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WOHNDESIGN Im Bann des Drachen-Atems

Immer mehr Deutsche begeistern sich für die chinesische Wohnphilosophie Feng Shui. Nach deren Regeln werden Wohnungen umgestaltet, Häuser gebaut, Firmen eingerichtet. Erklärtes Ziel: mehr Glück und Reichtum in allen Lebensbereichen.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Nach einem Umzug in eine schöne große Wohnung in München litt der Unternehmer Herbert Reimers* unter unerklärlicher Müdigkeit. Selbst nach acht Stunden Schlaf fühlte er sich zerschlagen, und irgendwann hatte er das »irrige Gefühl«, wie er sagt, daß es an der Wohnung liege. Ein Freund erzählte ihm von Feng Shui, der altchinesischen Kunst der Energieoptimierung. Reimers hielt das für fernöstlichen Hokuspokus, seine Frau jedoch, neugierig geworden, ließ die Wohnung intensiv nach Feng-Shui-Prinzipien durchforschen und umgestalten.

Von Müdigkeit seither keine Spur mehr, sagt Reimers, und seine Frau, die sich lange Zeit vergebens ein Kind wünschte, führt ihre derzeitige Schwangerschaft auch auf die vorgenommenen Energiekorrekturen zurück.

Die Hamburgerin Angelika Storm nahm nach einer Feng-Shui-Beratung eher amüsiert einige Veränderungen in Schlaf- und Wohnzimmer vor. »Die Auswirkungen waren enorm«, sagt sie. Sie verspürte plötzlich ungewohnte Kräfte, kündigte in ihrer Firma, schrieb ein Buch, fand einen Verleger und sieht nun, anders als noch vor Monaten, optimistisch in die Zukunft. »Ich glaube fest daran«, sagt sie. »Ob andere das für Spinnkram halten, ist mir Wurscht.«

Dieser Ansicht ist auch Lothar Müller. Noch vor zwei Jahren hatte Müller, Bürgermeister im niederbayrischen Ort Massing, keinen blassen Dunst von Feng Shui. Ein Vortrag veränderte sein Leben - und das seiner Gemeinde. Der Gemeinderat folgte Müllers Vorschlag, den ursprünglich streng rechtwinklig ausgerichteten Bebauungsplan für das Neubaugebiet Massing- West noch mal nach den Regeln des Feng Shui überprüfen zu lassen. Das Ergebnis: ein völlig veränderter Bauplan. Massing wird nun nach Feng-Shui-Regeln erweitert, ein in Deutschland wohl einzigartiges Projekt.

Die jahrtausendealte Tradition des chinesischen Feng Shui (was soviel heißt wie »Wind« und »Wasser« und »Fang Schuëi« ausgesprochen wird) erlebt derzeit im Westen einen ungeheuren Boom. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein neues Buch zum Thema erscheint, Fachkongresse finden statt in München, Hamburg und

* Name von der Redaktion geändert.

Prag. In London wird inzwischen eine auf Feng Shui spezialisierte Wohnzeitschrift publiziert, Fortbildungen von Architektenkammern sind völlig überlaufen.

Die umfangreiche Literatur sorgt jedoch auch für Verwirrung: Fast jedes Buch liefert eine andere Interpretation des Begriffs. Einige der asiatischen Meister halten Feng Shui für angewandte Naturwissenschaft, andere für die »Kunst des richtigen Plazierens«, wieder andere für die Lehre von geheimnisvollen metaphysischen Kräften. Wie auch immer: Feng Shui ist offenbar eng mit dem Taoismus und der Yin-Yang-Gleichgewichtslehre verbunden, aber auch mit Astrologie, Astronomie, Geologie, Wetterkunde und Ökologie. Für viele ehemals skeptische Architekten ist Feng Shui jedenfalls mehr als eine Design-Philosophie nach dem Motto: Schöner Wohnen à la New Age.

Die Bank of China, die sich eindrucksvoll-kantig aus dem Hongkonger Zentrum erhebt, baute der berühmte Architekt I. M. Pei, kein erklärter Feng-Shui-Fan. Nach der Begutachtung des Gebäudes durch einen Feng-Shui-Meister wurden die unteren sechs Stockwerke umgestaltet; und weil die Banker in der Nachbarschaft argwöhnten, daß die scharfen Kanten der Bank of China die umliegenden Bauten mit negativer Energie »bestrahlen« würden, versahen sie ihre Bürobauten mit kurvigen Verspiegelungen, um das »angreifende« Unheil abzuwehren.

