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TRAGÖDIEN »Ich musste es tun«

Im Namen Gottes erstach ein Vater von zwölf Kindern seinen ältesten Sohn. Die Bluttat gewährt Einblick in eine alttestamentarisch ausgerichtete Familienstruktur. Von Bruno Schrep
aus DER SPIEGEL 9/2007

Gekannt haben ihn viele. So richtig ernst genommen hat ihn kaum jemand.

Wenn Karl K. in Ratzeburg kleine Zettel mit der Aufschrift »Jesus Christus segnet Dich« verteilte, wenn er auf dem Marktplatz »Lobe den Herrn« sang oder über die Gnade der Nächstenliebe predigte, blieben Passanten oft verwundert stehen. Manche schüttelten nur den Kopf, andere lächelten. Ein verrückter Kerl, dieser evangelische Eiferer.

Seit ein paar Wochen lächelt in der Kleinstadt nahe Lübeck keiner mehr über den frommen Mann, der stets eine Bibel bei sich trug. Denn Karl K. hat gegen das fünfte Gebot verstoßen.

Der 59-jährige Familienvater gab zu, seinem 22-jährigen Sohn Thomas ein Küchenmesser in den Rücken gestoßen zu haben. Der Sohn verblutete.

»Ich musste es tun«, erklärte Karl K. bei ersten Vernehmungen, »ich musste Schlimmeres verhindern.« Der Sohn sei im Begriff gewesen, eine Todsünde zu begehen. Mit seiner Tat habe er dies verhindert. »Gott ist mein Zeuge.«

Juristen und Mediziner versuchen jetzt herauszufinden, was den pensionierten Beamten trieb: Religiöser Fanatismus? Religiös verbrämter Wahn? Womöglich beides? Oder spielte die Rivalität zwischen dem Vater und dem ältesten Sohn eine Rolle, fühlte sich Karl K. in seiner Rolle als Patriarch in Frage gestellt?

Das Drama hat eine lange Vorgeschichte. Eine Geschichte, in der es um fundamentalistischen christlichen Glauben geht, um erbitterten Streit über richtige und falsche Erziehung und, immer wieder, um die Rolle eines von seiner göttlichen Sendung überzeugten Vaters von zwölf Kindern. Und um eine Nebenrolle: die von Lucia K., der Mutter der zwölf Kinder.

Die Geschichte fand nicht im Geheimen statt. Viele Menschen wussten um die großen Probleme der großen Familie K.: Kindergärtnerinnen und Nachbarn, Lehrer und Ärzte, Sachbarbeiter des Jugendamtes und Pastoren. Die Tragödie verhindern konnte niemand.

Als Familie K. Ende der achtziger Jahre in das Mietshaus in der Ratzeburger Vorstadt einzieht, scheint noch alles musterhaft. Der Vater, der aus Bayern stammt, hat einen Job als Sanitäter beim Bundesgrenzschutz, die zwölf Jahre jüngere Ehefrau kümmert sich um die Kinder.

Zwar nervt manche Hausbewohner, dass Karl K. sie im Treppenhaus mit Bibelzitaten konfrontiert und zu bekehren versucht. Weil der Mann aber harmlos wirkt, werden ihm die unerwünschten Missionierungsversuche als persönliche Marotte verziehen. »Er hatte halt einen kleinen Schatten«, erinnert sich ein Nachbar.

In Ratzeburgs evangelischen Gemeinden fällt der orthodoxe Glaubensbruder schon bald auf. Er betet laut im mittelalterlichen Dom, dem Wahrzeichen der Stadt. Er kommt mit der ganzen Familie abwechselnd zu den Gottesdiensten der Kirchen St. Georg auf dem Berge und St. Petri am Markt. Er beweist bei Andachten in freikirchlichen Zirkeln, dass er die Bibel von vorn bis hinten kennt, Wort für Wort. Und sie auch wörtlich nimmt.

Das demonstriert er, als er Mitglied in der St.-Ansverus-Gemeinde wird. Weil im Alten Testament geschrieben steht, dass »der Zehnte dem Herrn gehört«, zahlt er zehn Prozent seines Einkommens an die Gemeinde. Doch die hat an dem großzügigen Spender wenig Freude.

