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»Ich bin ein Scherenschnitt«

Von Peter Stolle
aus DER SPIEGEL 19/1992

SPIEGEL: Herr Lagerfeld, Sie fotografieren gerade Mode in Berlin. Wann eröffnen Sie hier eine Nähstube?

LAGERFELD: Es wäre schon reizvoll, aber ich bin nun mal ein lebenslanger Passions-Pariser. Die Berliner Luft ist mir im Moment noch zu dünn für aufregendes Mode-Design. Der Reifen muß noch aufgepumpt werden. International salonfähige Mode braucht eine vitale Hauptstadt, wo die Straßen von Kreativität brodeln.

SPIEGEL: Schöpferische Eruptionen sind Ihnen auf dem Kurfürstendamm oder Unter den Linden nicht aufgefallen?

LAGERFELD: Ich habe Menschenmassen in Lila und Malve gesehen. Alle Welt trägt hier diese depressiven Farben.

SPIEGEL: Eine Malve macht noch keinen Mode-Sommer?

LAGERFELD: Gewiß nicht. Grauenhaft, besonders, wenn es mit einem bestimmten Türkis auftritt oder mit einem Senfton, als hätte ein Hund schwere Diarrhöe. Aber Mode ist ja bekanntlich nicht unbedingt der Höhepunkt des Ästhetischen.

SPIEGEL: Was dann?

LAGERFELD: Mode ist der kürzeste Reflektor des Zeitgeistes, und der ist ein verdammt launischer Geselle.

SPIEGEL: Und in Deutschland besonders kapriziös?

LAGERFELD: Mon Dieu, die deutschen Designer sind doch eher fad.

SPIEGEL: Genauso langweilig wie das deutsche Gretchen?

LAGERFELD: Sie hat modisch ordentlich aufgeholt. Aber das ist kein Kunststück, denn da war ja nichts.

SPIEGEL: Immerhin gibt es die landesweit verehrten Damen- und Herrenschneider Jil Sander und Wolfgang Joop.

LAGERFELD: Von denen kenn'' ich nur die Gesichter aus der Werbung. Mode ist Musik, da muß jeder seine eigene Melodie spielen. Und bei den Deutschen erkenne ich keine einzige Note . . .

SPIEGEL: Lauter kraftlose Hohlsaum-Stichler?

LAGERFELD: . . . das soll nicht heißen, daß sie keine netten Sachen machen.

SPIEGEL: Die Bundesrepublik macht mit ihrem Textilgewerbe einen märchenhaften Schnitt und ist mit 33 Milliarden Mark zweitgrößter Exporteur.

LAGERFELD: Ja, sicher. Aber was heißt das schon. Man muß sich zwischen Achtung und Kleingeld entscheiden. Die Deutschen begnügen sich leider häufig ruhmlos mit Kopien oder phantasieloser Konfektion. Die Münchner Firma Escada ist geschäftlich irrsinnig erfolgreich, hat aber genug Plagiatsprozesse am Hals. Auch Chanel haben die Knopf für Knopf abgekupfert. Dafür muß man den Kollegen eigentlich richtig dankbar sein, denn sie zwingen mich zu immer neuen Einfällen.

SPIEGEL: Offenbar zu so vielen, daß Kritiker dem Goldknopf-Rastelli Lagerfeld auch keine eigene Handschrift mehr zubilligen.

LAGERFELD: Das kommt darauf an, welche Presse man liest. Aber im Grunde _(* Mit Model Claudia Schiffer und ) _(SPIEGEL-Redakteuren Joachim Kronsbein, ) _(Peter Stolle in Berlin. ) bin ich ein Chamäleon. Ich muß immer zerstören, was ich gerade gemacht habe. Die letzte Kollektion ist mir immer total egal.

SPIEGEL: Ans Geschäft denken Sie wohl überhaupt nicht. Haben Sie schon genug auf der Naht?

LAGERFELD: Ach, die Ökonomie! Mich interessiert das wenig. Selbst wenn die Manager der Konzerne, für die ich arbeite, einen Entwurf von mir superb finden, schmeiß'' ich ihn sofort weg, wenn er mir nicht gefällt. Wissen Sie, ich bin freier Designer, mache pünktlich meine 16 Kollektionen im Jahr und bekomme dafür meine Prozente.

