Hochwasser in Venedig "Manches wird für immer verloren gehen"

Als die Wellen über den Markusplatz rollten, wurde auch die Basilika San Marco überflutet. Bischof Francesco Moraglia über die Schäden an seinem Dom und im Herzen der Stadt. Er fordert: "So kann es nicht weitergehen."

Bischof Francesco Moraglia in der überfluteten Basilika: "Ich habe die Stadt der Madonna anvertraut"
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Bischof Francesco Moraglia in der überfluteten Basilika: "Ich habe die Stadt der Madonna anvertraut"

Ein Interview von , Venedig


Das Wasser ist abgelaufen, und auf den ersten Blick funktioniert Venedig wie immer. Die Vaporetti und Gondolieri fahren wieder. Die meisten Geschäfte und Restaurants sind wieder geöffnet. Nur die Passerelle, die Holzstege, erinnern noch an die Fluten, die die Stadt tagelang überschwemmten.

Aber die Folgen der Flut werden die Venezianer noch lange beschäftigen. So hoch wie Mitte November stand das Wasser seit über 50 Jahren nicht. Mehr als 80 Prozent der Stadt waren überflutet. Im Hotel zeigt der Portiere, wie das Wasser noch vor wenigen Tagen kniehoch in der Lobby stand. "Im Fernsehen wirkt es spektakulär", sagt ein Kellner im "Florian", einem legendären Café am Markusplatz, "aber für uns ist es eine Katastrophe." Die Schäden in der Stadt sollen mehrere Hundert Millionen Euro betragen.

Francesco Moraglia, Jahrgang 1953, ist der Bischof des Markusdoms und trägt den historischen Titel Patriarch von Venedig. Seine Basilika wurde vom Hochwasser besonders hart getroffen. Als die Wellen über den Markusplatz rollten, übte er scharfe Kritik an der Regierung in Rom, die ein Milliardenprojekt zum Hochwasserschutz in der Lagune seit vielen Jahren nicht zu Ende bringt. Zum Interview bittet er den SPIEGEL am frühen Abend in einen Korridor seines Patriarchenpalastes - in den Empfangsräumen gibt es nach den flutbedingten Stromschäden noch kein Licht.

Im Video: Feuerwehrvideos zeigen Ausmaß der Katastrophe

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SPIEGEL: Exzellenz, vorige Woche standen Sie bis zum Bauchnabel im Wasser auf dem Markusplatz und blickten auf Ihren überfluteten Markusdom. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Moraglia: Ich habe an die Zerbrechlichkeit, die Verwundbarkeit von Venedig gedacht, deshalb habe ich die Stadt der Madonna anvertraut. Früher waren Hochwasser von mehr als 145 Zentimetern die Ausnahme, das gab es vielleicht einmal in fünfzehn Jahren. Aber jetzt müssen der Dom, der Markusplatz, der Campanile, die ganze Stadt gegen exzessive Fluten verteidigt werden. 180 Zentimeter und mehr sind eine ernste Bedrohung.

SPIEGEL: Lässt sich die Basilika nicht besser schützen?

Moraglia: Bis 88 Zentimeter Wasserstand haben wir keine Probleme. Dann trifft es die Vorhalle, die Taufkapelle und einige Seitenkapellen. Die Krypta unter dem Dom ist der am besten geschützte Bereich. Aber vorige Woche peitschte ein Wind von 100 Stundenkilometern die Wellen über den Markusplatz. Da hat unser Flutschutz nachgegeben, und das Wasser floss direkt hinein.

SPIEGEL: Wie groß sind die Schäden?