Karl K. wettert gegen gemeinsame Gottesdienste mit Katholiken, fordert mehr Schärfe gegenüber Andersdenkenden. »Mit dem Mann konnte man nicht diskutieren«, erinnert sich Pfarrer Martin Kretzmann, sieben Jahre Pastor in St. Ansverus. »Er schlug einen mit Bibelzitaten tot.«

Einmal, Pastor Kretzmann predigt gerade auf der Kanzel über Toleranz gegenüber Sündern, wird er von Kirchenbesucher K. rüde unterbrochen. »Aber es steht geschrieben«, ruft K. mit schneidender Stimme dazwischen. Ein anderes Mal steht Karl K. während der Predigt polternd auf, verlässt protestierend den Gottesdienst. Kurz darauf tritt er bei St. Ansverus aus.

Auch bei anderen Gemeinden, die er reihum aufsucht, eckt der puritanische Fanatiker an. Und wird, weil er überall auf Widerstand stößt, sein eigener Prophet, der seine eigenen Wahrheiten verkündet.

Angetan mit einem weißen Gewand, predigt er fast täglich in der Innenstadt über den einzig wahren Weg zu Gott. In

Schulbussen fragt er einzelne Kinder: »Wie viele Jünger hatte Jesus?« Richtige Antworten belohnt er mit Ein-Euro-Münzen oder farbig illustrierten Kinderbibeln.

Zeit dazu hat er genug. Weil Kollegen und Vorgesetzte beim Grenzschutz die hartnäckigen Bekehrungsversuche nicht mehr aushalten, an seiner Diensttauglichkeit zweifeln, wird Karl K. mit 45 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Zu Hause wagt es lange Zeit niemand, Vater K. zu widersprechen. Der nach außen so freundliche Gottesmann geriert sich in den eigenen vier Wänden als Despot. Gegenüber Dritten zitiert der Hausherr schon mal den Paulus-Brief an die Kolosser: »Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt.«

Ehefrau Lucia bringt fast jedes Jahr ein Kind zur Welt, bis zum Jahr 2000 vier Söhne und acht Töchter. Nach jeder Geburt verteilt Karl K. in den Altstadtkneipen Biergutscheine an die Gäste. Sie sollen auf das Wohl des neuen »Gottesgeschenks« trinken.

Die Mutter, fast immer schwanger, trägt die Hauptlast der ständig größer werdenden Familie. Weil das Geld nicht für ein Auto reicht, zieht sie jeden zweiten Tag einen Bollerwagen zu Aldi oder zu Penny.

Vater K. achtet darauf, dass die Söhne und Töchter streng erzogen werden. Es gibt keinen Fernseher, im Radio dürfen nur vom Vater ausgewählte Sendungen gehört werden. Bei der täglichen Hausandacht muss absolute Ruhe herrschen.

Die Wohnung, penibel aufgeräumt, entspricht dem urchristlichen Ideal totaler Bedürfnislosigkeit: keine Bilder an den Wänden, statt Schränken wenige Regale, im Wohnzimmer ein weißer Resopaltisch. Weil kein Platz für so viele Betten ist, schlafen einige Kinder mit Matten auf dem Fußboden. »Dies ist ein christlicher Haushalt«, erklärt der Hausherr erstaunten Besuchern. Jesus habe gesagt: »Du sollst keine Schätze haben auf Erden.«

Karl K.s Lieblingsbegriff heißt Disziplin. Ungehorsam, etwa freche Antworten oder Unaufmerksamkeit beim Beten, bestraft der Vater mit Schlägen. »Kinder müssen gezüchtigt werden«, verkündet er einer darob empörten Nachbarin, »das steht schon in der Bibel.«

Im Kindergarten und in der Grundschule fallen die Kinder als gepflegt und wohlerzogen auf. Ihre Kleidung ist immer ordentlich, ihr Benehmen tadellos. Schwierigkeiten beginnen erst, als die beiden ältesten Söhne in die Pubertät kommen.

Vor allem Thomas, der Älteste, wagt Widerspruch. Der hochintelligente Junge, ein prima Schüler, stellt unbequeme Fragen: Warum muss er immer früher zu Hause sein als die andern? Warum soll er beten, wenn er dazu keine Lust hat? Wieso darf er nicht ins Kino, nicht in die Disco, nicht zur Party bei Freunden? Und überhaupt: Warum kriegt er ständig neue Geschwister, muss sich in der Schule als »Massenprodukt« hänseln lassen?

