Im Heimatort von Kapitän Schettino "Er hat sich vernavigiert"

Fast ganz Italien schimpft über den "Capitano dilettante" - im Dorf Meta di Sorrento nimmt man Francesco Schettino in Schutz. Im Heimatort des "Concordia"-Kapitäns klagt man stattdessen über die Niedertracht der Medien. Ein Besuch.

AFP

Aus Meta di Sorrento berichtet


Beppe und Marco können die Bilder der havarierten "Costa Concordia" schon jetzt nicht mehr sehen und wechseln das Fernsehprogramm in ihrem Imbiss auf Rädern. Sie schalten eine Live-Übertragung aus Giglio ab und gucken lieber eine Dauerwerbesendung. Eine aufgeregte Italienerin präsentiert Schnellkochtöpfe. "Meine Frau würde mir den um die Ohren hauen, wenn ich ihr den schenkte", sagt Beppe und lacht.

Giftgrün strahlt das Neonlicht von Marcos fahrbarer Sandwich-Bude in die dunkle Nacht über dem Golf von Neapel. Wer die Küstenstraße herunter fährt, die sich in Serpentinen die Halbinsel entlang schlängelt, kann den Imbiss nicht verfehlen.

Der junge Inhaber und sein Angestellter haben zu tun: Einer grillt den Provolone-Käse, der andere schneidet die knusprigen Semmeln auf und füllt sie mit rohem Schinken, Auberginen oder Brokkoli-Röschen. Fünf junge Mädchen warten auf ihre Panini, zwei haben einen Vespa-Helm auf dem Kopf.

Beppe, der Brötchenmann, il paninaio, arbeitet hier seit 28 Jahren. "Die Leute von Meta sind mit meinen Panini aufgewachsen", sagt er, während er eine reife Tomate schneidet.

Auch Francesco Schettino kommt hin und wieder vorbei und nimmt ein warmes Sandwich auf die Faust. "Jetzt natürlich nicht mehr", sagt Beppe, "der sitzt ja nun in seiner Wohnung fest". Als der Kapitän der havarierten "Costa Concordia" in der Nacht zu Mittwoch aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest gestellt wurde, hat Beppe ihn vorbeifahren sehen. "Es kamen drei oder vier Polizeiwagen", sagt Beppe, kurze Zeit später habe es dann ein Blitzlichtgewitter in der Altstadt gegeben, die man von dem Parkplatz am Ortseingang gut im Blick hat. Fotografen hätten schon auf der Lauer vor Schettinos Haus gelegen, das nur ein paar Schritte vom Strand entfernt ist.

Ein Bettlaken hängt unter seinem Fenster, so dass Schettino es sehen könnte, wenn er durch die verrammelten Fensterläden lugte. "Commandante non mollare", (auf Deutsch: "Kapitän - nicht aufgeben") hat jemand mit blauer Sprühfarbe darauf geschrieben. An der Hauswand steht in großen Buchstaben: "Stampa e TV = infamità" (Presse und TV = Niedertracht).

"Havarie der Schande" nennt ein italienischer Fernsehsender den Schiffbruch der "Costa Concordia". "Es ist eine Tragödie", sagt Beppe, die Familien der Opfer täten ihm furchtbar leid. Er verstehe jedoch nicht, dass das sprachlich so aufgebauscht werden müsse, jetzt sei es schon eine "Schande", obwohl man noch gar nicht genau wisse, wie es zu dem Unglück gekommen sei. Und wenn an den Vorwürfen, Schettino habe Alkohol getrunken, etwas dran ist? "Schettinos Schwager war diese Woche hier", so Beppe, "er sagt, Francesco trinke immer nur Wasser und Cola."

"Menschen können Fehler machen"

Meta di Sorrento ist ein uriges Städtchen an einem der schönsten Küstenabschnitte Italiens. Es liegt 50 Kilometer südlich von Neapel und rund 400 Kilometer südlich von der Insel Giglio, wo vor einer Woche das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" verunglückte. Der Touristenort in der Region Kampanien ist die Heimat von Francesco Schettino, für den ganz Italien nichts als Verachtung übrig hat - alle außer den Menschen von Meta. Sie nehmen Schettino in Schutz, wollen ihm Mut machen, finden verständnisvolle Worte.

