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27. August 2011, 22:05 Uhr

Hurrikan "Irene"

Obama fürchtet lange 72 Stunden

Straßen versinken im Regen, der Strom fällt aus, Hunderttausende sind auf der Flucht: Mit voller Wucht trifft der Hurrikan "Irene" die US-Ostküste. Laut Präsident Obama muss Amerika nun stark sein - der Nation stünden lange 72 Stunden bevor.

New York - "Irene" ist einer der größten Hurrikane in der Geschichte Amerikas, erste Ausläufer trafen auf die US-Ostküste - und schon jetzt spielen sich im Land chaotische Szenen ab (verfolgen Sie die aktuelle Entwicklung im Liveticker).

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 151 Kilometern die Stunde wütet der Monstersturm; heftige Regengüsse überschwemmen Straßen; riesige Wellen schlugen an der Küste bis über die Ufer hinaus und erreichten Wohnhäuser und Hotels. Nach Angaben des US-Fernsehsenders CNN mussten in North Carolina und Virginia rund eine Million Menschen ohne Strom auskommen.

Zeitungsberichten zufolge sind bislang mindestens acht Menschen gestorben. In Nash County im US-Staat North Carolina wurde am Samstag ein Mann von einem Ast erschlagen. In Newport News in Virginia wurde ein elfjähriger Junge getötet, als ein Baum in ein Haus stürzte. Ein Autofahrer in dem Unwetter von der Straße ab, rammte einen Baum und starb.

"Irene" verlor sich in der Nacht zum Samstag zwar an Tempo. Das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami gab dennoch keine Entwarnung. Entscheidend sei nicht die maximalen Windgeschwindigkeit, sondern die Größe und die Dauer des Sturms, erklärten die Experten.

US-Präsident Barack Obama besuchte am Samstag die Zentrale der Katastrophenschutzbehörde Fema. "Ihr macht einen prima Job", lobte der US-Präsident der wegen des Monstersturms seinen Urlaub verkürzt hatte. Gleichzeitig mahnte er, der Sturm werde noch gewaltige Kraft kosten. "Das werden lange 72 Stunden", sagte der Präsident.

Hunderttausende ohne Strom

Kurz zuvor hatte Obama eine Telefonkonferenz mit Heimatschutzministerin Janet Napolitano; dem Chef der Katastrophenschutzbehörde FEMA, Craig Fugate, sowie mit weiteren ranghohen Katastrophenschützern abgehalten und sich persönlich über die Sicherheitsvorkehrungen informiert. Offensichtlich will das Weiße Haus einen ähnlichen Kompetenzwirrwarr wie bei der "Katrina"-Katastrophe im Jahr 2005 vermeiden. Der damalige Präsident George W. Bush war für sein Krisenmanagement massiv kritisiert worden.

Die Region, über die "Irene" hinwegwütet, gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der USA. In dem erwarteten Korridor des Hurrikans leben rund 65 Millionen Menschen. Experten gehen davon aus, dass "Irene" in den kommenden Tagen Schäden in Milliardenhöhe verursachen wird. In der Karibik richtete der Sturm bereits Schäden in Millionenhöhe an.

Mehr als 8300 Flüge wurden an der Ostküste bereits gestrichen. Auch die Eisenbahngesellschaft Amtrak schränkt ihren Fahrplan für den Nordosten des Landes ein. Insgesamt wurden 2,3 Millionen Einwohner aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. In sechs Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen. Selbst für Teile Kanadas riefen Meteorologen eine Sturmwarnung aus.

New York schaltet auf Sturmbetrieb

Erste Ausläufer des Unwetters erreichten bereits New York. 370.000 Einwohner der Metropole hatten zuvor einen Evakuierungsbefehl erhalten; alle Busse und die U-Bahn stellten in der Stadt nach und nach ihren Betrieb ein.