SPIEGEL: Auch für das modische Bric-a-Brac, das Sie rastlos in die Welt setzen.

LAGERFELD: Ich freue mich über jeden Geschäftsmann, der morgens mit dem Attache-Koffer in die Frühmaschine steigt und nach KL duftet. Das sticht mir angenehm in die Nase.

SPIEGEL: Sie halten in der Mode nichts von ewigen Werten, sammeln aber mit Hilfe der fliegenden Kofferträger emsig irdischen Besitz. Zwei Schlösser in Frankreich, eine Villa in Monte Carlo, Residenzen weltweit, Kunstsammlungen und eine monumentale Bibliothek.

LAGERFELD: Eigentum ist mir eigentlich total egal. Mir geht es um Ideen, ums Finden, Entdecken. Ich bin ein Puritaner.

SPIEGEL: Sie rauchen nicht, Sie trinken nicht und haben, wie Sie hartnäckig verbreiten, Ihren vordem recht erlebnishungrigen Geschlechtstrieb schon in den Vorruhestand geschickt. Woran erbaut sich ein solistischer Entsagungsmensch wie Sie?

LAGERFELD: Ich bin ein Bücherfanatiker. Ich liebe den deutschen Expressionismus und das Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts. Ich lese mir oft laut die Verse von Corneille und Racine vor.

SPIEGEL: Sie kommen wohl nie zur Ruhe.

LAGERFELD: Das ist pure Entspannung für mich. So kann ich meine Batterie am besten aufladen.

SPIEGEL: Funktioniert das auch mit deutschsprachiger Lektüre?

LAGERFELD: Im Moment lese ich, Sie werden lachen, den elegischen Impressionisten Eduard von Keyserling. Das ist reiner Kitsch, aber ganz amüsant und wunderbar geschrieben. Mit zeitgenössischer deutscher Belletristik kann ich leider herzlich wenig anfangen.

SPIEGEL: Die Gutsherren-Literatur ist ausgestorben.

LAGERFELD: Das moderne Deutsch ist sehr, sehr heavy. Da fehlen Witz und Esprit. Die Deutschen haben auch in Frankreich den Ruf, daß nach 1933 nur noch wenig Attraktives erschienen ist, abgesehen vom jungen Graß zum Beispiel. Die Nachkriegsliteratur ist ja wirklich ein bißchen deprimierend.

SPIEGEL: Und die Musik?

LAGERFELD: Wenn, dann Wagner in historischen Aufnahmen. Den »Rosenkavalier«, anderes Lieblingsstück, kann ich auswendig, sonst bin ich musikalisch nicht sonderlich begeisterungsfähig.

SPIEGEL: Ihre Kollegen sind dagegen wahre Melomanen.

LAGERFELD: Die glauben ja, ohne Verdi und Wagner gar nicht schöpfen zu können. Quatsch. Die meisten berauschen sich sowieso nur an Visconti, Proust und an der Callas. Das ist deren Heilige Dreifaltigkeit. Entsetzlich, diese schwüle Atmosphäre. Ich hasse Pathos, besonders wenn sich die älteren Herren der Haute Couture schon zu Lebzeiten in bombastischen Retrospektiven beweihräuchern.

SPIEGEL: Wie gerade Yves Saint Laurent zu seinem 30. Firmenjubiläum in der Bastille-Oper. Wann lassen Sie sich mal feiern?

LAGERFELD: Da müssen Sie warten, bis ich tot bin. Retrospektiven sind doch wie eine Todesanzeige. Wer will schon was kaufen von jemandem, den es schon 30 Jahre gibt? Das ist steril und ungesund. Ich lebe nicht in einem Himmel voller Selbstgerechtigkeit. Was gibt es Schlimmeres als einen Modeschöpfer, der sich selbst zelebriert und nach jedem Wort eine bedeutungsvolle Pause einlegt.

SPIEGEL: Das könnte Ihnen als Hochgeschwindigkeitsredner nie passieren.