Moraglia: Zunächst einmal gibt es die unmittelbaren Schäden. Wir haben zum Beispiel im rechten Kirchenschiff neben der Taufkapelle ein schönes, wertvolles Mosaik mit einem Pfau, das jetzt zerstört ist. Und dann gibt es die langfristigen Probleme. Wenn das Meerwasser abläuft, bleibt das Salz zurück. Es greift den Marmor und die Ziegelsteine an und kann so den tragenden Säulen strukturelle Schäden zufügen. Manches wird für immer verloren gehen, auch weil die ursprünglichen Baustoffe nicht ersetzbar sind. Einige Marmorbrüche sind schon seit Jahrhunderten geschlossen. Wir haben zwar noch einige Restbestände im Lager, aber die werden bald aufgebraucht sein, wenn wir so viele Reparaturen haben.

SPIEGEL: Kann der Markusdom eines Tages einstürzen, wie manche befürchten?

Moraglia: Das nicht. Aber die Bestandspflege wird immer schwieriger und teurer. Es ist ein gewaltiger Aufwand, spezialisierte Kirchenbaumeister oder Mosaikleger auszubilden und zu beschäftigen.

SPIEGEL: Gewaltige Tore sollen, ähnlich wie bei einer Schleuse, die Lagune bei Sturmfluten verschließen und Überschwemmungen in Venedig verhindern. Warum ist das "Mose" genannte Projekt nach jahrzehntelanger Planung immer noch nicht fertig?

Moraglia: Es ist ein pharaonisches Unterfangen. Die einen waren dafür, die anderen dagegen. Dann ging es endlich los, aber es gab einen Finanzskandal, und die Justiz griff ein. Und jetzt, nach 35 Jahren Wartezeit, gibt es die Furcht, dass "Mose" am Ende gar nicht funktioniert. Das wäre natürlich peinlich. Die Anlage muss so bald wie möglich fertig gestellt, geprüft und in Betrieb genommen werden.

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Venedig: Hochwasser geht, Schäden bleiben

SPIEGEL: Früher hatte Venedig kaum Probleme mit Hochwasser. Warum?

Moraglia: Die Republik Venedig hat in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte mit allergrößter Sorgfalt die Stadt verwaltet. Sie hat die Kanäle gepflegt und Bereiche, die sich absenkten, gestützt. Auch der Markusplatz wurde immer wieder rekonstruiert und angehoben. Bis Napoleon die "Serenissima" 1797 an Österreich verkaufte.

SPIEGEL: Was ist heute anders?

Moraglia: Die Lagune kann bestimmte wirtschaftliche Ansprüche nicht erfüllen. Sie ist nicht gemacht für große Kreuzfahrt- und Containerschiffe, das muss man ganz klar sagen. Riesige Schiffe können nicht passieren, ohne dass es Schäden gibt. Diese Realitäten vertragen sich nicht mit dem Ökosystem der Lagune. Hinzu kommen noch die Folgen des Klimawandels, der Anstieg des Meeresspiegels.

SPIEGEL: Der Mensch hat ein Problem geschaffen, und jetzt muss er dafür bezahlen?

Moraglia: Sicherlich hat er eine Gesellschaft geschaffen, die das fragile Gleichgewicht in der Lagune beschädigt. Einige Veränderungen wirken zerstörerisch auf unsere Stadt. Venedig kann das nicht mehr ertragen. Die Stadt braucht ein anderes Denken, mit Respekt für die Umwelt.

SPIEGEL: Welche Rolle spielen Touristen, von denen viele mit Kreuzfahrtschiffen anreisen?

Moraglia: Venedig leidet. Oft verschlingt der Tourismus die Stadt. Heute leben hier 60.000 Bürger - so viele wie in einem Viertel von Mailand oder Rom - neben jährlich 28 Millionen Besuchern. Die Stadt hat sich entvölkert, junge Familien ziehen weg. Es ist ein Ort zum Arbeiten geworden, für Gondolieri, Händler und Touristenführer.

SPIEGEL: Was muss passieren?

Moraglia: So kann es jedenfalls nicht weitergehen, der exzessive Besucherzustrom ist nicht mehr zu ertragen. Das Problem ist, wie man ihn künftig steuert, ohne zwischen reichen und armen Besuchern zu unterscheiden - und ohne sich von der Welt abzuwenden.