Der 52-Jährige steht unter Verdacht, für den Schiffbruch der "Costa Concordia" und den Tod von mindestens elf Menschen verantwortlich zu sein. "Er hat einen Fehler gemacht", sagen die Menschen im Ort, "Menschen können Fehler machen". Keine Vorwürfe, keine Ablehnung.

Es ist schon erstaunlich, dass sich ähnlich auch Aniello Russo, Vizepräsident des nautischen Instituts Nino Bixio im Nachbarort Piano, sowie der Navigationslehrer Ettore Sposito, äußern. "Er hat sich vielleicht vernavigiert", sagt Sposito. Beim Autofahren könne man sich schließlich auch mal verfahren.

Die beiden sagen, Francesco Schettino nicht persönlich zu kennen. "Das muss 30 Jahre her sein, dass er hier seinen Schulabschluss gemacht hat." Danach folgten mehrere Jahre Praxisausbildung auf hoher See. "Schettino war 15 Jahre ein guter Kapitän", sagt ein Angestellter in der Nautikschule, der seinen Namen nicht nennen möchte. "Nun ist ihm dieses Unglück passiert, in ein paar Monaten spricht sowieso keiner mehr darüber." Harte Worte, wenn man bedenkt, dass inzwischen elf Leichen im Wrack gefunden wurden und noch mehr als 20 Menschen als vermisst gelten.

Gut möglich, dass die Havarie der "Costa Concordia" letztlich mehr als 30 Menschen das Leben gekostet haben wird - auch wenn Behördensprecher nach wie vor sagen, es bestehe Hoffnung, Passagiere lebend zu finden. Doch hier in Meta gibt es Leute, die betonen, dass die Zahl der Toten und Vermissten gar nicht so hoch sei, wenn man bedenkt, dass mehr als 4000 Passagiere an Bord waren.

Nicht alle Menschen in Meta reden so, aber viele bilanzieren das Unglück: Weniger als ein Prozent der Passagiere hätten bei der Kreuzfahrt mit der "Costa Concordia" ihr Leben verloren. ´

Während die italienischen Medien den Hafenkommandeur Gregorio De Falco einen Helden nennen - er hatte den Kapitän Francesco Schettino per Telefon dazu aufgefordert, an Bord zurückzukehren und sich um seine Passagiere zu kümmern, schimpft ihn eine Barista in Meta einen "Witzbold". De Falco wisse wohl nicht, wie dunkel das da unten auf dem Rettungsboot gewesen sein muss. "Wie hätte Schettino denn bitteschön wieder an Bord steigen sollen?"

Sextant aus Ebenholz und Elfenbein

Nautiklehrer Spostito betont, dass die Kreuzfahrt durch bessere Technik sicherer geworden sei - "früher wären viel mehr Menschen gestorben". Das etwas heruntergekommene Schulgebäude steckt voller Antiquitäten. Die Vitrinen in den Gängen sind voll mit Kompassen und anderen nautischen Messgeräten aus Messing, es ist ein mehr als hundert Jahre alter schwarz-weißer Sextant aus Ebenholz und Elfenbein dabei, im Innenhof hängen alte Schiffstaue. Die Schüler haben stets vor Augen, was für ein traditionsreicher Beruf ihnen bevorsteht, wenn sie die Schule schaffen und wenn sie sich für eine Karriere auf der Kommandobrücke entscheiden.

