Flut in Sachsen-Anhalt Letzte Rettung Luftbrücke

Mancherorts keimt Hoffnung, die Flut könnte sich abschwächen. Ein Grund dafür ist für Elbanwohner bei Stendal eine Katastrophe: Nach Deichbrüchen überschwemmt die Elbe Häuser, Straßen, Gehöfte. Helikopter sind im Dauereinsatz.

DPA

Von Rainer Leurs, Borstel


Fast schon makaber ist die Wendung des Schicksals, die zur Zeit in Brandenburg und Niedersachsen für etwas Entspannung sorgt. "Der Wasserspiegel wird beeinflusst durch Deichbrüche und Polderflutungen", sagt ein Sprecher des Umweltministeriums in Hannover, und damit ist gemeint: Nicht zuletzt, weil es bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt gestern zu einem verheerenden Dammbruch kam, ist die Lage jetzt weiter nördlich etwas besser.

Dafür kämpfen die Menschen östlich der Elbe bei Stendal umso verbissener gegen die Wassermassen. Gerade aus der Luft wird diese Schlacht momentan geführt, denn der kritische Punkt ist bis zum Mittag Fischbeck: Auf 50 Metern Länge ist hier der Deich durchbrochen, ungehindert strömt die Elbe ins Hinterland und überschwemmt Häuser, Straßen, Gehöfte. Von Fischbeck selbst ist bereits seit Montag aus der Luft kaum mehr zu sehen als Hausdächer. "Bungalows sind komplett weg", sagt ein Flieger der Bundespolizei.

Gegen Mittag meldet der Krisenstab in Sachsen-Anhalt, der Deichbruch in Fischbeck sei unter Kontrolle: "Dank intensiver Arbeiten von Bundeswehr und Bundespolizei" sei ein weiteres Aufbrechen verhindert und die Fließgeschwindigkeit verringert worden. Die entsprechenden Deichabschnitte würden weiter intensiv beobachtet.

"Alles in der Luft, was verfügbar ist"

Als André Sabzog davon hört, beginnt er laut zu lachen. Der Bundeswehr-Sprecher ist gerade mit dem Helikopter bei Fischbeck unterwegs gewesen; eine Ladung Presseleute musste er rausschmeißen, weil Menschen aus der Gegend schnell in Sicherheit gebracht werden mussten. "Der Deich ist bei Fischbeck auf 80 Metern durch", berichtet er. Man müsse inzwischen aus der Luft die Menschen herausholen, die sich immer noch in der Gegend aufhalten. "Es ist dazu momentan alles in der Luft, was verfügbar ist", sagt er. Von "unter Kontrolle" könne da überhaupt keine Rede sein.

Wie am Boden ist beim Kampf gegen die Flut auch aus der Luft der Sandsack das Mittel der Wahl - nur groß genug muss er sein. Anderthalb Tonnen passen in die Bigbag genannten Kunststoffhüllen, die schwer unter den Hubschraubern baumeln wie riesige Einkaufsbeutel. Überall in der Gegend sind Verladestationen entstanden, an denen die Helikopter von Armee und Bundespolizei die Beutel aufnehmen können.

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Hochwasser: Alarm an den Deichen
In Borstel, wenige Kilometer nördlich von Stendal, hat sich ein kleiner Flugplatz in so einen Sandsack-Knotenpunkt verwandelt. Ohrenbetäubend bollern die Rotoren der Helikopter, zum Teil kommen sie hier alle zwei Minuten durch. Die Bundespolizei ist mit zehn Maschinen hier, außerdem die Bundeswehr mit ihren Lasthubschraubern. Pausenlos fliegen sie Einsätze rüber nach Fischbeck, fünf Minuten hin, fünf Minuten zurück, dazwischen Auftanken.

Wie sehr das Hochwasser diese Gegend auseinandergerissen hat, sieht man auch daran: Luftlinie sind es von Borstel bis ans andere Elbufer nur wenige Kilometer. Wer mit dem Auto fährt, braucht momentan knapp anderthalb Stunden. Straßen sind weiter gesperrt, auch die Brücke bei Tangermünde ist nicht befahrbar. Wer ans andere Ufer will, muss den ganz großen Bogen über Wittenberge oder Magdeburg nehmen - oder den Helikopter. Die Region ist ein geteiltes Land.

105 Sandsäcke für einen Bigbag

Wenn die Hubschrauber die riesigen Sandbeutel aufnehmen, durchstarten und weiter Richtung Bresche fliegen, sieht dieses Manöver regelrecht beängstigend aus. Schwer wuchten die Lastesel der Heeresflieger Säcke von der Größe eines Ponys in die Höhe und husten dunkle Abgaswolken, manchmal rieselt Sand hinunter auf die Bundesstraße, die am Flugfeld vorbeiführt. Und so geht das im Fünf-Minuten-Takt.

