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»Ich habe sie heiß geliebt«

Interview mit Gertraud Weisker über ihre Cousine Eva Braun und das gemeinsame Leben auf dem Obersalzberg 1944
Von Volker Hage und Michael Kloft
aus DER SPIEGEL 32/2000

SPIEGEL: Frau Weisker, warum haben Sie nie erzählt, dass Sie die Cousine von Hitlers Geliebter Eva Braun sind?

Weisker: Als ich meinen Mann kennen lernte, habe ich ihm gleich gesagt: »Ich bin die Cousine von Eva Braun. Bitte schön, gehen Sie, wenn es Ihnen nicht recht ist!« Er hat geantwortet: »Nein, ich gehe nicht. Aber du darfst mit niemandem darüber reden.«

SPIEGEL: Welches Verhältnis hatten Sie zu Eva Braun?

Weisker: Ich habe sie heiß geliebt. Sie war zwölf Jahre älter als ich.

SPIEGEL: Was hat Sie so fasziniert?

Weisker: Sie war attraktiv, sportlich und all das, was ich werden wollte. Ich glaube nicht, dass Hitler irgendwelchen Einfluss darauf gehabt hat.

SPIEGEL: Damals, im Sommer 1944, als Ihre Cousine Sie auf den Obersalzberg einlud, waren Sie Anfang 20. Wie kam es dazu?

Weisker: Sie rief kurz nach der Hochzeit ihrer Schwester Gretl an, dass sie so allein sei.

SPIEGEL: Sie blieben mehrere Monate. Wie lebte es sich dort?

Weisker: Das Leben mit Eva war einfach. Wir haben den Postbus genommen und gebadet. Hitler war ja nicht da. Wir haben auch kaum über ernsthafte Dinge gesprochen.

SPIEGEL: Eva Braun drehte sogar Schmalfilme, auf denen ihre Schwester Gretl beim Nacktbaden zu sehen ist.

Weisker: Ich war überrascht, dass Eva das gefilmt hat. Für mich war es sehr, sehr fremd.

SPIEGEL: Haben Sie auf dem Obersalzberg tatsächlich »Feindsender« gehört?

Weisker: Eva wusste davon. Ich habe die Nachrichten stichwortweise aufgeschrieben und beim nächsten Frühstück gesagt: »Du, ich habe wieder was gehört. Jetzt wird es ernst, sie stehen schon in Deutschland.« Ich wollte nur, dass sie die Augen aufmacht.

SPIEGEL: Anders als im Roman waren Sie 1945 nicht mehr dabei?

Weisker: Eva und ich sind das letzte Mal kurz vor Weihnachten 1944 in München zusammen gewesen. Da hat mir die Eva ihren Schmuck gezeigt: »Der gehört dir, ich brauche ihn nicht mehr.« Sie wollte mit Hitler sterben. Dass sie ihn noch einen Tag davor geheiratet hat, war für mich völlig unverständlich.

SPIEGEL: Welches Bild hatten Sie von der Beziehung Eva Brauns zu Hitler?

Weisker: Sie hatte sich von der Familie getrennt. Die ganze Familie war im Grunde genommen gegen sie. Sie hat ihre Religion verleugnet. Und sie hatte, glaube ich, zwei Möglichkeiten, dass sie mit ihm stirbt oder mit ihm lebt.

SPIEGEL: War sie unglücklich?

Weisker: Todunglücklich, sonst hätte sie ja auch nicht zwei Selbstmordversuche begangen. Sie war in einer Beziehung, die einfach nur noch durch die Eheschließung und den gemeinsamen Tod gerechtfertigt sein konnte.

SPIEGEL: Haben Sie einmal über diese Beziehung mit ihr gesprochen?

Weisker: Nie. Eva ist mit 17 Jahren in diese makabre Rolle gefallen - das muss man sich mal überlegen. Ich kann keinen Grund nennen, warum sie diesen schreienden Mann nicht erkannt hat, der immer gestikuliert und Menschen umbringt, sich selbst aber verschont. Dass dieser Mann meine Cousine berührt hat, ist für mich das Schlimme. INTERVIEW: VOLKER HAGE,

MICHAEL KLOFT

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