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Nike Laurenz

Wenn PR-Profis fürs Klima kämpfen Erst Hungerstreik, dann Gurkenbrote

Über Monate begleitete ich Klimaaktivisten in Berlin, die nichts essen wollten, bis Scholz, Baerbock und Laschet mit ihnen sprechen. Sie wurden von vielen belächelt, dabei waren sie bestens organisiert.
aus DER SPIEGEL 1/2022
Klimaaktivistinnen und -aktivisten bei Interviews nach einem Gespräch mit dem designierten Kanzler Olaf Scholz im November

Klimaaktivistinnen und -aktivisten bei Interviews nach einem Gespräch mit dem designierten Kanzler Olaf Scholz im November

Foto: Stefan Müller / PIC ONE

Im Spätsommer wollten junge Aktivisten in Berlin so lange das Essen einstellen, bis die Kanzlerkandidaten Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet öffentlich mit ihnen über die Klimakrise sprechen würden. Wegen der Aktion wurden die Streikenden Zielscheibe von Häme und Spott – ihr Vorhaben sei naiv, erpresserisch, sinnfrei.

Als ich die Gruppe kennenlernte – ich traf sie mehrmals, beim Protestieren und beim Hungern –, war ich vor allem: erstaunt. Ich kam mit den negativen Kommentaren im Ohr: »Diese Rebellen haben doch keine Ahnung, wie die Welt funktioniert.« Aber sie hatten Ahnung, mehr als viele andere, die auch ein Anliegen haben. Sie wussten, wie man auf sich aufmerksam macht, wie man die Presse um sich schart. Sie teilten mir eine Sprecherin zu, die sie gekürt hatten. Sie schickten mir Mails mit Streik-Updates, anfangs täglich, auf Deutsch und Englisch.

Die Gruppe kommunizierte über WhatsApp, es ist selten, dass die, über die wir Journalistinnen und Journalisten berichten, so erreichbar sind. Sie wiesen auf ihre Website hin, auf ihre Instagram-Storys, sie organisierten Pressekonferenzen unter freiem Himmel, beschäftigten einen eigenen Fotografen. Die wörtlichen Zitate ihrer Mitglieder, die ich in meine Texte schrieb, sollte ich ihnen schriftlich vorlegen.

Als sie im November Olaf Scholz, der sich erbarmt hatte, zu einem Gespräch in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung trafen, waren Journalisten im Saal wegen Corona nicht erlaubt. Schwierig für die Berichterstattung, doch für einen exklusiven Einblick luden die Aktivisten mich kurzerhand am Abend zuvor in ihre kleine Berliner Wohnung ein, wo sie sich mit Laptops und Gurkenbroten zur Planung des Scholz-Treffens verabredet hatten. Als ich mich später verabschiedete, sagte die Sprecherin: »Sehr nett, dass du gekommen bist. Außer dir haben wir niemanden hierher eingeladen.« Im Treppenhaus musste ich lachen: Diese Rebellen sind wirklich nett – oder extrem clevere PR-Profis.

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