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04. Juni 2013, 18:54 Uhr

Flutwelle

Rekord-Hochwasser droht an der Elbe

Nach Bayern, Sachsen und Thüringen bereiten sich nun auch Niedersachsen und Sachsen-Anhalt auf Rekord-Hochwasser vor: Auf der Elbe rollt nach Angaben der Behörden eine große Flutwelle heran. Wo die Pegelstände sinken, bleiben aufgeweichte Deiche die größte Gefahr.

Hamburg - Das Wasser steigt und steigt, die Schäden sind jetzt schon enorm: Das Hochwasser in Deutschland droht die Ausmaße der sogenannten Jahrhundertflut von 2002 anzunehmen.

Mindestens vier Menschen kamen bisher durch die Wassermassen ums Leben. Bereits am Donnerstag war in Niedersachsen eine Radfahrerin ertrunken, die auf einer wegen Überflutung gesperrten Straße gestürzt war. In Baden-Württemberg starben drei Menschen, darunter ein Feuerwehrmann. Die Fluten fordern rekordverdächtig viele Helfer. Knapp 44.000 Einsatzkräfte waren laut den Behörden seit dem Wochenende im Einsatz - sogar mehr als 2002. Und es ist noch nicht vorbei: Auf der Elbe rollt nach Angaben der Behörden eine große Flutwelle heran, in Niedersachsen bereiteten sich Katastrophenstäbe auf Rekord-Hochwasser vor. "Wir müssen uns auf eine sehr, sehr ernste Lage gefasst machen", sagte Umweltminister Stefan Wenzel. "Ich rechne damit, dass wir Katastrophenalarm ausrufen müssen, auch zur Vorsorge, damit alle Leute zur rechten Zeit am rechten Platz sind."

Am Abend bewahrheitete sich dann Wenzels Vermutung: Der Landkreis Lüchow-Dannenberg löste vorsorglich Katastrophenalarm aus. Konkret bedeute dies, dass der Landkreis ab sofort für den Einsatz zuständig sei, sagte eine Sprecherin. Helfer seien dazu aufgerufen, Sandsäcke zu füllen, Evakuierungen seien aber bislang nicht geplant.

Der Alarm sei aufgrund der Prognosen zu den Pegelständen ausgerufen worden, hieß es. Bislang sei die Elbe im fraglichen Gebiet aber noch nicht stark weiter angestiegen. Am Mittag wurde in Hitzacker ein Pegelstand von 4,51 Meter gemessen. Für Sonntag prognostiziert das Wasser- und Schifffahrtsamt Magdeburg einen Wasserstand von 8 Metern für die Kleinstadt - etwa einen halben Meter mehr als 2002. Damals stand Hitzacker komplett unter Wasser. Bis Mittwoch der kommenden Woche könnte der Elb-Pegelstand dort sogar noch auf bis zu 8,80 Meter steigen.

Dammbruch im Landkreis Deggendorf

Kritisch wurde die Lage auch in Sachsen-Anhalt. Flussaufwärts waren die Elbe und ihre Zuflüsse vielerorts schon über die Ufer getreten. Erste Gebiete wurden evakuiert. Vorsorglich sollen in Bitterfeld 10.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Der Seelhausener See habe mittlerweile einen kritischen Wasserstand erreicht, teilte ein Sprecher des Landkreises am Dienstagabend mit. Er warnte vor einem möglichen Deichbruch, auch am Goitzsche-Ufer.

In Halle kämpften zudem Hunderte Einsatzkräfte und Soldaten um die Deiche an der Saale. In Magdeburg wurde wegen steigender Wasserstände Katastrophenalarm ausgelöst.

Auch das elbabwärts gelegene Brandenburg meldete Hochwasser und bereitete sich auf die Flut vor.

In Sachsen blieb die Lage nach wie vor gefährlich: "Wir rechnen mit einem Pegelstand von neun Metern plus X", warnte das Innenministerium. In Dresden wurden weitere Evakuierungen vorbereitet.

Auch im stark betroffenen Bayern blieb die Lage kritisch. Passau erlebte in der Nacht zum Dienstag die höchste Donau-Flut seit mehr als 500 Jahren. Viele Orte standen unter Wasser, Helfer verstärkten Deiche und holten Bewohner aus den Überschwemmungsgebieten. In der Nacht zum Dienstag war der Pegelstand nach Behördenangaben auf 12,89 Meter gestiegen. Anschließend ging das Wasser wieder zurück. Der Landkreis Regensburg rief Katastrophenalarm aus. Im Landkreis Deggendorf breiteten sich die Wassermassen nach einem Dammbruch nahe der Ortschaft Winzer weiter aus.

Hohe Geldstrafen für Gaffer gefordert

Die Nerven aller Beteiligten sind angespannt: Der Vorsitzende des Bayerischen Feuerwehrverbands, Alfons Weinzierl, beklagte erste Katastrophentouristen, die die Arbeit der Helfer behinderten. Er forderte hohe Geldstrafen für die Gaffer. Auch das Deutsche Rote Kreuz teilte mit, der zunehmende Hochwassertourismus erschwere die Arbeit. Zudem warnte das DRK Schaulustige, die Deiche zu betreten. Dort bestehe Lebensgefahr.

Unterdessen entspannte sich die Lage in einigen Bundesländern. In Thüringen konnte der Katastrophenalarm an vielen Orten zwar noch nicht aufgehoben werden. Die Krisenstäbe rechneten aber damit, dass sich die Lage weiter entspannen wird.

Für das Rheinland gaben die Behörden Entwarnung. In Bonn, Köln und Düsseldorf stieg das Wasser zwar noch um einige Zentimeter, ein Ausmaß wie im Süden und Osten Deutschlands wurde jedoch nicht erwartet.

Auch die Nachbarländer kämpfen nach wie vor gegen das Hochwasser. In Tschechien stieg die Zahl der Toten auf acht. Laut den Behörden mussten im ganzen Land mehr als 8300 Menschen ihre Häuser verlassen. Seit Sonntag gilt in fast allen Teilen des Landes der Notstand.

In Ober- und Niederösterreich erreichten die Pegelstände ähnliche Werte wie 2002. Unklar war, ob die mobilen Schutzwände und Dämme halten und ob die Höhe ausreicht. Zwei Menschen starben bisher, zwei weitere wurden noch vermisst.

In Polen beruhigte sich die Lage. Zwar müsse man in den kommenden Tagen mit Überschwemmungen rechnen, eine Flut wie in Deutschland oder Tschechien sei aber nicht zu befürchten, teilten die Behörden mit.

gam/dpa/AFP

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