Hochwasserkatastrophe in Thailand Regierungschefin lässt Bangkok fluten

Bangkok ist nicht mehr zu schützen: Nach tagelangem Kampf gegen das Hochwasser hat Thailands Regierungschefin Yingluck angeordnet, die Schleusen der Zwölf-Millionen-Einwohner-Metropole zu öffnen. Nur so könnten die Fluten schneller in Richtung Meer fließen.

DPA

Von Freddy Surachai, Bangkok


Mitten im Wasser steht eine Frau mit einem Fahrrad. Nur der Lenker und der Sattel ragen noch aus den Fluten heraus. Ihr selbst reicht der Pegel bis zur Brust. Doch in all der Not macht sie weiter Geschäfte: Behelfsmäßig hat sie einen großen Sonnenschirm an dem Vehikel befestigt. An dessen Speichen hängen Dutzende Schwimmwesten, die sie zum Verkauf anbietet. Ein Plastikbeutel dient ihr als Kasse. Sie winkt den Passanten zu - und lacht.

Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer. Irgendwie geht das Leben an diesem Donnerstagmorgen weiter in der Region Pathum Thani vor den Toren der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Hier wie in vielen Teilen des Landes steht das Wasser bereits seit Tagen meterhoch. Und jetzt droht der Worst Case: Auch der Thai-Metropole selbst droht die Überflutung.

Nach tagelangem, verzweifeltem Kampf ist Bangkok nicht mehr zu retten. Die Hauptstadt könne nicht mehr komplett geschützt werden, sagte Thailands Regierungschefin Yingluck Shinawatra am Donnerstag. Sie werde die Behörden anweisen, alle Schleusen der Zwölf-Millionen-Einwohner-Metropole zu öffnen, damit das immense Hochwasser aus dem Norden des Landes schneller in Richtung Meer fließen könne. "Man kann das Wasser nicht ewig blockieren", sagte Yingluck.

Das Bollwerk ist nicht mehr zu halten

Thailand erlebt seit mehr als zwei Monaten die heftigsten Regenfälle und Überschwemmungen seit Jahrzehnten, mehr als 320 Menschen kamen ums Leben. Ganze Landstriche sind überflutet, vor allem im Norden. Da die Hauptstadt Bangkok zunächst unbedingt geschützt werden sollte, war dort durch kilometerlange Wälle aus Sandsäcken das Wasser am Abfließen in Richtung Süden und damit ins Meer gehindert worden.

Doch das Bollwerk kann nicht mehr verteidigt werden, jetzt drohen Teilen Bangkoks ein ähnliches Schicksal wie seiner Provinz Pathum Thani. Rund um die geschäftstüchtige Frau kämpfen sich dort Männer, Frauen, Kinder - die Kleineren bis zum Kopf im Wasser - durch die schmutzig braune Flut. Müll schwimmt zwischen ihnen, Plastikflaschen, verdorbenes Obst, verfaultes Gemüse, Unrat.

Auf dem Kopf tragen die Menschen ihre übrige Habe, armselige, schnell zusammengeschnürte Bündel. Einige Frauen schieben Plastikwannen vor sich her, die sie als eine Art Boot benutzen. Manchmal liegen Haushaltsgegenstände in diesen Bottichen, manchmal aber auch Babys, oft nur wenige Wochen alt. Andere Mütter halten ihre Kinder hoch, um sie vor dem Wasser zu schützen.

Einige Männer haben Hunde oder Katzen auf dem Arm. Aus Türen haben andere wacklige Flöße gebaut, die sie aber kaum tragen. Immer wieder werden sie überspült, nur mühsam kommen sie voran. Wenige Menschen hatten das Glück, ein flaches Boot zu ergattern, das ein wenig mehr Sicherheit bietet.

An Stellen, an denen der Pegel noch nicht so hoch steht, geht das Leben weiter. Marktstände sind aufgebaut, es wird gehandelt und gekauft, was noch zu haben ist. Doch über allem lastet ein bedrückendes Schweigen. Die sonst so quirligen Thais scheinen verstummt.

Die Bevölkerung zweifelt an den Erklärungen der Regierung

Trotz der Flut drängen sich auf der Hauptstraße noch die Autos. Auch dieser wichtige Verbindungsweg in Richtung Zentrum ist an einigen Stellen 60 bis 80 Zentimeter hoch überspült. In den Seitenstraßen steht das Wasser noch höher.

Mittendrin, bis zu den Hüften im Wasser, steht ein Polizist und versucht vergeblich, das Chaos zu regeln. Ziel der Autokarawane ist die Hochstraße, die aus Pathum Thani vorbei am nationalen Krisenzentrum im Don-Muang-Flughafen bis in die Innenstadt von Bangkok führt. Die Route ist als Parkplatz freigegeben. Hunderte Fahrzeuge, deren Besitzer geflohen sind, parken in sicherer Höhe. Stündlich werden es mehr.

Angesichts der drohenden Flutung der Hauptstadt verfangen auch die üblichen Beschwichtigungsfloskeln der Politik nicht mehr. "Bangkok ist sicher", hieß es immer wieder. Kaum jemand glaubt noch daran. Fast 90 Prozent der Befragten erklärten bei einer Blitzumfrage Anfang der Woche, sie trauten den Erklärungen der Regierung nicht. Schon wird die glücklose Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra in thailändischen Zeitungen unverhohlen zum Rücktritt aufgefordert. Selbst die Designer-Gummistiefel im Burberry-Look der mehrfachen Millionärin gelten nun als Symbol für ihre Inkompetenz.

