Helfer-Berichte aus Haiti "Jedes Haus hat sein Dach verloren"

Tausende Häuser zerstört, Hunderte Tote befürchtet: Hurrikan "Matthew" hat Haiti schwer getroffen. Helfer berichten von großen Problemen - das Land leidet ohnehin noch an den Folgen früherer Katastrophen.

Frau in Playa Gelee, Haiti
DPA

Frau in Playa Gelee, Haiti

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Dass Claire Sartiaux Helikopter hört, ist ein gutes Zeichen. Die starken Winde von Hurrikan "Matthew" lassen nach, jetzt können sich die Helfer zumindest aus der Luft ein Bild machen von dem Chaos, das der Wirbelsturm in Haiti angerichtet hat - und so ihre Hilfe besser koordinieren.

Mit großer Wucht war der Hurrikan ab Dienstag über das Land gezogen. Ein Land, das sich längst noch nicht von den Folgen des schweren Erdbebens 2010 erholt hat. Ein Land, in dem noch immer Tausende in notdürftigen Behausungen leben.

"Matthew" fegte mit Geschwindigkeiten von bis zum 230 Kilometern pro Stunde darüber hinweg, zerstörte Tausende Häuser, knickte Bäume um, überschwemmte Straßen. Hunderte Todesopfer werden befürchtet.

Genaue Zahlen gibt es noch nicht, die Nachrichtenagentur Reuters meldet unter Berufung auf lokale Behörden mehr als 800 Tote. Deutschland sichert Soforthilfe zu, die USA schicken ein Transportschiff des Militärs zur Unterstützung, der Papst drückt den Haitianern "seine tiefe Zuneigung angesichts dieser schmerzvollen Lage" aus.

Claire Sartiaux arbeitet seit drei Jahren für die Welthungerhilfe in Haiti, sie ist im Süden stationiert, nicht weit von der Region, wo der Hurrikan am schlimmsten wütete. Die nächsten Tage werde sie Matratzen für Notunterkünfte verteilen, außerdem Nahrung und Wasser, erzählt sie am Telefon. Wie groß die Katastrophe ist, kann sie noch nicht sagen. Viele der am schwersten betroffenen Gebiete seien noch nicht zugänglich. Doch schon jetzt trifft sie in Notunterkünften Menschen, die alles verloren haben: Familienmitglieder, ihr Haus, ihr Vieh.

Route des Hurrikans

Quellen: NHC, The Weather Company (*Stand: 7.10.2016, 8.00 Uhr Ortszeit)

Die Lage ist noch unübersichtlich, auch für die Helfer vor Ort. Doch ihre Berichte lassen Schlimmes vermuten. Es sei chaotisch, sagt Kathrin Jewert, Projektkoordinatorin der Malteser in Haiti. Sie arbeitet im Elendsviertel Cité Soleil der Hauptstadt Port-au-Prince - dort müssen laut Jewert manche Menschen noch immer in Zelten hausen, die sie nach dem Erdbeben 2010 bezogen haben.

Besonders hart hat es den Süden der Insel getroffen. In der Hafenstadt Les Cayes suchen die Menschen nach Trinkwasser; zerren Matratzen und ihr übriges Hab und Gut hinter sich her, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet. "Nichts ist gut", wird die Lehrerin Jardine Laguerre zitiert. "Das Wasser hat uns alles genommen, was wir haben. Wir sind hungrig."

"Zerstörung überall"

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Wirbelsturm "Matthew": Hurrikan erreicht US-Küste

In Belle-Anse im Südosten des Landes sei ein Gesundheitszentrum zerstört worden, sagt Jewert, es sei das einzige in der Gegend. Die Projektkoordinatorin der Malteser fürchtet, dass sich angesichts der schlechten medizinischen Versorgung und der Überschwemmungen nun erneut Cholera ausbreiten könnte. "Das Land hat sich noch nicht von dem Erdbeben erholt", sagt sie. Und dann kamen die Cholera-Epidemie, Hurrikan "Sandy" 2012 und jetzt "Matthew" - Haiti kommt nicht zur Ruhe.

Dass Naturkatastrophen das Land immer wieder so schwer treffen, erklärt sich nicht allein durch seine geografische Lage. Die Regierung sei mitschuldig, kritisiert Claire Sartiaux von der Welthungerhilfe. Die Regierung habe keinen langfristigen Plan, um das Land auf solche Katastrophen vorzubereiten.

Für ihren Kollegen Thomas Romme von der Welthungerhilfe spielt Armut eine entscheidende Rolle dafür, dass Haiti nicht besser vorbereitet ist. Er versucht vor Ort, der Landwirtschaft des Agrarlandes auf die Beine zu helfen. Die Bauern sollen dank Bewässerungssystemen und Saatgut so viel Geld verdienen, dass sie sich selbst besser schützen können - etwa mit erdbebenfesten Häusern.

Doch davon sind die Haitianer noch weit entfernt. In der Stadt Jérémie seien durch den Sturm 80 Prozent der Häuser zerstört oder beschädigt worden, sagte Care-Mitarbeiterin Holly Frew.

"Zerstörung überall", sagt auch der Bürgermeister des kleinen Küstenortes Camp Perrin, "jedes Haus hat sein Dach verloren."

Mit Material von dpa und AP



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