"Fast jede Familie hat hier was mit der Schifffahrt zu tun", erzählt ein Angestellter in der Nautikschule und spricht ausschweifend über die Geschichte des Instituts. Seit dem 18. Jahrhundert gäbe es sie, die alten Gegenstände seien Geschenke aus Kapitänsfamilien. "Commandante zu sein ist ein interessanter Beruf", sagt Navigationslehrer Sposito. Man reise durch die ganze Welt, außerdem sei die Arbeit vielseitig: Auf der einen Seite stehe der maritime, technische Aspekt - der Umgang mit Koordinaten, Seekarten und Maschinen. Und dann sei da noch der menschliche Aspekt: Ein Kapitän habe das Kommando über ein großes Team, außerdem müsse er sich um die Passagiere kümmern.

"Er könnte ein kleines Charakterproblem haben"

Konnte Francesco Schettino diese beiden Anforderungen erfüllen? Die Schuldfrage wird bei den strafrechtlichen Ermittlungen zum Hergang der Katastrophe geklärt werden. Die italienische Zeitung "Corriere della Sera" hakte indessen beim Unternehmen Costa Crociere nach: Die ganze Welt frage sich, "warum zum Teufel Sie Schettino das Kommando über eines Ihrer Schiffe überlassen haben", fragt ein Corriere-Journalist in einem Interview in der Freitagsausgabe. Ob es "gar keinen Verdacht auf Unzuverlässigkeit des Kapitäns gegeben habe?

"Technisch ist er immer für sehr kompetent gehalten worden", antwortet Costa-Vorstandsvorsitzender Pier Luigi Foschi. "Aber er könnte ein kleines Charakterproblem haben" - auch wenn es dafür keine formalen Beweise gäbe. Manche hätten seinen Umgang mit den Kollegen als harsch empfunden.

Auch der Imbissbudenbesitzer Marco ist früher ein paar Monate zur Nautikschule gegangen. "Aber das war mir dann zu schwierig", sagt er. Viel Mathe, das könne er nicht so gut, er habe lieber das Geschäft seines Vaters übernommen. "Die Schifffahrt ist nicht für jeden was", sagt Beppe.

