Hurrikan-Folgen Lage in US-Südstaaten spitzt sich zu

In den vom Hurrikan "Katrina" verwüsteten Katastrophengebieten in den Südstaaten der USA gerät die Lage außer Kontrolle: Leichen treiben in den Fluten, Einwohner plündern Geschäfte, im Superdome von New Orleans harren 30.000 Flüchtlinge aus. Die Stadt droht vollständig im Wasser zu versinken.


New Orleans droht völlig in den Fluten zu versinken: Hunderte Tote befürchtet
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New Orleans droht völlig in den Fluten zu versinken: Hunderte Tote befürchtet

New Orleans/Washington - Trotz eines verhängten Ausnahmezustandes plünderten Menschen in New Orleans Lebensmittelmittelgeschäfte. Nach Angaben des lokalen Fernsehsenders WDSU verletzte ein Plünderer einen Polizisten mit einem Kopfschuss. Weil immer mehr Pumpen versagen, droht die Touristenmetropole innerhalb der nächsten 15 Stunden nahezu vollständig im Wasser zu versinken.

Im Superdome von New Orleans, einem als Notunterkunft ausgewiesenen Football-Stadion, herrschen katastrophale Zustände, nachdem sich die Zahl der Flüchtlinge dort auf mindestens 30.000 verdreifacht hat. Bei Temperaturen von 33 Grad Celsius fiel wegen des Hochwassers der Strom aus. Weder Toilettenspülungen noch Klimaanlagen funktionieren. Überall stapelt sich nach Augenzeugenberichten der Müll. In dem Stadion ist es heiß, stickig und feucht. Ein Mann stürzte sich von einer Tribüne des Stadions in den Tod.

US-Präsident George W. Bush hatte gestern angesichts der verheerenden Naturkatastrophe seinen Urlaub abgebrochen, um eine Sitzung des Krisenstabes zu leiten. Am Freitag will Bush in die Krisenregion von Louisiana fliegen.

Der Monster-Hurrikan, der am Montagmorgen über die Küsten von Louisiana, Mississippi und Alabama hereinbrach, hat wahrscheinlich mehr Menschen das Leben gekostet und eine größere Verwüstung angerichtet als bislang angenommen. Mehr als 2,5 Millionen Menschen sind ohne Strom. Allein in Louisiana sind eine Million Menschen obdachlos geworden.

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In Mississippi wurde nach den Worten von Gouverneur Haley Barbour ein rund hundert Kilometer langer Küstenstreifen zu 90 Prozent zerstört. Es habe wie nach einem Angriff mit Atomwaffen ausgesehen, sagte Barbour dem Nachrichtensender CNN. Die Zahl der Todesopfer liege in Mississippi derzeit zwischen 50 und 80. "Wenn Sie diese Zerstörung sehen, ist alles möglich", antwortete Barbour auf die Frage, ob man die Zahl der Toten weiter nach oben werde korrigieren müssen. Der Behördensprecher von Biloxi in Mississippi rechnet inzwischen mit mehreren hundert Toten, die unter den Schuttmassen begraben sein können.

In den Krisengebieten um New Orleans steuert die Situation inzwischen auf eine humanitäre Katastrophe zu. "Die Schäden sind größer als in unseren schlimmsten Befürchtungen", sagte die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco. "Die Situation ist unhaltbar. Es bricht einem das Herz." Weil zwei Dämme und die zentrale Wasserleitung gebrochen seien, wolle sie die ganze Stadt evakuieren lassen. Die demokratische Senatorin Mary Landrieu verglich die Situation in Louisiana mit der in Indonesien nach dem Tsunami Ende vergangenen Jahres.

Leichen würden von den Rettungskräften in den Booten einfach beiseite gestoßen, sagte Bürgermeister Ray Nagin. Die Häuser mit Toten werden mit roten oder schwarzen Zeichen markiert. "Wir kümmern uns jetzt nicht um die Toten", sagte Nagin.

New Orleans liegt wie ein von vier Seiten mit Dämmen gesichertes Fort zwischen dem Salzwassersee Pontchartrain und dem Mississippi. Sollten die Dämme nicht schnell abgedichtet werden und die Pumpen wieder arbeiten, wird die tiefer gelegene Stadt bis auf die Höhe des Sees voll laufen und damit in den Fluten versinken.

Tausende warten auf Rettung

Das Wasser hat sich inzwischen auch seinen Weg in das historische Touristenviertel "French Quarter" gebahnt. Soldaten der Nationalgarde haben hier Positionen bezogen, um Plünderungen der Hotels zu verhindern. Tausende verzweifelter Menschen, die seit knapp 48 Stunden ohne Licht, Strom und Telefon auf den Dächern ausharren, warten weiter auf ihre Rettung.

Die versicherten Gesamtschäden durch den Hurrikan könnten 12 bis 26 Milliarden Dollar (10 bis 21 Milliarden Euro) betragen, schätzt die auf die Risiko-Analyse von Katastrophen und Wetter spezialisierte US-Firma AIR Worldwide Corporation. Damit sei "Katrina" möglicherweise die teuerste Naturkatastrophe der USA.

Unterdessen verlor "Katrina" auf dem Weg nach Nordosten weiter an Kraft. Dennoch wurde auf ihrem Weg durch die Bundesstaaten Indiana und Ohio noch mit erheblichen Niederschlägen gerechnet.



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