Hochwasserkatastrophe Passau fürchtet Folgen der Flut

In Passau scheint das Schlimmste überstanden: Seit der Nacht gehen die Pegelstände leicht zurück. Die Schäden in der überfluteten Altstadt allerdings sind noch längst nicht abzusehen.

DPA

Von , Passau


Im Schuhhaus Resch schwimmt die bunte Frühjahrskollektion in der braunen Suppe, gleich nebenan hockt Fritz Uhrmann im dritten Stock und will nicht raus aus seiner Wohnung. Sollen die Bundeswehrsoldaten doch wieder verschwinden. Seit Montagabend manövrieren sie mit Schlauchbooten durch die Passauer Altstadtgassen, die durch die Wassermassen zu Kanälen geworden sind.

Für die Stadt ist es das schlimmste Hochwasser seit 500 Jahren. Aber was das bedeutet, welchen Schaden und welchen Verlust, das wird man erst ermessen können, wenn das Wasser wieder weg ist. "Das Schlimmste kommt noch", sagt Oberstleutnant Thorsten Klapp. Mit 150 Soldaten ist die Bundeswehr angerückt, bei Bedarf kann das Kontingent erhöht werden (verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen im Liveticker).

Es gibt viele bizarre Szenen in Passau zu beobachten, das eigentlich so stolz ist auf seine Lage an Donau, Inn und Ilz: die Straßenlaternen, deren obere Enden wie Bojen auf der Wasseroberfläche liegen, weil die Masten von der Flussbrühe verdeckt sind. Das verlassene und halb versunkene Auto, dessen Warnblinkanlage wie verrückt blinkt. Oder die drei Männer auf dem Balkon in der Altstadt, die ihre Gläser heben und den Soldaten im Schlauchboot zuprosten, als könnten sie jetzt endlich in Ruhe ihren Wein genießen. Sie gehören zu denen, die trotz des gewaltigen Hochwassers in ihren eigenen vier Wänden geblieben sind.

"Das hat mir ein bisschen Angst gemacht"

Einen allein lebenden 70-Jährigen tragen die Soldaten dann aber am Ende doch nach unten und hieven ihn ins Boot. "Telefon ging nicht mehr, ein Handy habe ich nicht", sagt der Rentner. "Das hat mir ein bisschen Angst gemacht." Besorgte Verwandte hatten die Einsatzkräfte informiert.

Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Wasserwacht, Malteser, Feuerwehr, Bundeswehr: Sie sind jetzt hier. Immer wieder ist ein Hubschrauber über der Stadt zu sehen, der Sandsäcke transportiert, Einsatzwagen rauschen mit Blaulicht durch die Straßen, Männer der Wasserwacht schieben in Neoprenanzügen Boote ins Wasser.

Und mittendrin die Schaulustigen. Auf der zu weiten Teilen überspülten Fritz-Schäffer-Promenade tummeln sie sich, als gäbe es keine bessere Flaniermeile. Eine Frau führt ihr Schoßhündchen an der Leine, eine Plastikhaube schützt ihn vor dem Regen. Herrchen und Frauchen schießen ein paar Fotos von sich: Pärchen vor absaufender Stadt. "Furchtbar", sagt Oberstleutnant Klapp über die Neugierigen.

"Wir wollen helfen"

Es gibt aber auch andere: Wie das Ehepaar mit kleinem Kind, das zum Anpacken in die Passauer Dreiländerhalle gekommen ist, einem der Stützpunkte der Einsatzkräfte. "Wir wollen helfen", sagen sie. Oder wie die Studenten, die in der Altstadt Sandsäcke stapeln, um etwa vor dem Laden von Willi Zacharias das Wasser aufzuhalten.

"Am Sonntag war hier um 17 Uhr noch kein Wasser", sagt Zacharias. Jetzt hat es seinen Keller vollständig geflutet. Den Schaden in seinem Modehaus schätzt er auf einen Betrag im sechsstelligen Bereich. "Und mir geht es noch besser als denen", sagt er und deutet auf die Häuser, die es richtig erwischt hat.

Immerhin scheint Passau keinen weiteren Pegelanstieg befürchten zu müssen. Bis Montagabend war die Donau auf mehr als 12,80 Meter angeschwollen, doch über Nacht ging der Pegelstand leicht zurück. Bis zum Nachmittag wird ein Wert von etwas über 10 Metern erwartet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wollen sich jetzt in Passau ein Bild von der Lage machen. Die bayerische Regierung will ein Hilfsprogramm von 150 Millionen Euro für den Kampf gegen die Katastrophe in Passau und anderen betroffenen Teilen des Bundeslands zur Verfügung stellen.

Es bleibt noch viel zu tun für Leute wie Andreas von der Wasserwacht, der nur seinen Vornamen nennen will. Eine gefühlte Ewigkeit steckt er am Montagabend buchstäblich bis zum Hals in der Flut, um Booten trotz der Strömung den richtigen Schwung in die Altstadt zu geben. Die Anstrengung ist ihm irgendwann anzusehen, seine Lockerheit bleibt: Als er auf dem Rückweg längst wieder ins Boot steigen könnte, wehrt er ab und schwimmt weiter: "Das würde sonst uncool aussehen."

