Hurrikan-Folgen Die verlassenen Kinder von New Orleans

Auf sich allein gestellt suchen sie ihren Weg durchs Wasser, passen aufeinander auf, wenn es sonst keiner tut. Rund 220 Kinder werden in der Region um New Orleans vermisst, 300.000 bis 400.000 sind obdachlos, schätzt Unicef.


Die sechsjährige Molly Weems schläft auf einer Bank: Noch immer werden rund 220 Kinder vermisst
AP / The Dallas Morning News, Barbara Davidson

Die sechsjährige Molly Weems schläft auf einer Bank: Noch immer werden rund 220 Kinder vermisst

Baton Rouge/ Hamburg - Ein sechsjähriger Junge geht eine Straße hinunter, auf dem Arm hält er ein fünf Monate altes Baby, im Schlepptau folgen ihm fünf kleine Kinder. Die Kinder halten sich an den Händen, eines trägt nichts als Windeln. Er heiße Deamonte Love, sagt der Sechsjährige, der die Gruppe anführt, den Helfern vor Ort in New Orleans.

Die Rettungsassistenten sind in der vergangenen Woche mit Tausenden Schicksalen konfrontiert worden - kaum eines habe sie so berührt wie das der sieben Kinder, die am Donnerstag durch eine Notunterkunft in New Orleans zogen, berichten sie der "Los Angeles Times". Grübelnd versuchen Krankenschwestern und Rettungsassistenten eine Nacht lang, die Namen der anderen Kinder zu ermitteln - vergeblich.

"Es war das Schwierigste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe", zitiert die Zeitung den Helfer, der die Kinder aus New Orleans in das Hauptquartier der Hilfsorganisation nach Baton Rouge brachte. "Ich wusste, ihre Eltern waren entweder tot oder hatten sie im Stich gelassen", so Pat Coveney weiter.

Dutzende Kinder wurden von ihren Eltern getrennt

220 Kinder werden derzeit in der Region um New Orleans vermisst. Mike Kenner vom Zentrum für vermisste und ausgenutzte Kinder geht davon aus, dass die Zahl in den nächsten Tagen noch steigen wird. Im Chaos der vergangenen Woche seien Dutzende Kinder von ihren Eltern getrennt worden. So gab eine Mutter ihr Baby in einen Bus, um einen letzten Koffer zu holen. Als sie sich wieder dem Bus zuwandte, war er abgefahren.

Nachdem die sieben Kinder in Baton Rouge gegessen hatten, schliefen sie zunächst tief. Später erzählte Deamonte den Rettungsassistenten von seinen Eltern, einer kleinen Mutter und einem großen Vater, er nannte seine Adresse und den Namen seiner Grundschule. Auf seinem Arm habe er seinen kleinen Bruder Darynael getragen, zwei der Kinder seien seine Cousins, die anderen drei Nachbarskinder.

Alle sieben seien in einem sehr gepflegten Zustand gewesen, zitiert die "Los Angeles Times" eine Krankenschwester, das Baby "dick und glücklich". Den größeren Kindern ging es hingegen schlechter. Den ganzen Abend trug ein freiwilliger Helfer eines der Mädchen auf dem Arm: "Das Kind war in Panik", berichtet Ron Haynes.

Spät am Abend ein Hoffnungsschimmer: Eine Frau suche nach sieben vermissten Kindern - die Helfer in Baton Rouge brechen in spontanen Applaus aus. Als die Mutter am Telefon ist, wird klar, dass sie nach sieben anderen Kindern sucht. Die Katastrophe, so scheint es, nimmt kein Ende.

Kinder stehen unter Schock

Die Kinder kommen in eine soziale Einrichtung, erhalten Spielsachen, werden betreut. Zwei Tage fahnden die Helfer nach jedem Anhaltspunkt über ihre Herkunft. Ein Mädchen weigert sich, den Helfern seinen Namen zu nennen. Erst als ein Assistent sie mit einer Digitalkamera fotografiert und ihr das Bild zeigt, ruft sie "Gabby". Deamonte berichtet den Helfern davon, wie seine Mutter geweint habe, als man ihn und die anderen in einen Rettungshubschrauber geladen habe, darüber, dass er ihr versprochen habe, sich um seinen kleinen Bruder zu kümmern.