Ob Jugendstilvillen, Neubauten, modernste Firmengebäude, Parkanlagen oder kleine Gärten - es gibt keinen Lebens- und Arbeitsbereich, der sich laut Feng-Shui-Experten nicht optimieren ließe. Mangelnde Energie spiegele sich im Schicksal der Bewohner wieder, deshalb solle »auch im Garten ein harmonischer Chi-Fluß möglich sein«, fordert Günther Sator, ein Maschinenbauingenieur, der in Österreich eine Feng-Shui-Akademie betreibt.

Einer der prominentesten Feng-Shui-Propheten ist der in Manchester lebende Derek Walters, zu dessen Kunden Investment-Firmen, Reiseagenturen, Musikstudios und Restaurants gehören. Seine Popularität stieg sprunghaft, nachdem er in der britischen Presse die Trennung der Herzogin von York von ihrem Ehemann Prinz Andrew vorausgesagt hatte - unter Feng-Shui-Aspekten sei das Domizil der beiden eine Katastrophe gewesen. Seitdem, so Walters, wollten sich immer mehr Leute beraten lassen.

Der englische Popstar Boy George, fasziniert von Feng Shui, entmüllte sein Haus in Hampstead, ließ sein Wohnzimmer grün anpinseln und schob seinen Schreibtisch in die Nordwest-Ecke des Arbeitszimmers. Gleich sei er, wie er sagt, mit seiner Autobiographie »Take it like a man« sehr viel besser vorangekommen.

»Feng Shui ist nicht spirituell«, behauptet Spezialistin Lillian Too, die auch Logo-Änderungen bei Firmen für sinnvoll hält. Too, freigiebig mit ihren Ratschlägen, empfiehlt etwa dem Autokonzern Audi, sein Logo zu ändern. Die vier ineinandergeschlungenen Kreise verhinderten den Energiefluß. Mit einer Logokorrektur, prophezeit Too, könnte Audi »dreimal so viele Autos verkaufen«.

Ziel einer Firmenberatung ist häufig, den Streß der Mitarbeiter zu reduzieren - ehrenwert, aber natürlich nicht uneigennützig gedacht: Denn immer geht es im Feng Shui auch um mehr Umsatz, mehr Macht, mehr Ansehen.

Konfuzius, der berühmte chinesische Weise (551 vor Christus geboren), gilt als Feng-Shui-Wegbereiter. Im Mittelpunkt der Raumharmonielehre steht das Qi oder Chi, die ungreifbare, aber allgegenwärtige Energie, die nach chinesischer Vorstellung in Straßen, Fußwegen, Flüssen, Eisenbahngleisen, durch Türen, Treppen und Korridore fließt. Auch Berge, Täler, Stromleitungen, Ecken und Kanten, Fenster, Tische und Dachbalken beeinflussen den Energiefluß.

Chi, der kosmische Atem des Drachen, soll keinesfalls im Schweinsgalopp durch die Wohnung sausen, sondern langsam und sachte durch das ganze Haus gleiten. Lange Korridore wie in vielen Unternehmen und Hotels sind von Übel, sie ziehen Sha Chi an, die schädliche Energie. Dabei könnte man mit einigen geschickt drapierten Spiegeln, so die Philosophie, das Chi verlangsamen und in günstigere Bahnen leiten.

Nach Feng-Shui-Auffassung ist eine umfängliche Wohnungsanalyse, die die Probleme und Wünsche der jeweiligen Bewohner miteinbezieht, am besten - entsprechend umfänglich können Kosten und Korrekturvorschläge ausfallen. In der Regel werden bei einer individuellen Beratung die gesamte Wohnung sowie der Arbeitsplatz eingehend inspiziert. Die Experten suchen nach schädlichen Störfeldern und Erdstrahlen, erkunden den besten Platz für Bett, Schreib- und Eßtisch, fahnden nach negativen Einflüssen wie spitzen Kanten, die den Menschen wie »Giftpfeile« angreifen und ein Gefühl latenter Unsicherheit auslösen.

Es gibt einige pragmatische Grundlösungen, um Chi abzuschwächen oder zu verstärken. So ist etwa in Büroräumen nach Ansicht von Feng-Shui-Experten die Position des Schreibtisches von größter Bedeutung. Er sollte diagonal möglichst weit von der Tür entfernt stehen. Feng-Shui-Beraterin Sarah Rossbach ist der Meinung, daß jeder, der mit dem Rücken zur Tür sitze, Ärger und Pech heraufbeschwöre. Ein Verlagsangestellter sei sowohl von Arbeitsüberlastung als auch von einem Hautleiden erlöst worden, nachdem er seinen Schreibtisch umdrehte und fortan die Tür im Auge hatte: »Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber es ist erstaunlich, wieviel besser ich mich fühle.« Fünf Monate später sei er zum Cheflektor befördert worden.