Statt zu antworten, pocht der Vater auf seine Autorität: mit Schreien, mit Prügel, mit drohendem Hinweis auf das vierte Gebot - Beginn einer immer gefährlicher werdenden Rivalität zwischen Karl K. und seinem ältesten Sohn. Zumal auch Thomas K., wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, aufbrausend und unbeherrscht reagiert.

Der Sohn wächst dem Vater buchstäblich über den Kopf, wird über 1,90 Meter groß. Ein kräftiger Athlet, der intensiv joggt und Rennrad fährt, viele Freunde hat, als besonders zielstrebig und ehrgeizig gilt. »Wenn er sich ein Ziel gesetzt hatte«, erinnert sich ein Mitschüler, »gab er nicht nach, bis er es erreicht hatte.«

Nach dem Realschulabschluss lernt Thomas K. Mechaniker, packt nebenbei, in

Abendkursen, noch das Abitur. Nur zu Hause, in der Großfamilie, kommt er immer weniger zurecht. Mit dem Vater streitet er um die Erziehung der jüngeren Geschwister, die der Älteste zu schützen versucht, und, immer wieder, um Sexualität.

Die Kinder, auf engstem Raum zusammengepfercht, können sich nie zurückziehen, haben keine Intimsphäre. Auch die älteren Mädchen dürfen keinen Freund, die älteren Jungen keine Freundin mitbringen.

Vater K. hält vorehelichen Sex für eine schwere Sünde, warnt vor dem Übel der Selbstbefriedigung, predigt seinen vielen Kindern von den Vorzügen absoluter Enthaltsamkeit. Frauen, so seine Überzeugung, müssten bis zur Eheschließung unbedingt unberührt bleiben. Sohn Thomas, durchaus auch gläubig, hält solche Dogmen zwar für Quatsch, einerseits. Andererseits hat die Erziehung Spuren hinterlassen. Der junge Mann traut sich nicht, Mädchen anzusprechen, wirkt schüchtern, ja verklemmt. Und macht den Vater für seine Probleme mitverantwortlich.

Auch andere Familienmitglieder rebellieren. Vier Kinder, darunter zwei gerade der Pubertät entwachsene Mädchen, halten die Enge, die Strenge und die Prüderie nicht mehr aus, alarmieren heimlich das Kreisjugendamt. »Es waren Hilferufe«, berichtet Jugendamtsleiter Rüdiger Jung. Die Familienkrise ist jetzt amtsbekannt, die Utopie eines alttestamentarischen Erziehungsmodells gescheitert. Unauffällig und folgsam sind nur noch die kleineren Kinder.

Die Heranwachsenden, alle noch Schüler, werden vorübergehend in Heimen, Pflegefamilien und Wohngruppen untergebracht. David, der zweitälteste Sohn, muss wegen Drogenmissbrauchs in eine Psychiatrie. In Geesthacht zieht er sich vor einer evangelischen Kirche aus, legt die Kleider in Kreuzform vor das Portal, rennt nackt durch die Stadt und springt von einer Brücke in die Elbe. Polizisten ziehen ihn noch rechtzeitig aus dem Wasser.

Auch Thomas K. wird wegen Depressionen behandelt. Weil er es im Elternhaus nicht mehr aushält, nimmt ihn eine befreundete Familie auf. Nachdem er einen Studienplatz an der Lübecker Fachhochschule bekommen hat, zieht er mit 22 Jahren in ein Studentenheim, sein erstes eigenes Zuhause.

Die Mutter und die jüngeren Geschwister besucht der älteste Sohn fast nur noch, wenn der Vater weg ist. Kommt es zufällig zu einem Zusammentreffen, gibt es sofort Krach. Doch anders als früher schlägt der Sohn jetzt zurück. Zweimal muss sich Karl K. wegen Gesichtsverletzungen ärztlich behandeln lassen. Seine Stellung als Familienoberhaupt ist beschädigt.

»Beide waren wie Feuer und Wasser«, erinnert sich die Mutter. Die zierliche Frau Mitte vierzig, Brille, kurze dunkle Haare, schmales Gesicht, versuchte immer wieder, zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn zu schlichten. »Aber auf mich hörte niemand«, sagt sie, »ich bin ja nur eine Frau.«

Sohn Thomas, versichert die Mutter, sei stets ein lieber Junge gewesen, der früh Verantwortung übernommen habe. Immer besorgt um die jüngeren Geschwister, ihr selbst eine Stütze. Den Streit habe fast immer der Vater begonnen.