Psychologen gehen davon aus, dass die seelischen Reaktionen auf die Katastrophe - insbesondere bei Kindern - noch gar nicht abzusehen sind. Noch stünden die Menschen unter Schock, kämpften ums bloße Überleben. Studien zufolge leiden 80 Prozent aller Menschen im ersten halben Jahr nach einer solchen Katastrophe unter schweren Angst- und Trauerzuständen. Bis zu fünf Prozent kämpfen noch Jahre später mit den traumatischen Eindrücken, manche ein Leben lang.

Das Kinderhilfswerk Unicef geht davon aus, dass 300.000 bis 400.000 Kinder durch den Hurrikan obdachlos geworden sind. Insbesondere Babys und Kleinkinder seien außerdem von Krankheiten bedroht. Unicef hat den amerikanischen Behörden Unterstützung angeboten: in Form von Expertise und Hilfsgütern. Ein Treffen zwischen Regierungsvertretern und Mitarbeitern der Vereinten Nationen sei für heute anberaumt, sagte Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland zu SPIEGEL ONLINE.

Mit Expertise sei insbesondere die Erfahrung des Hilfswerks auf dem Gebiet der Nothilfe gemeint. Die Hilfe umfasse unter anderem Beratung und Unterstützung durch Experten bei der Bewältigung von Traumata, aber auch logistische Hilfe. "Wir müssen erst einmal abwarten, welche Hilfe die USA benötigen", so Tarneden weiter.

Hilfe durch "Notbeschulung"

Bereits in der vergangenen Woche hat der Gouverneur von Texas, Rick Perry, betont, dass nicht nur Notunterkünfte für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt würden, sondern auch Schulen die Kinder evakuierter Familien aufnehmen würden. Für Lehrbücher, den Transport zur Schule und Verpflegung würde gesorgt.

Die Erfahrung des Kinderhilfswerks zeige, dass der Schulbesuch in einer Krisensituation für Kinder von besonderer Bedeutung sei, so Tarneden. Es gehe jedoch nicht primär um Bildung, sondern vor allem um die psychologische Bedeutung des Unterrichts.

"Schulen bieten den Kindern ein Stück Normalität, sie stehen für ein strukturiertes Umfeld", schätzt der Unicef-Sprecher die Bedeutung des Unterrichts ein. "Die Kinder haben erlebt, dass die Eltern die Situation nicht unter Kontrolle haben." Der geregelte Unterricht habe zweierlei Effekt: Zum einen unterstütze er die Solidarität unter den Kindern, die so ihre Erfahrungen in der Gruppe teilen könnten. Zum anderen würden die Eltern durch eine solche "Notbeschulung" entlastet. "Die Schule stellt in solchen Situationen ein stabilisierendes Moment dar", so Tarneden.

Unterricht bedeute eine willkommene Abwechselung zum Warten in der Hitze, zur Eintönigkeit und zur Perspektivlosigkeit. "Dort sind die Kinder unter sich, sie können ihre Erfahrungen teilen. Das kann den Druck enorm lindern."

Gestern Abend nahm auch für Deamonte und die anderen sechs Kinder die Odyssee ein Ende. Seine Mutter konnte in einer Unterkunft in San Antonio, Texas, gefunden werden - gemeinsam mit den vier Müttern der anderen fünf Kinder. Nachdem das Wasser in ihrer Wohnung nicht gesunken sei, habe sie sich nach vier Tagen ohne Strom und Nahrung am Donnerstag dazu entschieden, New Orleans zu verlassen. Per Hubschrauber seien die Kinder evakuiert worden - sie habe gemeinsam mit den anderen Müttern auf dessen angekündigte Rückkehr gewartet. Aber der Hubschrauber kam nicht zurück.

Barbara Hans



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