SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Juli 2010, 18:55 Uhr

Imageprojekt Love Parade

Party um jeden Preis

Von

Die Love Parade sollte junge Leute ins Revier locken und Geld in die Kassen der klammen Kommunen spülen. 2009 aber sagte Bochum die Massenparty wegen Sicherheitsbedenken ab, der Druck auf Duisburg wuchs. Geschichte einer Veranstaltung, die das Image polieren sollte - und im Fiasko endete.

Hamburg - Der Druck war groß, denn das Ziel war es auch: Dem Ruhrgebiet, Heimat der Malocher, Steiger, Zechen, der Autobahnen und der Schwerindustrie, wollte man einen neuen Anstrich verpassen. Und auf einmal prägten Dampfplauderer den neuen Sprech des Ruhrgebiets. "Hömma" war gestern, nun ging es ums Image, um Prestige, ums Wohlfühlen, um Lebensqualität.

"Hier wird neue Energie gefördert. Sie heißt Kultur", lautet der Slogan von Ruhr.2010, dem Projekt, das mit Essen als sogenanntem Bannerträger 53 Städte und Kommunen des Ruhrgebiets mit ihren rund 5,3 Millionen Einwohnern zur Kulturhauptstadt Europas verschmelzen lässt.

Man will Geschlossenheit demonstrieren, sich als Metropole mit Deutschlands drei Großstädten messen. Als die Veranstalter der Love Parade 2007 nach einer neuen Heimat für die Feierfreudigen suchen, ist das Interesse der Städte aus dem Pott groß. Hanns-Ludwig Brauser, damals Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr, wirbt für das Revier als Veranstaltungsort.

"Man wollte mit Städten wie Berlin mithalten", sagt Ottilie Scholz, Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum SPIEGEL ONLINE. Sie hat den Prozess begleitet. "Von der Love Parade haben wir uns positive Bilder erhofft", sagt Ruhr.2010-Sprecher Marc Oliver Hänig. Er benutzt Wörter wie "Standortstärkung" und "Image-Gewinn".

Die Ruhrgebietsstädte schlossen eine Kooperationsvereinbarung mit Veranstalter Lopavent, die festlegte, in welchen NRW-Städten wann die Bässe wummern sollten: Den Start machte Essen 2007 mit 1,2 Millionen Besuchern, 2008 folgte Dortmund, 1,6 Millionen tanzten dort auf der Bundesstraße 1, 2009 war Bochum vorgesehen, 2010 Duisburg, 2011 Gelsenkirchen.

Der Tenor: "Geht nicht, gibt's nicht"

Doch nach Bochum kam niemand. Die Love Parade wurde kurzfristig abgesagt, die Sicherheitsbedenken waren zu groß. Bürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) musste sich daraufhin heftige Kritik gefallen lassen: Bochum sei provinziell, warf man ihr vor, die Absage "peinlich", in Bochum seien "nur Deppen am Werk", höhnte die CDU-Opposition, die Absage eine einzige "Blamage fürs Ruhrgebiet", polterte Soziologe und Techno-Forscher Ronald Hitzler.

"Geht nicht, gibt's nicht", schrieb ein Kommentator der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".

Die Frau, die damals die Entscheidung traf, hat nun, Tage nach der Katastrophe von Duisburg, Sorge, zur Heldin wider Willen zu werden. Es ist ihr wichtig zu betonen, dass die Situation in Bochum anders gelagert gewesen sei als in Duisburg.

Nicht zuletzt ist sie anders, weil man sich in ihrer Stadt gegen die Ausrichtung der Veranstaltung entschied - während man sie in Duisburg mit einem kurzfristig entwickelten Sicherheitskonzept durchboxte.

Doch die beiden Städte verbindet mehr, als man im Bochumer Rathaus wahrhaben will. Denn die Absage 2009 führte dazu, dass der Druck auf Duisburg immens wuchs.

Bürgermeisterin Scholz ist eine resolute Frau, sie weiß, dass alles, was sie nun über ihre Entscheidungen von damals sagt, dazu taugt, Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in Duisburg zu konstruieren. Deshalb gibt sie sich bedeckt. "Das ist erst im Rückblick eine weise Entscheidung. Sie taugt nicht dazu, jetzt den Zeigefinger zu erheben und zu sagen 'Ich hab's doch gewusst.'"

Die Politikerin spricht offen darüber, dass es für die Verantwortlichen der Stadt ein schmaler Grat sei: Drückt man bei der Planung ein Auge zu? Wie strikt hält man sich an die Regeln? Es gab Berechnungen: Wie viele Menschen passen auf einen Quadratmeter, wie viele Feiernde erträgt Bochum? Bald war klar: Es würden zu viele sein für die eng bebaute Stadt. "Auch ich habe damals gedacht, wir müssen alles tun, damit wir die Love Parade haben können", sagt Scholz SPIEGEL ONLINE. "Aber in den Gesprächen mit Polizei, Feuerwehr und der Bahn wurde deutlich, dass wir das nicht hinkriegen können. Selbst wenn wir die Zahl der Besucher runtergerechnet hätten. Die Leute hätten nicht alle in die Stadt gepasst. Punkt."