LAGERFELD: Ich habe nun mal ein großes Mundwerk und sage, was ich denke. Es ist doch lächerlich, wenn die Designer ihren Kundinnen das Gefühl vermitteln wollen, ihr Salon sei ein Kreißsaal der Kreativität und die Robe eine schöpferische Sturzgeburt. Nichts ist peinlicher als eine Frau, die von Kopf bis Fuß von einem einzigen Modehaus eingekleidet worden ist, auch wenn wir vielleicht gerade davon leben. Man muß schon ehrlich sein.

SPIEGEL: Aber diese Damen werden uns doch immer als Vorbilder für Eleganz vorgeführt.

LAGERFELD: Damen? Frauen! Dame ist doch längst ein Schimpfwort. Damenhaft ist ein Ausdruck von verkrampfter, unnatürlicher Anständigkeit, die sich für Eleganz hält.

SPIEGEL: Was in aller Welt ist denn Eleganz?

LAGERFELD: Eleganz hat überhaupt nichts mit Mode zu tun. Eine Nubierin in Oberägypten kann weitaus eleganter sein als eine sogenannte Dame des europäischen Jet-sets.

SPIEGEL: Immerhin gibt es noch ein paar tapfere Pariser Schneiderlein, die der Eleganz huldigen. Zum Beispiel Alt-MaItre Hubert de Givenchy.

LAGERFELD: Ach Gott, der hat sich doch nie von seiner Muse Audrey Hepburn und ihrer Rehaugen-Herzigkeit der sechziger Jahre erholt. Nur, sie sieht auch heute darin noch toll aus, weil sie eine wunderbare Persönlichkeit ist und über der Mode steht.

SPIEGEL: Die Jungen sind aber entschieden munterer.

LAGERFELD: Also, Claude Montanas eigenes Outfit in Leder und Jeans finde ich leicht überholt. Seine Arbeit ist o.k. Jean-Paul Gaultier, das ausgemusterte Enfant terrible, finde ich genial. Er ist sehr verliebt in große Busen und muß mal grundsätzlich etwas Neues finden. Thierry Mugler ist amüsantes Showbusiness.

SPIEGEL: Ein Käfig voller Narren und Lagerfeld als umschwärmter König im Reich der Biesen und Bordüren? Gibt es denn modische Kräfte, die Sie uneingeschränkt anerkennen?

LAGERFELD: Die Japaner sind die wahren Avantgardisten, formstreng und erfindungsreich mit neuen Stoffen. Ich finde zum Beispiel das Konzept »Comme des Garcons« von Rei Kawakubo sehr aufregend. Sie zwingen die etablierten Europäer ständig zur Existenzfrage, ob sie noch up to date sind. Viele stellen sich solche Fragen leider kaum noch.

SPIEGEL: Sie könnten doch etwas fürs Abendland tun und den Nachwuchs schulen.

LAGERFELD: Ich hatte mal kurz eine Professur an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst, habe aber schnell gemerkt, daß ich mich für die Studenten nicht interessiere. Ich stehe so sehr im Schlachtfeld des Lebens, daß deren Probleme mir irgendwie gleichgültig sind.

SPIEGEL: Vielleicht halten Sie das für vertane Zeit? Ihr hektischer Schaffensdrang nährt den Verdacht, Sie müßten sich ständig beweisen, daß Sie noch leben.

LAGERFELD: Es gibt vielleicht noch einen traurigeren, privaten Grund, über den ich nicht spreche. Aber eigentlich bin ich das Ergebnis einer totalen Improvisation und gar nicht seriös.

SPIEGEL: Jedenfalls ein vergeßlicher Leichtfuß. Vor wenigen Jahren fanden Sie blonde Frauen noch gräßlich vulgär. Heute beten Sie die flachshaarige Claudia Schiffer an, die Ihr Mailänder Kollege Gianni Versace gerade als gehbehindertes Laufsteg-Trampel eingestuft hat.

