Wie Horoskope funktionieren "Nächste Woche passiert eine blöde Geschichte"

Was bringt 2017? Viele Menschen schauen da erst mal ins Horoskop. Sprachwissenschaftlerin Andrea Bachmann-Stein erklärt, wie die Vorhersagen funktionieren - und warum sie eine Berechtigung haben.

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Ein Interview von


Zur Person
    Andrea Bachmann-Stein, Jahrgang 1965, Sternzeichen Schütze, arbeitet als Sprachwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über "Horoskope in der Presse". Dazu untersuchte sie 2200 Horoskope aus "Bravo", "Brigitte", "Stern", und "Hörzu". Seither begleitet das Thema sie in ihrer Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe heute Morgen in meinem Horoskop gelesen: Sie werden ein interessantes Gespräch führen.

Bachmann-Stein: Schön!

SPIEGEL ONLINE: Nein, das habe ich mir ausgedacht.

Bachmann-Stein: Hätte aber gut sein können. Das ist eine typische Horoskop-Strategie: Es wird etwas in Aussicht gestellt, aber so vage gehalten, dass die Leser alles den eigenen Lebenssituationen gemäß interpretieren können.

SPIEGEL ONLINE: Also lässt sich mit ganz viel gutem Willen sagen, es wird eine Art Vorhersage getroffen. Gibt es noch andere Horoskop-Typen?

Bachmann-Stein: Ja, gefühlsbetonte Texte und welche mit Ratgebercharakter.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Bachmann-Stein: Ein Rat zum neuen Jahr könnte lauten: "Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Gehen Sie die Dinge langsam an." Oder: "Kümmern Sie sich mehr um Ihren Partner. Dann klappt es auch mit der Beziehung." Oder: "Gehen Sie mehr auf Ihren Partner ein und zeigen Sie ihm, dass Sie ihn lieben."

SPIEGEL ONLINE: Und die gefühlige Variante?

Bachmann-Stein: Häufig wird gratuliert: "Beruflich läuft alles super bei Ihnen. Glückwunsch!" Oder es gibt Komplimente: "Du hast momentan viel Power."

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen dominieren?

Bachmann-Stein: Partnerschaft und Liebe. Freundschaft. Familie. Gesundheit. Und für die Erwachsenen: Beruf und Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird darüber geschrieben?

Bachmann-Stein: Es darf nicht zu negativ sein. Und es müssen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie man mit Problemen umgehen kann. Zum Beispiel: "Wenn ein Kollege Sie ärgert, bleiben Sie gelassen und sprechen Sie ihn darauf an." Oder: "Nächste Woche passiert eine blöde Geschichte. Lassen Sie sich nicht runterziehen, es geht auch wieder aufwärts." Oder: "Auch wenn eine Trennung im Raum steht: Lassen Sie nicht den Kopf hängen." Die Trennung kann selbstverständlich alles sein: vom Partner, von Kollegen, vom Lieblings-Feinkosthändler.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich bei der Analyse dabei ertappt, dass Sie dachten: Dieses Horoskop traf wirklich zu?

Bachmann-Stein: Nein, aber ich habe mich amüsiert. Zum Beispiel über Widersprüche. Da stand sinngemäß, alles ist super. Und einen Absatz später wurde vor einer heranrollenden Grippewelle gewarnt. Manchmal bissen sich auch die Formulierungen. Nach einer Warnung vor Unfallgefahr im Haushalt wurde den Leuten Hals- und Beinbruch gewünscht.

SPIEGEL ONLINE: Wer schreibt Horoskope?

Bachmann-Stein: Die Redaktionen hielten sich sehr bedeckt. Manche haben ihren eigenen Haus-Astrologen. Aber die meisten Texte schreiben Redakteure. Wenn man 15 Stück gelesen hat, kann so ziemlich jeder Horoskope schreiben. Ich lasse das meine Studierenden immer wieder machen, das funktioniert hervorragend.

SPIEGEL ONLINE: Gefühlt sind die Texte sehr gleichförmig.

Bachmann-Stein: Diese vermeintliche Stereotypie gibt es gar nicht. Horoskope sind deutlich vielfältiger als man annehmen würde. Thematisch gibt es Konstanz, inhaltlich gibt es grob gesagt die Unterscheidung "Es läuft gut" oder "Es läuft schlecht". Aber sprachlich wird das deutlich variiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also keine Dopplungen gefunden - etwa dasselbe Horoskop für verschiedene Sternzeichen?

Bachmann-Stein: Nein. Das passt schon deshalb nicht, weil die Texte etwa den Jahreszeiten angepasst werden. Zu Weihnachten geht es verstärkt um Familie und Harmonie, im Sommer zur Urlaubszeit um Liebe und Liebeleien: "Ein heißer Flirt kündigt sich an." Und zum Jahreswechsel wird daran erinnert, gute Vorsätze nicht fallenzulassen: "Seien Sie nicht so bequem, nur mit Sport verschwinden die Fettpolster." Es ist verpönt, dick zu sein. Insofern sind Horoskope auch ein Spiegel gesellschaftlicher Normen. Das macht einen Teil ihrer Beliebtheit aus.

SPIEGEL ONLINE: Mag sein. Aber wer glaubt schon daran?

Bachmann-Stein: Was heißt daran glauben? Bei meiner Doktorarbeit habe ich eine Umfrage unter 60 Leuten gemacht. Die Hälfte sagte, sie freuten sich, wenn etwas Positives im Horoskop stehe. Die hoffen dann, dass es eintritt - und insofern nehmen sie es ernst.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt uns das?

Bachmann-Stein: Auch wenn Horoskope formelhaft erscheinen und belächelt werden, sind sie für die Leser wichtig. Dass es in so vielen Zeitschriften immer noch welche gibt, zeigt, dass sie von den Lesern gewünscht sind. Das ist spannend.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bachmann-Stein: Es gibt ein Grundbedürfnis nach Orientierung. Horoskope befriedigen es ein Stück weit. Sie entsprechen dem Wunsch, das eigene Leben kontrollieren zu können. Und zu wissen, was kommt.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie eigentlich Ihr Horoskop?

Bachmann-Stein: Habe ich noch nie gemacht.



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