"Wenn etwas passiert wäre, hätte ich dafür geradestehen müssen"

Die Kritik kam umgehend und vor allem kam sie von allen Seiten: Die Verantwortlichen für die Ruhr.2010 wollten das Prestigeprojekt Love Parade nicht untergehen lassen, die Wirtschaftsförderung hatte Sorge: "Wenn nämlich Bochum für die Love Parade zu klein ist, dann sind eigentlich auch Duisburg und Gelsenkirchen als Veranstaltungsorte gestorben."

Doch Scholz war immun gegen die Kritik. "Das war mir völlig egal", sagt sie heute, nachdem ihre Entscheidung nicht länger als Diletantismus kritisiert, sondern angesichts der Tragödie von Duisburg als Standfestigkeit gefeiert wird. "Wenn etwas passiert wäre, dann hätten nicht die geradestehen müssen, sondern ich hätte es zu verantworten gehabt." Deshalb habe sie mit dem Vorwurf, ein Spielverderber zu sein, leben können.

Es ist die Kehrseite der Metropole Ruhr, die so viele heterogene Städte miteinander vereinen will: Wenn alles gut geht, dann profitiert die gesamte Region - wie zuletzt beim Still-Leben Ruhrschnellweg auf der A 40. Wenn aber etwas schief geht, dann liegt die Schuld beim Einzelnen. Es ist genau diese Frage nach der Verantwortlichkeit, an der die Beteiligten in Duisburg bei der Pressekonferenz scheiterten.

Der damalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner rechtfertigte die Absage 2009 in einem offenen Brief. Er schrieb: "Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhr als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die als Amtsträger für die Folgen ihres Handelns persönlich haften?"

Genutzt hat das Schreiben mit dem Titel "Es reicht" wenig. Der Druck auf Duisburg stieg nach der Bochumer Absage. Eine weitere hätte vermutlich das Aus der Love Parade im Ruhrgebiet bedeutet. 2010 war das Fest zudem fester Bestandteil des Ruhr.2010-Programms. Die Love Parade war ein Prestigeprojekt, sie musste stattfinden.

Da Bochum patzt, muss Duisburg es richten

Der damalige Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) sagte im Januar 2009, die Love Parade sei für das Image der Region so entscheidend, weil durch sie viele junge Menschen aus ganz Deutschland und Europa direkt erfahren könnten, dass das Ruhrgebiet nicht nur aus Kohle und Stahl bestehe, sondern eine "frische, dynamische, bunte und leistungsfähige Region sei".

All dies musste Duisburg nun unter Beweis stellen. Die Landespolitik saß der klammen Stadt im Nacken. Als im Herbst 2008 in den Sitzungen der Fachleute ein Polizeivertreter Zweifel anmeldete, ob Duisburg überhaupt ein geeignetes Gelände besitze, schaltete sich der damalige Duisburger CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg ein. Er drängte Anfang Februar in einem Brief an den damaligen FDP-Innenminister Ingo Wolf sogar auf eine Ablösung des Polizeipräsidenten.

NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sagte, nachdem die Absage Bochums bekannt geworden war: "Oh Gott, das ist aber schade - und nicht gut für das Image des Ruhrgebiets. Ich hoffe nicht, dass nun auch noch die Love Parade 2010 ausfällt - zumindest die muss jetzt stattfinden."

Dieter Gorny, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt, bezeichnete die Absage aus Bochum als "Menetekel für die gesamte Kulturhauptstadt", sie "konfrontiert uns mit allem, was wir schon glaubten, überwunden zu haben: Kleinstadtdenken, Provinzialität, das ganze zähe Grau des alten Ruhrgebiets." Der Geschäftsführer der Wirtschaftförderung erklärte, er hoffe, dass die Love Parade der Region erhalten bleibe.

Es wurde klar: Wenn Bochum patzt, muss Duisburg es richten. Eine Absage ist ein Ärgernis, zwei Patzer gleichen einem Scheitern. Eine Panne ist individualisierbar, zwei Pannen deuten darauf hin, dass das System krankt. Doch das System war das Image und das galt es zu vermarkten.

Von den Verantwortlichen ist heute niemand mehr im Amt: Die schwarz-gelbe Regierung wurde abgewählt, der damalige Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung ist im März verstorben, in der dortigen Pressestelle gibt man sich sehr bedeckt. Man habe vermutet, dass die Love Parade wichtige Impulse für die Region geben würde, man habe gedacht, die Veranstaltung sei für das Ruhrgebiet wichtig und von Vorteil, man habe nur Gutes mit der Veranstaltung verbunden.

Beim Stadtmarketing in Duisburg heißt es nach dieser Katastrophe zurückhaltend, die Loveparade sei "ein Fest von großer Bedeutung" gewesen. In den vergangenen Monaten klang das überzeugter: Man sammelte Spenden, als Anfang des Jahres die Finanzierung schwankte. Marketing-Chef Gerste sagte damals: "Duisburg will die Love Parade in Duisburg!"

Auch zwei Tage nach der Katastrophe hält man am Slogan fest. Der soll für ein positives Image sorgen, irgendwie für ein gutes Klima. Aber nun, da 19 Menschen gestorben und mehr als 500 Besucher der Love Parade verletzt worden sind, klingt er wie Hohn: "Duisburg is the place, where things really happen."

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung