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In ständiger Angst

Das Landgericht Hannover hat einen Prokuristen, der mehrfach einer Angestellten an die Brüste faßte, zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt - ohne Bewährung.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Zwei Jahre lang war Kerstin Ehlers*, 22, arbeitslos, dann endlich hatte sie wieder einen Job als kaufmännische Angestellte gefunden. Doch drei Tage nach Arbeitsbeginn, im Juni 1987, liefen ihr das erste Mal »kalte Schauer« über den Rücken.

Ihr Chef, der sich meist allein mit ihr in dem kleinen Büro einer hannoverschen Rettungsgesellschaft aufhielt, griff ihr an die Hüfte und versuchte sie zu küssen. In den folgenden Tagen wurden die Attacken noch heftiger: Der Prokurist, 45, der jungen Frau körperlich weit überlegen, schob sie auf ihrem Bürostuhl gegen den Schreibtisch, daß sie eingeklemmt war, massierte zunächst ihren Nacken, um dann, über der Kleidung, die Brüste zu fassen.

Obwohl Kerstin Ehlers protestierte und ihrem Vorgesetzten auch schon mal auf die Finger schlug, befummelte der Mann die Mitarbeiterin mehrfach am Tag, drei Wochen lang. Morgens fuhr sie, aus Angst, »mit unbeschreiblichen Gefühlen in die Firma« und war bald »nervlich am Ende«.

Freunde, denen sie sich anvertraut hatte, überlegten schon juristische Schritte - da hörte die Grapscherei plötzlich auf. Doch vier Monate später ging es wieder los, diesmal nicht so häufig, dafür heftiger. Als die Frau eines Abends ihrem Vater berichtete, der Mann sei ihr mit der Hand unter Bluse und Büstenhalter gefahren, entschied der für seine Tochter: »Da gehste nicht mehr hin.«

Im November 1987 nahm die Polizei die Anzeige der Angestellten auf; vergangene Woche verurteilte Thomas Taeglichsbeck, 53, Kammervorsitzender am Landgericht Hannover, den Täter in zweiter Instanz zu 15 Monaten Gefängnis ohne Bewährung »wegen sexueller Nötigung in zwei Fällen«. Ein Schöffengericht hatte zuvor in erster Instanz sogar 20 Monate Haft verhängt.

Die beispiellos hohe Strafe ist ein Indiz dafür, daß die deutsche Justiz die strafrechtliche Bedeutung sexistischer Übergriffe am Arbeitsplatz inzwischen anders bewertet als früher. Anmache und Belästigungen durch Chefs und Kollegen waren bisher meist als Kavaliersdelikte abgetan worden.

Erst als weibliche Angestellte der grünen Bundestagsfraktion 1983 publik machten, daß ihnen der Abgeordnete Klaus Hecker, damals 53, gegen ihren Willen an die Wäsche gegangen war, wurde der alltägliche Sexismus am Arbeitsplatz zum öffentlichen Gesprächsstoff. Das Tabu-Thema, bis dahin meist als »Liebe im Büro« süffisant verharmlost, deckte deutlich Merkmale einer Macho-Gesellschaft auf.

Das Infas-Institut fand im Auftrag der Grünen heraus, daß sich »jede vierte Frau am Arbeitsplatz belästigt« fühlt. 200 000 Frauen, so eine DGB-Studie aus dem vergangenen Jahr, haben wegen verklemmter Sex-Attacken von Vorgesetzten und Kollegen ihre Stelle verloren: Rund 140 000 haben »von sich aus gekündigt«, etwa 60 000 wurden gefeuert, »meistens Racheakte der Chefs«.

Gewerkschaften und Behörden initiierten »Mach mich nicht an«-Kampagnen und verteilten Aufklärungsbroschüren an potentielle Täter und Opfer - mit offensichtlich bescheidenem Erfolg. Vor allem die Verfolgung angezeigter Täter war bisher lasch und meist folgenlos. Zwar wurde mal, wie in Frankfurt, ein Beamter, der sich selbst als der »Platzhirsch im Referat« bezeichnete, vom Dienst suspendiert - doch die Regel war das nicht.

Oft haben es Frauen, wenn sie schon den Mut aufbringen, die würdelosen Übergriffe bekanntzumachen, schwer, ihre Vorwürfe zu beweisen: Die Attacken finden meist ohne Zeugen statt.

Auch Kerstin Ehlers fehlten beweiskräftige Zeugenaussagen, um ihre Vorwürfe gegen den Prokuristen belegen zu können. Er stritt alles ab und warf seinerseits der Bürokraft vor, sie habe ihre Arbeit schlampig erledigt und sich durch die »erfundenen Sachen« schützen wollen.

Richter Taeglichsbeck jedoch glaubte der jungen Frau, weil sie sich, unter Pein, mehrfach Freunden und Verwandten anvertraut hatte. Er wollte die Belästigungen auch nicht einfach als weniger schwer zu bestrafende »tätliche Beleidigung oder Ähnliches« durchgehen lassen. Er hielt den »Straftatbestand sexuelle Nötigung im Worte des Gesetzes« für erfüllt - nicht wegen der Schwere der sexuellen Übergriffe (Taeglichsbeck: »Da gibt es viel schlimmere Sachen"), sondern »wegen der Ausnutzung des Arbeitsverhältnisses«.

Auch dem Angeklagten, so der Richter, hätte klarsein müssen, daß sich die lange Zeit arbeitslose Frau »psychisch in einer sehr schweren Situation befand«. Kerstin Ehlers zögerte tatsächlich lange, bevor sie fristlos kündigte: »Ich dachte, dann ist alles vorbei.«

Mittlerweile hat sie einen neuen Job, über den Ausgang des Prozesses ist sie »sehr glücklich«, aber der Ärger geht weiter. Noch prozessiert sie, mittlerweile in zweiter Instanz, um vollständige Auszahlung ihres Restgehaltes, ihre Papiere hat sie immer noch nicht komplett bekommen, ein Zeugnis fehlt auch noch.

Außerdem lebt sie in »ständiger Angst«. Seit einiger Zeit klingelt abends das Telephon: »Stöhnanrufe, Sauereien und Drohungen, daß mir was passieren wird.«

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