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25. September 2005, 12:56 Uhr

Hurrikan "Rita"

Die Katastrophe ist ausgefallen

Am Tag nach dem Hurrikan "Rita" ziehen die Behörden eine erste Schadensbilanz. Die Auswirkungen sind weniger katastrophal als befürchtet worden war, obwohl vielerorts große Schäden entstanden. Die Behörden warnen die Evakuierten weiterhin davor, nach Hause zurückzukehren.

Oak Grove, Louisiana: Schadensbilanz nicht so schlimm wie erwartet
REUTERS

Oak Grove, Louisiana: Schadensbilanz nicht so schlimm wie erwartet

Houston - Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Hurrikan "Rita" hat zwar einige Verwüstung hinterlassen im Süden der USA - aber die Katastrophe, die viele hatten heraufziehen sehen, blieb aus. Der Sturm, der über den Bundesstaaten Louisiana und Texas am Sonntag langsam Richtung Norden zog, bleibt wegen der heftigen Regenfälle dennoch weiter gefährlich.

Im US-Bundesstaat Mississippi starb am Samstag ein Mensch durch einen Tornado, der im Zusammenhang mit "Rita" entstanden war. Mehrere Menschen wurden verletzt. In Port Arthur in Texas wurden zwei Ölraffinerien durch die gewaltigen Winde von bis zu 200 Stundenkilometer erheblich beschädigt. "Der Schaden ist nicht so schwerwiegend, wie wir es erwartet haben", sagte jedoch der amtierende Direktor der Katastrophenschutzbehörde Fema, David Paulison.

"Rita" verlor über dem Festland an Wucht und wurde zu einem Tropensturm heruntergestuft. Wie das Nationale Hurrikanzentrum in Miami am Sonntagmorgen meldete, lag die mittlere Geschwindigkeit bei 60 Kilometer in der Stunde, Böen erreichten etwa 120 Stundenkilometer.

Hilfskonvois stecken im Stau

Einen Tag nach dem Hurrikan haben die Behörden die Bevölkerung aufgerufen, vorerst noch nicht in ihre Wohnorte zurückzukehren. "Seien Sie geduldig, harren Sie aus", bat der texanische Gouverneur Rick Perry die rund drei Millionen von der Evakuierung betroffenen Menschen. Die Behörden befürchten, dass bei einer gleichzeitigen Rückkehr so vieler Bewohner Chaos ausbrechen könnte. Konvois mit Hilfsgütern steckten im Stau. Präsident George W. Bush hatte gestern persönlich davor gewarnt, verfrüht in die Evakuierungsgebiete zurückzukehren.

Mit meterhohen Flutwellen und stundenlangen Regenfällen hatte der Wirlbelsturm am Samstag an der US-Golfküste in Texas und Louisiana die schwersten Überschwemmungen der vergangenen vier Jahrzehnte ausgelöst. Bei Sabina Pass in Texas war "Rita" am Samstagmorgen auf das Festland geprallt. Augenzeugen berichteten, der Sturm sei wie eine gewaltige Wasserwand über die Küste hereingebrochen. In Texas und Louisiana gingen in 1,2 Millionen Haushalten die Lichter aus. Die Katastrophengebiete waren weitgehend evakuiert worden. Die Ölförderung im Golf von Mexiko kam durch den Wirbelsturm komplett zum Erliegen.

In Abbeville in Louisiana peitschte der Wind Wasser über Dämme, die Flut steht teilweise mehr als drei Meter hoch. Rettungskräfte mussten mit Booten ausrücken, um Bewohner aus ihren Häusern zu holen. Gegenden um die texanische Stadt Beaumont sahen nach Augenzeugenberichten aus, als ob ein riesiger Bulldozer über Häuser und Bäume gefahren sei. Strommasten knickten um wie Streichhölzer. Unzählige Häuser wurden zerstört.

"Verschwenden Sie das Benzin nicht"

Die besonders schwer getroffene, 70.000 Einwohner zählende Stadt Lake Charles in Louisiana versank teilweise in den Fluten. Hier brauchte "Rita" nur wenige Minuten, um verheerende Zerstörungen anzurichten. Bäume wurden entwurzelt, umgeworfen und blockierten Straßen. Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, forderte alle auf, sorgsam mit den knappen Benzinvorräten umzugehen. "Wir brauchen das Benzin jetzt für die Rettungsmaßnahmen. Verschwenden Sie es nicht". Zugleich versicherte sie: "Wir werden aufstehen und weiter machen." Die US-Armee will 500 Soldaten aus New Orleans abziehen und weitere 2400 Nationalgardisten in das Katastrophengebiet verlegen.

In mehreren Orten gingen Häuser in Flammen auf. In der Stadt Galveston zerstörten Brände mehrere Gebäude. Auch in Houston und Pasadena brannten Häuser. Aber hier blieben die Schäden hinter den Befürchtungen zurück.

In New Orleans, wo bereits am Freitag ein Damm unter der Wucht der Ausläufer von "Rita" gebrochen war und das Wasser einen Stadtteil erneut überflutet hatte, gab es keine weiteren Dammbrüche. Im besonders schwer verwüsteten Stadtteil Ninth Ward stand das Wasser teilweise bis zu vier Meter hoch. Bürgermeister Ray Nagin schätzte, dass 15 Prozent der Stadt überflutet wurden. Wenn alles gut gehe, sollten aber Anfang der Woche die ersten Flüchtlinge, die vor "Katrina" geflohen waren, wieder zurückkommen, kündigte er an. Das Pionierkorps der US-Armee schätzt, dass es etwa zwei Wochen dauern wird, die überfluteten Gebiete wieder freizupumpen.

Nach Angaben des Hurrikanzentrums in Miami wird sich der Sturm voraussichtlich für zwei Tage im Grenzgebiet von Texas, Arkansas und Oklahoma "festbeißen" und möglicherweise weitere massive Überflutungen mit sich bringen.

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