In Zwölf-Stunden-Schichten sind die Crews im Einsatz, drei Mann pro Helikopter. Im Heck sitzt dabei der sogenannte System Operator - der Mann, der die Hydraulik bedient, den Piloten einweist und dafür sorgt, dass die Bigbags punktgenau abgesetzt werden, aus 30 Metern Höhe lassen sie sie mit der Winde hinunter.

Am Flugfeld rollen immer wieder Sattelschlepper aus der Kiesgrube heran; mit neuem Sand auf der Pritsche. Sicher 15 Gabelstapler rumpeln kreuz und quer über das staubige Gelände, bringen Paletten mit Säcken zur nächsten Station, wo Helfer der Freiwilligen Feuerwehr die Bigbags beladen. "... 18! 19! 20! ...", zählt eine Helferin laut mit, 35 normal große Sandbeutel kommen in einen der mächtigen Kunststoffsäcke, dann ist die halbe Tonne voll; 105 für anderthalb Tonnen, sie packen so viel der Hubschrauber tragen kann.

Die fleißigen Hände, die diese Luftbrücke am Laufen halten, gehören den etwa 150 Freiwilligen hinter dem Flugfeld. Dort stehen sie, mit Schippen bewaffnet, und tragen den gewaltigen Sandhaufen ab, der sich wie ein Gebirgszug vor dem Hangar türmt. Das muss alles rein in kleine Sandsäcke, dann auf Paletten. Hunderte, Tausende davon stehen auf dem Vorplatz, warten auf ihren Einsatz auf einem durchweichten Deich oder an einer Bresche im Damm, durch die das Wasser drückt.

Beeindruckend bunt ist die Schar der Helfer. Sechstklässler sind dabei, aus Stendal, die zum Säckefüllen schulfrei bekommen haben. Ein bärtiger Gleisbauer, der sich extra Urlaub genommen hat. Oder die Kindergärtnerin aus Klietz, deren Kita ebenso wie der Rest der Ortschaft evakuiert werden musste. Da hilft sie halt in Borstel mit, sagt die zierliche Frau und rammt die Schippe in den Sandhaufen.

insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Minette 11.06.2013
1. Bewunderung und Scham...
Tapfere Menschen, ich bin voller Hochachtung fuer die Schwerstarbeit, die dort von jedermann geleistet wird. Waehrend wir im Rheinland Hochwasser haben, was einfach nur schoen aussieht, arbeiten Anwohner, Militaer, Jugend, Feuerwehren bis zum Umfallen. Wir, die wir im Trockenen sitzen, sollten bitte ALLE grosszuegigst spenden, spenden spenden!!!
zick-zack 11.06.2013
2.
Was für ein Irrsinn! Was für ein Aufwand! Statt endlich den Flüssen einfach wieder mehr Raum zu geben. Dann könnte sich so ein Hochwasser fast von selbst erledigen. Aber nein, viele Deiche müssen sein, damit das Problem immer weiter flußabwärts verlagert. Damit auch die anderen nochwas davon haben. Es wäre auch mal klug, zurückzuweichen und der Natur den Platz zu geben, den sie braucht. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Ich habe 2002 gespendet, jetzt kommt mir das nicht mehr in den Sinn!
krejsa 11.06.2013
3. Frau Merkl UMWIDMEN
Die absurde CO2 Steuer, die Öko Abgaben -machen Sie endlich was Vernünftiges daraus. Hilfe für diese Menschen. Keine kindisch blöden Projekte.
schlabbermaul 11.06.2013
4. Netter Versuch
Zitat von MinetteTapfere Menschen, ich bin voller Hochachtung fuer die Schwerstarbeit, die dort von jedermann geleistet wird. Waehrend wir im Rheinland Hochwasser haben, was einfach nur schoen aussieht, arbeiten Anwohner, Militaer, Jugend, Feuerwehren bis zum Umfallen. Wir, die wir im Trockenen sitzen, sollten bitte ALLE grosszuegigst spenden, spenden spenden!!!
nö :-)
fast_weise 11.06.2013
5. dem kann ich mich nur anschließen!
Zitat von MinetteTapfere Menschen, ich bin voller Hochachtung fuer die Schwerstarbeit, die dort von jedermann geleistet wird. Waehrend wir im Rheinland Hochwasser haben, was einfach nur schoen aussieht, arbeiten Anwohner, Militaer, Jugend, Feuerwehren bis zum Umfallen. Wir, die wir im Trockenen sitzen, sollten bitte ALLE grosszuegigst spenden, spenden spenden!!!
dazu auch die Frage inwieweit die effektlosen Mrd.-Überweisungen nach Südeuropa, die ja so überaus dankbar aufgenommen werden, nicht hier viel sinnvoller wären.
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