Hurrikan "Gustav" Bush verhängt Notstand in Louisiana

Wachsende Sorge im Süden der USA: Tropensturm "Gustav" ist zum Hurrikan hochgestuft worden, am Montag soll er die Golfküste der Vereinigten Staaten erreichen. 65.000 Nationalgardisten sind im Einsatz, in New Orleans werden erste Bürger in Sicherheit gebracht. US-Präsident Bush ruft den Notstand in Louisiana aus.


Washington - Das US-Hurrikanzentrum in Miami hat den Tropensturm "Gustav" am Freitag zu einem Hurrikan hochgestuft. Er bewegte sich den Angaben zufolge mit Geschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern auf die Westküste Kubas zu. "Gustav" hatte am Freitag Jamaika erreicht; das Unwetter peitschte mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 Stundenkilometern über die Karibikinsel, deckte Häuser ab und verwüstete zahlreiche Bananenplantagen.

Die Wetterdienste der Region erwarten, dass er an diesem Samstag die Kaimaninseln erreichen wird. Am Sonntag wird er nach den Berechnungen der Meteorologen über die Westspitze Kubas in den Golf von Mexiko eindringen. Für Montagabend wird "Gustav" in den USA erwartet. Die Meteorologen rechnen damit, dass er die Südküste als Hurrikan der Stufe drei erreichen könnte.

Von Texas bis Florida liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Erste Bewohner verließen nach offiziellen Angaben bereits die Südstaaten-Metropole New Orleans. TV-Bilder zeigen lange Kolonnen von Autos, in denen die Bewohner die Stadt verlassen. Eine offizielle Evakuierung wurde aber noch nicht angeordnet. Am Samstag könnten alle Bewohner in Sicherheit gebracht werden. Das gesamte Stadtgebiet sei gefährdet, teilten die örtlichen Behörden mit. Mehrere große Ölfirmen trafen in Erwartung des Sturms Vorkehrungen, um ihr Personal auf den Förderplattformen im Golf von Mexiko zu schützen.

Notstand in Louisiana

US-Präsident George W. Bush rief für den Bundesstaat Louisiana den Notstand aus - ausgerechnet am dritten Jahrestag des Hurrikans "Katrina". 2005 kamen mehr als 1500 Menschen an der Golfküste der USA ums Leben, Zehntausende Häuser wurden zerstört. Bush machte mit der Verhängung des Notstands den Weg für Notfallhilfen des Bundes frei. In den bedrohten US-Bundesstaaten waren bis zum Freitag 65.000 Reservisten der Nationalgarde aktiviert worden.

Die Vorbereitungen für "Gustav" zwangen die US-Behörden auch zur Streichung von Gedenkfeiern für die Opfer von "Katrina" in New Orleans. Hier war am Freitag vor genau drei Jahren um 9.38 Uhr Ortszeit der erste Deich unter dem Druck angeschwollener Wassermassen zerborsten - der Beginn einer der größten zivilen Tragödien in der US-Geschichte.

Zahl der Todesopfer auf 78 gestiegen

Insgesamt kamen in der Karibik nach offiziellen Angaben bislang 78 Menschen ums Leben. Haiti wurde von dem Sturm bisher am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Wie der Zivilschutz mitteilte, starben 59 Menschen ums Leben, davon acht Menschen in der Dominikanischen Republik. Sieben weitere Menschen werden noch vermisst. Auf Kuba wurden vorsorglich Zehntausende Menschen in Sicherheit gebracht.

Nach einem Online-Bericht der Tageszeitung "Jamaica Gleaner" hinterließ "Gustav" auf der Karibikinsel ein wahres Trümmerfeld. In den Bergen wurden Bäche zu reißenden Flussläufen, vor der Küste von Kingston stürzte eine wichtige Brücke ein. 41 Prozent der Jamaikaner waren am Freitag ohne Strom. Hunderte von Einwohnern hätten ihre Bleibe verloren, berichtete das Krisenzentrum. Der Sturm habe auch das Dach einer Schule weggerissen, in die sich die Menschen geflüchtet hatten. "Es ist eine totale Zerstörung überall", sagte Alston Hunter, Ratsmitglied der Stadt Manchioneal, der Zeitung.

Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.

Der Sturm könnte auch den Wahlparteitag der Republikaner, der am Montag in Minneapolis-St. Paul (Minnesota) beginnen soll, durcheinanderbringen. Nach Medienberichten erwägen die Organisationen eine Verschiebung für den Fall, dass der Sturm tatsächlich die US-Küste bedroht. Bush, der bereits am ersten Tag zu den Delegierten sprechen soll, ist nach Angaben des Weißen Hauses darauf vorbereitet, seinen Auftritt abzusagen oder zu verschieben. Eine Entscheidung wird am heutigen Samstag erwartet.

amz/AFP/dpa



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