LAGERFELD: Ich glaube kaum, daß er das wirklich gesagt hat. Denn sie macht alle seine Schauen. Und das macht sie toll. Aber das ist nun mal die Modebranche. Wir können heute dies sagen und morgen das Gegenteil. Das ist total egal. Die Realität ist doch genau das, was ich versuche zu vermeiden. Wir verkaufen doch alle nur Wind. Was ich sage, ist nie länger gültig als sechs Monate.

SPIEGEL: Dann braucht dieses Gespräch ein Verfallsdatum. Zurück zu den Frauen: Warum werden heute starkbusige Langhaar-Blondinen bevorzugt?

LAGERFELD: Die waren out, bis Claudia ihnen den neuen Adelsbrief verliehen hat. Mannequins wie Claudia oder Linda Evangelista prägen heute den Stil der Mode, sie repräsentieren den aktuellen Typ. Große modische Trendsetter wie Marlene Dietrich mit ihren Hosenanzügen oder Jackie Kennedy mit dem Pillbox-Hütchen gibt es nicht mehr. Die Frauen suchen sich heute ihren eigenen Typ, selbst wenn er gar nicht zu ihnen paßt. Früher hat man die Kleider retuschiert, jetzt retuschiert man die Körper.

SPIEGEL: Und die führungsbedürftige Muster-Frau starrt weiter gebannt auf das ewige Morse-Alphabet der Rocklängen: kurz, lang, kurz. Wo findet der Saum seine Schamgrenze?

LAGERFELD: Viel höher kann er in der Tat nicht rutschen, dann wäre ja kein Rock mehr da. Moralisch aufgestörte Gemüter können sich aber beruhigen: Es kommt wieder lang, und darin wirken viele Frauen erfreulich schlank, jung und sexy.

SPIEGEL: In welchem Habit suchen Sie Ihr modisches Heil? Sie verweigern sich sichtlich allen aktuellen Strömungen und behaupten sich unbeugsam als zeitloser Haarschwanzträger.

LAGERFELD: Also wissen Sie, der Koch ißt sein Menü auch nicht selber. Ich brauche, wie Sie sehen, nur einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd, einen schwarzen Schlips. Das ist meine Maskerade des Lebens. Ich bin ein Scherenschnitt. Ich habe mich mittlerweile an mich gewöhnt.

SPIEGEL: Hat das lange gedauert?

LAGERFELD: Ja, aber inzwischen weiß ich, daß ich ein altes, verwöhntes Kind bin, das den Luxus genießt, der Mittelpunkt seiner eigenen artifiziellen Welt zu sein.

SPIEGEL: Was wäre die Welt ohne diesen alten Knaben?

LAGERFELD: Das müssen Sie meine Umwelt fragen. Meine Devise heißt: Nach mir die Sintflut. Es fängt mit mir an, es hört mit mir auf. Sonst ist mir alles total egal, nur meine Arbeit und ein paar Menschen sind mir durchaus nicht egal.

SPIEGEL: Herr Lagerfeld, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Karl Lagerfeld *

ist der einzige deutsche Modemacher von internationalem Zuschnitt. Der gebürtige Hamburger war nach Lehrjahren als Modellist bei Pierre Balmain und als künstlerischer Direktor bei Jean Patou erfolgsverwöhnter Art Director bei der Pariser Konfektionsfirma Chloe und entwirft seit 1983 die Haute Couture und Pret-a-porter des legendären Modehauses Chanel. Daneben zeichnet er Kollektionen für verschiedene europäische Kleiderfabriken und vertreibt unter seinem Namen Accessoires, Parfums, Uhren, Brillen und Porzellan. Als medientüchtiges Multitalent fotografiert Lagerfeld die Werbung für seine Kollektionen selbst. 20 Filme und Opern, etwa »Hoffmanns Erzählungen«, hat er mit Kostümen ausgestattet. Der redselige Starstylist ist ein gewitzter und erprobter Selbstdarsteller, der divenhaft sein wahres Alter verbirgt. Lagerfeld ist nicht, wie er offiziell verbreitet, 53, sondern schon ein halbes Jahrzehnt älter.

* Mit Model Claudia Schiffer und SPIEGEL-Redakteuren JoachimKronsbein, Peter Stolle in Berlin.

J. Kronsbein
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