatstadt geschafft, gemächlich zieht der braune Strom an Fassaden und Verkehrsschildern vorbei. Gleich in der Nacht sei die Polizei gekommen, erzählt Dobkowicz, und habe die Leute gewarnt. Der Deich sei durch, alle sollen sich am Kirchplatz sammeln, zum Abtransport nach Stendal. "Aber die meisten bleiben hier", sagt er. "Keiner will sein Hab und Gut alleine lassen." Die Stelle, an der er kauert, liegt normalerweise einen Kilometer weit weg vom Elbufer.

Schönhausen hat knapp 2300 Einwohner. Strom gibt es jetzt keinen mehr im Ort, Trinkwasser auch nicht, und der Lebensmittelmarkt "ist abgesoffen", sagt Dobkowicz. Nebenan murmelt das Wasser gerade über den großen Parkplatz am Getränkemarkt. Die fünf Lieferwagen der Post haben es nicht mal mehr auf den Friedhof geschafft, stoisch scheinen sie die Suppe zu ertragen, die ihnen schon bis zur Kühlerhaube reicht.

Und das Wasser kommt inzwischen von beiden Seiten. "Schönhausen wird zur Insel", seufzt Dobkowicz.

Natogrüne Prozession

Weiter nördlich kämpfen sie weiter um den Damm in Hohengöhren, womöglich jedenfalls - nicht mal im Innenministerium wissen sie genau, ob der Wall noch hält, ob er rutscht oder bricht oder vielleicht schon aufgegeben wurde. Momentan, heißt es, sei ein Bundeswehrhubschrauber im Einsatz, um nachzusehen. Später die Meldung: Der Deich ist auf einer Länge von 30 Metern gebrochen.

Die Lage ist unübersichtlich, dabei hat das, was in Nestern wie Schönefeld, Steinitz oder Klietz passiert, auch überregionale Folgen.

In unmittelbarer Nähe von Schönhausen verläuft eine wichtige Trasse der Bahn; die ICEs von Berlin nach Hannover rollen hier über die Elbe. Am Morgen musste die Brücke nun gesperrt werden, aus Sicherheitsgründen.

Wegen Überschwemmung gesperrt ist die Bundesstraße 107, über die man längs der Elbe normalerweise Schönhausen erreicht. Nur die Bundeswehr kommt noch durch, mit ihren schweren Lastern und Spürpanzern und Geländewagen mit entsprechender Wathöhe.

Überhaupt, die Bundeswehr. Wer sich im Hinterland an die Straße stellt, sieht Konvoi um Konvoi vorbeidonnern, sie bringen schweres Gerät, Sandsäcke ohne Zahl, Reisebusse voller Soldaten, die an den Deichen anpacken sollen. Die Gehsteige erzittern, wenn so eine natogrüne Prozession durch die Örtchen im Überschwemmungsgebiet rollt. Durch alte Elbarme werde sich das durchgebrochene Wasser seinen Weg suchen, heißt es, bis hinauf zur Mündung der Havel in die Elbe.

Ein paar Kilometer südlich von dort liegt das Örtchen Sandau, wo ein Trupp Freiwilliger in Eigenregie Sandsäcke von einem Hänger wuchtet und vor einen Verteilerkasten setzt. "Gestern haben wir die Privatgrundstücke gesichert, heute kümmern wir uns um die Infrastruktur", sagt Torsten Holderried, der die Sandsacktruppe leitet - ehrenamtlich, und ganz inoffiziell. Im richtigen Leben ist der Mann mit der Spiegelsonnenbrille Polizist, für die Plackerei am Straßenrand verballert er seinen Jahresurlaub.

In Sandau haben die Helfer bisher ganze Arbeit geleistet: Wie pralle Sofakissen liegen vor jedem Hauseingang die in der Gegend omnipräsenten Sandsäcke, sie scheinen aus den Kellerlöchern zu quellen und aus den unterirdischen Speichern der Tankstelle am Ortseingang. Noch ist das Wasser nicht im Ort, aber es kann jederzeit so weit sein.

In Schönhausen, wo Bürgermeister Dobkowicz eben noch den Fluten beim Steigen zusehen konnte, wird am Nachmittag gegen vier evakuiert. Hatte die Polizei in der Nacht noch freundlich darum gebeten, sich in Sicherheit zu bringen, wird es jetzt ernst: Die Menschen müssen raus aus der Stadt, ebenso aus den Örtchen Klietz, Kamern, Neukamern, Rehberg, Schönfeld. Rund 6300 Menschen seien davon betroffen, sagt eine Sprecherin des Innenministeriums in Magdeburg. Weitere 2000 seien vorgewarnt; auch in Sandau wird schon die Evakuierung geprüft.