Feng-Shui-Meister arbeiten häufig mit einem chinesischen Kompaß, dem Luo Pan, der jeweils unterschiedlich interpretiert wird. Ein wichtiges Werkzeug der Formschule ist außerdem das sogenannte Bagua, ein Achteck, bei dem die fünf Elemente und die Himmelsrichtungen in Verbindung gesetzt werden mit acht verschiedenen Lebensbereichen. Diese »Landkarte« umfaßt Karriere, hilfreiche Menschen, Kinder, Partnerschaft, Ruhm, Reichtum, Gesundheit und Wissen. Bei einer Feng-Shui-Beratung wird das Bagua sowohl auf den Grundriß des Hauses als auch auf den Grundriß der Wohnung bezogen. Durch Um- oder Anbau können ganze Bereiche fehlen. Der Feng-Shui-Kundige stöbert die persönlichen »Reichtums- und Beziehungsecken« des Bewohners auf und erklärt ihm beispielsweise, daß es nicht sinnvoll ist, in diesen Bereichen den Abfalleimer zu plazieren. Chi-Fänger wie Lampen, Windspiele, Spiegel, Fächer, Pflanzen oder Blumen helfen beim Korrigieren.

Ob mangelnde Anerkennung, Gesundheitsstörungen oder stagnierender Umsatz - es gibt angeblich nichts, was sich mit Feng Shui nicht in den Griff bekommen ließe. »Feng-Shui wirkt, ob man daran glaubt oder nicht«, behaupten die beiden Experten Margrit Lipczinsky und Helmut Boerner. Nach einer Ausbildung bei dem Chinesen Jes Lim, der in der Szene als renommierter Meister gilt, leben und arbeiten die beiden Unternehmensberater von Konstanz aus. Seit drei Jahren bieten sie Beratungen im gesamten deutschsprachigen Raum an, unter anderem für Einzelhandelsgeschäfte, Anwaltskanzleien, Arztpraxen und Werbeagenturen. Die beiden sind gut im Geschäft - ihre Dienste werden auch in Hamburg oder Berlin geordert, wo es eigentlich genügend Feng-Shui-Berater gibt.

»Man kann eben nicht irgendeinen Feng-Shui-Fritzen anheuern«, sagt ein Berliner Immobilienbesitzer, »Mund-zu-Mund-Propaganda ist wichtig.« In der Szene trieben sich viele Abzocker herum, die nichts anzubieten hätten »als ein bißchen exotischen Firlefanz«. Für jedes seiner neuen Hausprojekte läßt er Lipczinsky und Boerner einfliegen, weil er mit ihnen bisher gute Erfahrungen gemacht hat. »Ich bin ein kühl rechnender Geschäftsmann«, sagt er, »auf Experimente habe ich keine Lust. Dafür ist die Sache zu ernst.«

Egal, wie ernst man die Sache nimmt: Inzwischen gibt es höchst unterschiedliche Feng-Shui-Richtungen und höchst unterschiedliche Ausbildungswege - manche lernen jahrelang, während sich andere innerhalb von wenigen Wochenenden zum Feng-Shui-Berater küren lassen.

Bislang gibt es keinen TÜV in der Szene oder eine schwarze Liste mit Scharlatanen. Und - wie beim Gang zum Steuerberater, Rechtsanwalt oder Schönheitschirurgen - keine Erfolgsgarantie. Mundpropaganda kann also nicht schaden, denn das asiatische Knowhow kommt teurer als ein Besuch beim Friseur: Bei rund 10 Mark pro Quadratmeter für Privaträume und 15 Mark für gewerbliche Räume liegen die Honorare.

Dazu kommen die Kosten für die jeweiligen Veränderungen. Ängstliche Gemüter und allzu Abergläubige sollten sich die Empfehlung des Feng-Shui-Experten Lam Kam Chuen zu Herzen nehmen: »Wenn Sie etwas sehen und verändern können, dann tun Sie das; wenn Sie aus irgendeinem Grund nichts verändern können, streichen Sie es aus Ihrem Gedächtnis.«

ANGELA GATTERBURG

* Name von der Redaktion geändert.

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