Erste Entwarnung für Hochwasserzonen

Auch in anderen Gebieten beruhigt sich die Lage etwas. Die Pegelstände im Landkreis Rosenheim seien weiter gefallen, die Hilfskräfte rüsteten sich nun für die anstehenden Aufräumarbeiten, sagte ein Sprecher des Landratsamts Rosenheim am späten Montagabend. Voraussichtlich kann am Dienstag der Katastrophenalarm für den Landkreis aufgehoben werden.

In den Thüringer Hochwassergebieten hat sich die Lage in der Nacht zum Dienstag ebenfalls zusehends entspannt. Das Lagezentrum des Innenministeriums meldete sinkende Pegelstände im ganzen Land. "Jetzt hoffen wir, dass die Deiche weiter halten", sagte ein Sprecher.

Angespannt blieb die Lage dagegen in Sachsen. In Grimma stand das Wasser meterhoch in der Altstadt, die nur noch mit Schlauchbooten befahrbar war. Im Landkreis Leipzig wurden rund 6000 Menschen in Sicherheit gebracht. Sorge bereitete den Behörden die Elbe, die unvermindert anschwoll. In Dresden wurde bereits die erste Elbbrücke für Autos gesperrt. Kurz vor Mitternacht hatte der Fluss einen Pegelstand von 7,08 Meter. Ein Sprecher des Katastrophenstabs beruhigte jedoch: "Bilder wie 2002 von einer überschwemmten Dresdner Altstadt wird es aller Voraussicht nach nicht geben." An der Elbe werde in den kommenden Tagen ein maximaler Pegelstand von neun Metern erwartet. 2002 waren es 9,40 Meter.

In Sachsen-Anhalt schauten die Menschen in der Nacht mit bangem Blick auf die Saale. Nach offiziellen Einschätzungen droht dem Bundesland ein noch schlimmeres Hochwasser als bei der Jahrhundertflut 2002, Halle befürchtet sogar das schlimmste Hochwasser seit 70 Jahren. In einem Wettlauf mit der Zeit wurden in der Stadt Deiche mit Sandsäcken und einem mobilen System verstärkt.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sind seit Samstag 4000 Kräfte des Bundes im Hilfseinsatz - darunter mehr als tausend Soldaten. Das Ausmaß der Hochwasserschäden in Deutschland lässt sich bisher nicht beziffern, sagte Ernst Rauch vom Rückversicherer Munich Re. Einen Lichtblick gibt es: Der Deutsche Wetterdienst rechnet damit, dass der Regen in dem kommenden Tagen fast überall nachlässt.

Die detaillierte Wettervorhersage finden Sie hier.

Mit Material von dpa



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
schubidubiduu 04.06.2013
1. Ist schon verhohlen,
wenn SPON Schaulustige schlecht darstellt. Schließlich leben die Medien von der Sensationsneugier der Massen und bedienen diese, wo es nur geht. Solange die Leute die Rettungsmaßnahmen nicht stören, können sie doch schauen.
Bananenblatt 04.06.2013
2.
... aber wenn in ein paar Tagen keine neuen plakativen Bilder mehr zu zeigen sind, zieht auch die Medienkarawane weiter. Wie immer. Jüngstes Beispiel war Boston, oder?
marthaimschnee 04.06.2013
3.
leider werden die eben gefallenen 2 Meter Neuschnee in den Alpen auch bald schmelzen und damit erneut für Hochwassergefahr sorgen - und den Wetteraussichten nach könnte das sehr schnell gehen
k-zeitvogel 04.06.2013
4. Hochwasser
Ich hoffe, dass in solchen Situationen auch die Politiker zusammen stehen und sich nicht immer gegenseitig in die Schuhe schieben. Naturgewalten kann kein Mensch genau vorhersagen. Wichtig finde ich das wir uns alle solidarisch zeigen. Die Opfer brauchen unserer aller Hilfe. Was erwarten wir von den Politiketn? Sollen sie das ganze Geld aus unserer Steuerkasse nehmen und damit die Steuerkassen leeren. Wäre es nicht sinnvoll das jeder Haushalt wo sich es finanziell leisten kann spenden soll? Wichtig wäre hierfür zu wissen, wie viel jeder Haushalt im Durchschnitt spenden soll. Sehr gut finde ich, dass unsere Bundeswehrsoldaten im Einsatz sind. Also Leute bitte helft jeder, so wie jeder kann. Liebe Medien, bitte greift nicht immer die Politiker an. Was sollen sie denn tun? Etwa sich nicht blicken lassen. Frau Künast sollte bitte nicht immer alle Angreifen Ich denke, das heute jedem klar ist, dass wir was tun müssen. Alle zusammen.
kolibri73 04.06.2013
5. Ja nix lernen aus der Haefung von Flutkatastrophen! Weiter Flusslaeufe zu Kanaelen ve
Da gab es in den fruehen 70 ern ein paar " Spinner " die nannten sich Gruene oder Jusos und haben genau diese Entwicklung exakt vorausgesagt... will sich heute nur niemand dran erinnern, gelle!!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.