Am Samstag hatten sich die New Yorker trotz Regens und Schwüle aufgemacht, um sich auf den Sturm vorzubereiten. Batterien, Fertignahrung und vor allem Wasser wurde aus den Läden geschleppt. Oft stießen die Kunden aber nur auf leere Regale. "Das ist jetzt der vierte Supermarkt. Nichts!", sagte ein Kunde in einem nördlichen Vorort. In einem nahen Aldi-Markt sagte ein Mitarbeiter: "Das ganze Wasser ist längst weg. Wir haben schon nachgeordert, aber in der ganzen Region scheint es keine Flasche Wasser mehr zu geben." Ähnliche Szenen hat SPIEGEL-ONLINE-Korrespondet Marc Pitzke beobachtet: Im noch offenen A&P Supermarkt an der 14th Street laufen zwei junge Frauen durch die halbleeren Regalreihen. "Wasser, Wasser", murmelt die eine mit offenbar osteuropäischem Akzent, während die andere wie wild auf ihrem Blackberry herumhackt.

Bürgermeister Michael Bloomberg forderte die Menschen mit Nachdruck auf, sich in Sicherheit zu bringen: Alle seien gewarnt worden; er werde keinen Polizisten rausschicken, um solche Leute zu retten. New Jerseys Gouverneur Chris Christie wurde noch deutlicher: "Haut verdammt noch mal vom Strand ab! Brauner werdet Ihr nicht! Haut vom Strand ab!"

Je näher der Sturm der Metropole rückt, desto mehr verändert sich die Stimmung. Nur am Times Square wirke die Stadt noch am ehesten wie sie selbst, berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz. Hier sammeln sich die Touristen, die nicht wissen wohin. Hier sind viele Hotels, deren Bars und Restaurants geöffnet und entsprechend brechend voll sind. Doch das Glück der Touristen ist das Problem der Angestellten, der Kellner, Köche und Barkeeper. Sie wissen nicht wie sie heimkommen sollen, denn seit 12 Uhr mittags gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr mehr. Auch die Taxen werden später rar sein. "Ich versuche mir einfach jetzt keine Gedanken darum zu machen", sagt Katherine, Kellnerin im Restaurant Blue Fin auf dem Broadway. "Es wird schon werden" sagt sie, es soll gelassen klingen, aber sie verzieht dabei das Gesicht und in ihren Augen sind die Zweifel zu sehen.

Gefahr für die Stromversorgung

Die am tiefsten gelegenen Gegenden Manhattans gelten am verwundbarsten. Experten fürchten, dass der Sturm dort enorme Wassermassen vom Hafen her in den Hudson River und in den East River bis tief in die Straßen drücken könnte. Direkt zwischen den Flüssen liegt der Zipfel Lower Manhattans mit dem Financial District und Battery Park City. Auch Anlagen zur Stromversorgung befinden sich in dieser Gefahrenzone. Wasser und Salz können dort schlimme Folgen haben.

Die New Yorker Stromgesellschaft Con Edison kündigt an, notfalls den Strom in Lower Manhattan vorsorglich abzuschalten, um Schäden am gesamten System zu vermeiden. "Sie können von der Möglichkeit ausgehen, dass es Downtown keinen Strom gibt", sagt auch Bürgermeister Bloomberg. Der Zwangs-Blackout würde jedoch nur einen kleinen Teil Manhattans betreffen - rund 6400 Menschen südlich der Fulton Street, die meisten davon sind sowieso evakuiert.

Vielen New Yorkern bleibt nur die Flucht in eine Notbleibe. Im Baruch College, einer Betonburg an der Lexington Avenue auf Manhattans East Side, ist so ein Notaufnahezentrum für Evakuierte eingerichtet. "Evacuaton Center" steht in Zetteln an der Tür - in Englisch, Spanisch, Chinesisch und Russisch. Freiwillige in Warnwesten dirigieren die Ankömmlinge zu einem Tisch in der Lobby, wo ihre Personalien aufgenommen werden. Einmal registriert, werden sie mit gelben Schulbussen weitergefahren in eine der 91 provisorischen Unterkünfte in der Stadt. Eine solche Unterkunft ist die Washington Irving High School im Viertel Gramercy Park. Hier sind in einer Turnhalle Pritschen hergerichtet. Helfer bringen Dutzende Kartons mit Wasserflaschen herbei.

ssu/AFP/dpa/dapd

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