Ob das am 24. Oktober 2006 auch so war, kann sie nicht sagen. Dass etwas Schlimmes passiert ist, merkt Lucia K. erst, als sie mit ihrem Bollerwagen vom Einkaufen zurückkehrt: Die Straße ist abgesperrt, vor dem Haus stehen Polizeiautos.

Thomas K., an diesem Tag aus Lübeck gekommen, um einem Freund aus der Nachbarschaft zum Geburtstag zu gratulieren, gerät in der Küche der elterlichen Wohnung mit dem Vater aneinander. Es geht, wie so oft, um die Beziehung zum anderen Geschlecht. Nebenan hören die jüngeren Geschwister und deren Spielkameraden einen absurd anmutenden Dialog mit.

»Ein Christ darf sich nur mit einem unberührten Mädchen einlassen«, verkündet der Vater mit lauter Stimme, »nur mit einer Jungfrau.« »Moderne Mädchen sind keine Jungfrauen mehr«, schreit der Sohn zurück. Vater: »Du lügst.« Sohn: »Dann besorg mir doch bis morgen eine Jungfrau.« Vater: »Das ist unmöglich, das kann ich nicht.«

Daraufhin, behauptete der Vater bei seiner Polizeivernehmung, habe sich der Sohn umgedreht, die Küche verlassen und zum Abschied eine ungeheuerliche Drohung ausgestoßen: »Dann gehe ich jetzt los und vergewaltige eine 13-Jährige.«

Nur um ein solch furchtbares Verbrechen zu verhindern, habe er im Flur einmal zugestochen, das Messer sei ihm zufällig in die Finger geraten. Es habe sich um einen Notstand gehandelt.

Glaubhaft? Unglaubhaft? »Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass Thomas K. wirklich eine solche Tat vorhatte«, erklärt der Lübecker Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Schultz. Wenn er sich tatsächlich so geäußert habe, dann höchstens, um den Vater zu provozieren.

Thomas K. schleppt sich nach dem Messerstich noch aus dem Haus, läuft über die Straße, klopft an der Tür einer Nachbarin. »Mein Vater hat mich erstochen«, stößt er hervor, zieht sein T-Shirt hoch. Aus der Wunde im Rücken quillt im Takt des Pulsschlages stoßweise Blut. Die Nachbarin setzt den Verletzten zunächst auf einen Stuhl, bettet ihn, als er immer schwächer wird, auf eine Decke. Alarmierte Sanitäter beginnen mit Herzmassage und Infusionen.

Vater K., der hinterhergeeilt ist, verfolgt die Rettungsversuche aus der Distanz. Zeugen hören ihn sagen: »Dem ist nicht mehr zu helfen. Der geht jetzt zu Gott.« Zehn Minuten später hört Thomas K. auf zu atmen. Vater K. lässt sich widerstandslos festnehmen.

Derzeit wird der 59-Jährige im psychiatrischen Krankenhaus Neustadt untersucht. Vorläufiges Urteil des Gutachters: Karl K.s Schuldfähigkeit war bei der Tat »nicht wesentlich beeinträchtigt«. Die Staatsanwaltschaft will ihn deshalb wegen Mordes anklagen. K.s Anwalt, der Lübecker Strafverteidiger Joachim Hess, vermutet hingegen bei seinem Mandanten eine »erhebliche Persönlichkeitsstörung«.

Versuche von Karl K., seine Mitpatienten in der Klinik zu bekehren, sind bislang gescheitert. Die Patienten weigerten sich, an K.s Andachten teilzunehmen. Und als er den Fernseher im Gemeinschaftsraum abstellen wollte, weil ihm eine Sendung lästerlich erschien, gab es richtig Streit.

Besuch von Angehörigen hat der Vater bislang nicht bekommen. »Dazu habe ich überhaupt keine Zeit«, sagt Ehefrau Lucia K., jetzt alleinige Versorgerin der Großfamilie. Sie habe ihrem Mann aber geschrieben, dass sie ihm verzeihe. »Ob Gott ihm auch verzeiht, weiß ich nicht.«

Über ihre Anwältin hat die zwölffache Mutter das alleinige Sorgerecht für ihre minderjährigen Kinder beantragt.

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