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tutmosis 21.01.2012
1. Wenn Sie wüßten....
Wenn Sie wüßten, Frau Stanek, wie Sie den Nagel auf den Kopf treffen mit Ihrem Titel: 'Im Heimatort des Kapitäns : "*Er hat sich vernavigiert*".' Das hat er allerdings. Alle Nautiker auf dieser Welt schauen fassungslos auf die Blamage, die Herr Schettino seinem Vaterland bereitet hat. Wenige Nautiker aber verfügen über so präzise Ortungs- und Steuerungssysteme wie die auf der Costa Concordia vorhandenen. Dank seiner Unfähigkeit wird jedenfalls das Buch über italienische Helden, das ein anderer Forist schon mal als dünn zu bezeichnen wagte, deutlich dicker. Ich spreche von den todesmutigen, unverdrossenen Versuchen, JEDEN, tot oder lebendig da rauszuholen. Grande Rispetto, Signori! Grüße, tutmosis
peter.hartung@hamburg.de 21.01.2012
2. Schuldigensuche oder Ursachensuche?
Zitat von sysopFast ganz Italien schimpft über den "Capitano dilettante" - im Dorf Meta di Sorrento nimmt man Francesco Schettino in Schutz. Im Heimatort des "Concordia"-Kapitäns klagt man stattdessen über die Niedertracht der Medien. Ein Besuch. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810466,00.html
Und wieder einmal tobt die Meute durch das globale Dorf auf der wilden Suche nach dem oder den Schuldigen. Das zu lösende Problem ist aber, eine Ölpest vor Ort zu verhindern und anschließend das Wrack dort weg zu bringen. Die italienischen Staatsanwälte werden ihre Arbeit schon machen, ob es auch die Gerichte tun werden, bleibt abzuwarten. Und das kann dauern. Eine schuldunabhängige objektive Untersuchung des Unfallhergangs ist zugleich notwendig. Da hört man bisher wenig. Und bleibt auch abzuwarten. Ansonsten hören wir eben so lange dem internationalen Seemannsgarn zu. Und das wird man hinnehmen müssen.
kht56 21.01.2012
3. Fragen
Zitat von sysopFast ganz Italien schimpft über den "Capitano dilettante" - im Dorf Meta di Sorrento nimmt man Francesco Schettino in Schutz. Im Heimatort des "Concordia"-Kapitäns klagt man stattdessen über die Niedertracht der Medien. Ein Besuch. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810466,00.html
Es ist schon erstaunlich, dass Italien von heute. Menschen verteidigen Berlussconi und Schettiono, obwohl die ihr Schiffe auf Grund gesetzt haben. Zudem verfaehrt man sich nicht bei diesem Wetter mit einem 122000t Schiff einfach mal so. Es stand ja ein Befehlsempfaenger am Steuer. Der hat sich nicht geweigert. Und die Reedereien sollten fuer die Hotelseite einen Direktor einsetzen und der Kapitaen ist der Schiffsfuehrer. Dann haette er keine Doppel- oder Dreifachbelastung.
Sapientia 21.01.2012
4. Blöse Theorie
Zitat von sysopFast ganz Italien schimpft über den "Capitano dilettante" - im Dorf Meta di Sorrento nimmt man Francesco Schettino in Schutz. Im Heimatort des "Concordia"-Kapitäns klagt man stattdessen über die Niedertracht der Medien. Ein Besuch. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810466,00.html
Es ist doch letztlich ganz egal, wie stark ausgestattet die Brücke mit navigatorischen Hilfsmitteln ist - dann fahre ich entsprechend vorsichtig, auf einen anderen Gedanken komme ich doch gar nicht erst. Hin und wieder ist übrigens ein Blick aus dem Fenster ganz nützlich.
wohlmein 21.01.2012
5. Der ANDERE Blickwinkel ..
Zitat von sysopFast ganz Italien schimpft über den "Capitano dilettante" - im Dorf Meta di Sorrento nimmt man Francesco Schettino in Schutz. Im Heimatort des "Concordia"-Kapitäns klagt man stattdessen über die Niedertracht der Medien. Ein Besuch. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810466,00.html
Es ist schlichtweg gut, daß eine Journalistin im Heimatort des Francesco Schettino war und dort im Prinzip ein LOKALreportage gemacht hat. Durch die Gespräche mit den beiden Nautik-Fachleuten erfährt dieser Schiffbruch die durch die emotionale Berichterstattung verloren gegangene Bodenhaftung und wird relativiert. Sicherlich ist die bisherige Sensationspresse auch den Emotionen der Angehörigen und deren menschlichem Leid geschuldet und insofern notwendig. Aber der nicht emotionale Blickwinkel kam verständlicherweise zu kurz. Die Presse schoß sich auf den Capitano ein. Sicher gibt es noch sehr viele Widersprüche in den Aussagen, der kommende Prozess wird auch diese nur teilweise klären können. Aber durch diesen Lokalbericht wird deutlich, daß man einen Angeklagten doch bitte nicht abkanzeln sollte, bevor ihm nicht der Prozess gemacht wurde. Und e i n Fehler in der vergangenen Berichterstattung wird gleich mit aufgedeckt: WIE hätte Schettino vom Boot denn wieder an Bord kommen sollen? Dies übersah vermutlich der Hafenkommandant tatsächlich. Als emotional "geladene" Landratte geht man bei solchen Berichten spontan davon aus, daß da irgendwelche Strickleitern hängen - wie bei "Piraten der Südsee". Die Medienvertreter waren vermutlich ähnlich naiv. Insofern ist dieser Artikel schon dieser Richtigstellung wegen nützlich. Für die Familie des Kapitäns ist es überlebenswichtig, wenigstens im Alltag der dräuenden Sippenhaft zu entkommen. Schon insofern ist die Loyalität der Kleinstadt mit ihrem Bewohner wichtig und beachtenswert. Unterstellung: Für die nationale und internationale Presse war der Schiffbruch auch eine willkommene Abwechslung im wirtschaftlichen Chaos dieser Monate. Und endlich hatte man mal einen ganz real greifbaren Schuldigen, den man dingfest machen konnte.
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