Der Deichgraf von Bangkok trumpft auf

Bangkoks Gouverneur Sukhumbhand Paribatra nutzt die Schwäche der Regierungschefin und ihres überforderten Teams gnadenlos aus, um sich als Deichgraf zu profilieren. "Ich bin der Hausvater von ganz Bangkok", verkündet er, obwohl auch Sukhumbhand in den vergangenen Tagen mit Durchhalteparolen und Fehleinschätzungen für Verunsicherung sorgte.

Um wenigstens die Innenstadt zu retten, wird das Hochwasser jetzt um das Zentrum herumgeleitet - in der Hoffnung, diese letzte Schlacht um die Mega-Metropole doch noch zu gewinnen. Die Verantwortlichen haben keine Wahl. Rund ein Drittel Thailands steht zum Teil meterhoch unter Wasser - eine Fläche etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zusammen. Und aus dem Norden drückt die schier unvorstellbare Menge von 1,2 Millionen Kubikmetern Wasser auf Bangkok. Und immer wieder brechen Deiche, werden Sandsack-Barrieren weggespült, treten Kanäle über ihre Ufer.

Zahllose Thailänder sind bereits auf der Flucht. Militärtransporter bringen Notrationen in die Evakuierungszentren, Klopapier, Windeln, Fertignahrung und Trinkwasser. Das Lager auf dem Campus der Thammasat Universität Rangsit am nördlichen Rand Bangkoks, wo fast 4000 Menschen Zuflucht gefunden haben, ist inzwischen selbst bedroht: Die Küche, die die Obdachlosen und die Anwohner versorgt, wurde vorsichtshalber auf eine fünf Meter hohe Plattform verlagert, die Notbetten sind aus dem Erdgeschoss in die erste Etage verlagert worden.

"Das Schlimmste ist die Unsicherheit", sagt ein etwa 30-jähriger Mann, der am Ende seiner Kräfte zu sein scheint. "Keiner weiß, was in den nächsten Stunden passiert - und wir müssen einfach das Schlimmste befürchten." Kritiker fürchten allerdings, dass Thailand das Schlimmste noch bevorsteht, dass das ganze Ausmaß der humanitären Katastrophe erst sichtbar wird, wenn das Wasser zurückgeht.



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Der Emigrant 20.10.2011
1. Lektor schon im Wochenende?
"Und aus dem Norden drückt die schier unvorstellbare Menge von 1,2 Millionen Kubikmetern Wasser auf Bangkok." Durfte mal wieder ein Lehrling was schreiben? Was ist an 1,2 Mio. cbm "unvorstellbar", da kommt ja bei jedem Regenschauer auf und dann steht Bangkok einen unvorstellbaren halben Millimeter unter Wasser.
hk1963 20.10.2011
2. "die schier unvorstellbare Menge von 1,2 Millionen Kubikmetern Wasser"
Das wäre eine Fläche von einem Quadratkilometer, auf dem das Wasser 1,2 Meter hoch steht. Das ist wohl so nicht richtig. Journalisten und Zahlen... :)
hördochauf 20.10.2011
3. reicht knapp
Zitat von Der Emigrant"Und aus dem Norden drückt die schier unvorstellbare Menge von 1,2 Millionen Kubikmetern Wasser auf Bangkok." Durfte mal wieder ein Lehrling was schreiben? Was ist an 1,2 Mio. cbm "unvorstellbar", da kommt ja bei jedem Regenschauer auf und dann steht Bangkok einen unvorstellbaren halben Millimeter unter Wasser.
Damit kann sich knapp jeder Einwohner eine Badewanne füllen - wenn er sparsam ist. Ich fand allerdings auch die 'Kritiker' gut - alternativ hätte man schreiben können 'die Busfahrer' oder was sonst so nicht passt oder ohne Bezug ist... (eure Artikel werden doch veröffentlicht, da kann man sich mal etwas reinhängen ;)
Benuzar, 20.10.2011
4. Welcher Lektor?
Zitat von Der Emigrant"Und aus dem Norden drückt die schier unvorstellbare Menge von 1,2 Millionen Kubikmetern Wasser auf Bangkok." Durfte mal wieder ein Lehrling was schreiben? Was ist an 1,2 Mio. cbm "unvorstellbar", da kommt ja bei jedem Regenschauer auf und dann steht Bangkok einen unvorstellbaren halben Millimeter unter Wasser.
Ich glaube, dass beim Spiegel schon lange niemand mehr redigiert, was die Volontäre verzapfen. Mit dieser Flut an Schussel-, Denk- und Rechenfehlern könnte man wohl jährlich eine separates Spiegelheft füllen. Es macht das Lesen zu Qual, weil man ständig verifizieren muss, ob das Geschriebene überhaupt stimmen kann oder ob man nicht gerade eine Glosse liest.
tobicus 20.10.2011
5. 3 Tage kein Regen
Also seit 3 Tagen hat es hier im Zentrum Thailands nicht mehr geregnet. Es scheint so, als wäre die Regenzeit endlich vorbei. Die Wasserpegel ca. 300km nördlich von Bangkok sinken auch. Ob es da wirklich nötig war, jetzt noch Bangkok zu fluten, mag ich zu bezweifeln. Auch mit der normalen Durchflussmenge, dürfte das Wasser in 1-2 Wochen weg sein, wenn es nicht doch wieder Regen gibt.
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