Einsatzleiter Holderried zeigt sich wenig beeindruckt: Er will gleich noch weiter mit seinen Leuten, Sandsäcke aufschichten am örtlichen Umspannwerk. "Wir machen hier weiter", sagt er, "so lange, bis die Sirene kommt."

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capote 10.06.2013
1. Lasciare ogni speranza !
Selbst wenn alle Dämme fertig gewesen wären, kein Deich gebrochen wäre, es hätte genau die selbe Überschwemmungskatastrophe gegeben! Wenn man die Elbe dazu zwingen wollte in Ihrem Flussbett zu bleiben, müssten die Dämme wahrscheinlich 30 oder 40 Meter hoch sein bei diesen Wassermassen. Selbst dann hätte es eine Katastrophe gegeben, weil das Regenwasser dann eben nicht mehr in die Elbe abfliessen könnte und alles im Regen ersaufen würde!
Diskutierender 10.06.2013
2. Wer es verdient hat
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIn Magdeburg sinkt der Pegel, die Flut wandert weiter - und überflutet nun weiter nördlich Orte an der Elbe. Deiche brechen, Menschen flüchten, Militärkonvois ziehen durchs Land. Und ein Bürgermeister muss zusehen, wie sein Dorf zur Insel wird. http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-in-sachsen-anhalt-deiche-brechen-bei-stendal-a-904904.html
Bei allem Leid, das die Flut über die Menschen bringt, gibt es zwei Gruppen, die es meiner Ansicht nach so richtig verdient haben: Erstens: Die egoistischen Wutbürger, die mit ihren dreisten Bürgerinitiativen jahrelang den Aufbau eines wirksamen Hochwasserschutzes verhindert oder zumindest verzögert haben. Diese Leute sollten auf jeden Fall von jeder Unterstützung und Hilfe ausgeschlossen werden, besser noch, deren Vermögen sollte zugunsten der unschuldigen Hochwasseropfer eingezogen werden. Wie viel Leid hat der Egoismus dieser Personen über Tausende anderer Menschen gebracht? Zweitens: Dreiste Deutsche Unternehmen, die mit ihrer kurzsichtigen und asozialen Personalpolitik dafür gesorgt haben, dass Tausende hochqualifizierte Menschen Deutschland verlassen mussten, aber jetzt in unglaublich dreister Manier über ihren hausgemachten Fachkräftemangel jammern. Soviel Dreistigkeit gehört schlicht und einfach bestraft, und hier ist das Hochwasser die gerechte Strafe.
rrblah 10.06.2013
3.
Ich frage mich, ob dies von den verschiedenen Redaktionen bewusst so dargestellt wird, oder ob es tatsächlich so geschieht in den Überschwemmungsgebieten: Auf Fotos und Beschreibungen sieht man ständig Menschen mit primitivsten Mitteln gegen die Flut kämpfen. Freiwillige, die auf die Strasse gekippte Sandhaufen mit dem Spaten in Sandsäcke abfüllen, obschon es für solche Zwecke längst Maschinen gibt, die dies viel schneller können, kilometerlange Sandsackmauern, die von vielen Helfern in mühevoller Kleinarbeit aufgerichtet werden, obschon es für diesen Zweck mobile Systeme gibt, die mit weniger Personal und in einem Bruchteil der Zeit aufgestellt werden können (z.B. sog. Beaver-Schläuche). Und dann sieht man Bundeswehrsoldaten mit ihrer gewöhnlichen Uniform hüfttief im Wasser stehen. Jeder weiss doch, dass man da bei dieser Kälte spätestens nach einer halben Stunde erledigt ist. Die in vielen Diskussionen aufgetauchte Forderung, dass man der Elbe mehr Platz zugestehen müsse, beispielsweise durch Errichtung von Hochwasserpoldern, ist das eine. Das andere wäre, dass man den Helfern geeignetes und modernes Werkzeug zur Verfügung stellt.
fluthilfe 10.06.2013
4. jeder kann etwas beisteuern
auch wenn das Unheil selbst nicht mehr zu verhindern ist, kann jeder einzelne versuchen zu helfen. Dafür haben wir eine Website geschaffen, die Sachspender und Bedürftige auf regionaler Ebene zusammen bringt. Über unsere Website http://fluthilfe.regio-boerse.de kann jeder etwas zur Hilfe beisteuern -- viele Dinge, die von Menschen nicht mehr benötigt werden, werden aktuell in anderen Gebieten benöigt. Vollkommen kostenfrei natürlich.
boer640 10.06.2013
5. optional
@diskutierender was bitte hat denn das hier mit fachkräftemangel zu tun? und was ist daran so schlimm, im ausland zu arbeiten? @rrblah das hab ich mich bei den ganzen bildern auch gedacht: dafür muss es doch maschinen geben.
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