SPIEGEL: Wie verändert der Tourismus die Gesellschaft, die Kultur, die Mentalität?

Moraglia: Wenn die Leute nur für einen oder zwei Tage kommen und alles Mögliche machen, mit der Gondel fahren, San Marco und den Dogenpalast besichtigen, und so weiter, kann es keinen kulturellen Austausch geben. Wir wünschen uns einen etwas ruhigeren Tourismus. Zum Beispiel Rundgänge, die das kulturelle und religiöse Erbe spürbar machen. Oder Pilgerwege, die von anderen Regionen bis nach San Marco führen.

SPIEGEL: Erst brennt Notre Dame in Paris, dann steht San Marco unter Wasser. Warum bewegt das Schicksal beider Kathedralen so viele Menschen, auch wenn das Christentum für sie keine Rolle mehr spielt?

Moraglia: Unsere Kathedralen sind Sinnbilder, in denen sich die Menschen wiederfinden. Aber als symbolische Orte, nicht solche des Glaubens. Sie sind Teil unserer säkularisierten westlichen Gesellschaft. Die Kirche muss sich grundsätzlich fragen, wie sie mit dem Menschen von heute umgehen will.



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komentarix 23.11.2019
1. 35 Jahre
wartet nun also Venedig auf das Sperrwerk Moses und wir regen uns auf, wenn wir 9 Jahre (mindestens) auf die Fertigstellung von BER warten. So wird der Niedergang großer Industrienationen nur zu deutlich.
audaxaudax 23.11.2019
2. Lieber Bischof es
wird so weiter gehen. Sie sind in Italien.
Hannibal Murkle 23.11.2019
3.
Nach verschiedenen Quellen versinkt die Region Venedig um 1-4 Millimeter jährlich alleine dadurch, dass die afrikanische Kontinentalplatte die unsrige nach Unten drückt. (Die Grundwasserentnahme hat auch viele Zentimeter gekostet.) Man muss also nicht mit dem Klimawandel kommen - langfristig ist die Stadt eh verloren.
Pampuschka 23.11.2019
4. So ein Quark.
Seit 2.600 Jahren -seit den etruskischen Gründern- kennt Venedig das winterliche Hochwasser.
P-Schrauber 23.11.2019
5. Wenn die Gondeln Trauer tragen
Ist noch immer einer der Besten wenn nicht sogar der Beste Film über Venedig. Der Film ist von 1973, es geht um Liebe, Tot und Zerfall. Venedig zerfällt, zerfiel schon 1973 der Hauptdarsteller in Film ist Restaurator. Die Stadt ist auf Holzfundamente gebaut die langsam versinken, die Hölzer zerfallen, das Mauerwerk und der Mörtel verlieren in der Dauerfeuchte ihre Festigkeit, die Sadt ist seit ihrer Errichtung dem Untergang geweiht. Natürlich kann der Bischoff darüber Klagen das seine Bauten zerfallen, dass tut ein hoher Geistlicher gegenüber dem Hauptdarsteller im Film genauso. Mir kommt es so vor als wenn das unausweichliche und nicht aufhaltbare (es sei denn man baut einen Damm drum herum und pumpt das Wasser ab, im Film von 1973 auch Thema) mit Klimaursachen in Verbindung bringen, dass ist m.E. falsch auch wenn evtl. ddr Bischoff glaubt damit weitere Gelder für die Sanierung seiner Gebäude bekommen. Mir fehlt daher im Interview oder als Schlusswort die kritische Einschätzung der Vorwürfe, alternativ hätte der Interviewer auch die Frage nach dem Zerfall anders und im Zusammenhang mit den Tatsachen anfragen können, hier nicht erfolgt und schon gibt sich ein Bild welches sich so meines Erachtens nicht halten lässt, aufgrund fehleder Hintergrundinformation richtiger erscheint als es tatsächlich ist.
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