"Indianerkostüm" in der Kita Lob der allgemeinen Verunsicherung

Cowboy und "Indianer" friedlich Seite an Seite. Eigentlich doch ganz schön. Oder?
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Cowboy und "Indianer" friedlich Seite an Seite. Eigentlich doch ganz schön. Oder?


In einer Hamburger Kita waren "Indianerkostüme" zum Fasching unerwünscht. Theodor Ziemßen ist verunsichert - und findet genau deswegen die passende Kostümidee für nächstes Jahr.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Ich fühle mich mies. Eben hat mich eine Frau komisch angeschaut. Hat sie auf meine Schirmmütze geguckt und dann genervt den Kopf geschüttelt? "Nice Cube", netter Würfel, steht auf dem Cap. Die Worte stammen aus der Comedy-Serie "The Mindy-Project". In einer Folge möchte der kleine Bruder der Hauptfigur Rapper werden. Sie findet das zu gefährlich für ihn und denkt sich besonders harmlos klingende Künstlernamen aus. Einer ist Nice Cube, in Anlehnung an die HipHop-Legende Ice Cube.

Ich habe mich so darüber gefreut, dass ich mir ein Cap habe drucken lassen.

Und jetzt schaut die Frau so komisch. Die schwarze Frau. Und während ich das tippe, bin ich mir nicht sicher, ob es okay ist, das so zu sagen, dass jemand schwarz ist. Den Kollegen bei der Arbeit oder den Freund meines Sohnes Benjamin und dessen Vater würde ich nie "schwarz" nennen. Okay, da kenne ich halt die Namen. Und wenn ich auf einen Passanten hinweisen will, sage ich ja auch schon mal "die mit dem grauen Dutt" oder "der mit der roten Nase". Eine Frisur oder eine rot angelaufene Nase mit der Hautfarbe eines Menschen zu vergleichen, einem Merkmal, mit dem man geboren wird und es sein Leben lang behält, ist natürlich total dämlich. Sie merken, das Thema verunsichert mich sehr.

Eine Schirmmütze kann eine Brücke sein

Die schwarze Frau sieht also die Schirmmütze an, guckt kritisch. Und als hätte sie einen Knopf gedrückt, rattert es bei mir los. Nice Cube - Ice Cube - HipHop - eine in den afroamerikanischen Ghettos erfundene und geprägte Kultur - Ice Cube war Mitglied von N.W.A., die mit "Straight Outta Compton" eines der ersten Gangsta-Rap-Alben herausbrachten, ein wütendes Zeugnis darüber, wie es ist, als junger Schwarzer in den USA zu leben. Ice Cube ist eine wichtige afroamerikanische Stimme. Und ich?

Ich stehe da, mit einem Cap, auf dem Nice Cube steht und habe plötzlich nicht die geringste Ahnung, ob das okay ist. Andererseits erinnere ich mich an ein paar schwarze Jugendliche, denen ich vor einiger Zeit in der Fußgängerzone begegnet bin. Sie haben das Cap gesehen und wir haben einander wissend angegrinst. Das war ein schöner Moment. Da war die Schirmmütze eine Brücke.

Auf die Schirmmützen-Situation komme ich, weil es vor einigen Tagen für riesiges Aufsehen sorgte, dass eine Kita in Hamburg bat, keine "Indianer"- und Scheichkostüme zum Fasching zu tragen.

Ich glaube, dass man jahrzehntelang in eine Gesellschaft eingeschliffene Selbstverständlichkeiten ändern kann, wenn man darüber redet, diskutiert, streitet. Im Fall "Indianerkostüm" vor allem mit den Kindern. Deshalb finde ich den Vorstoß der Kita und die absurd aufgeheizte Berichterstattung eigentlich ganz gut. Schließlich lesen Sie gerade diesen Text und überlegen, was Sie davon halten.

Krieger in Frauenkleidern

Leider interessiert Benjamin sich nicht so besonders für die Ureinwohner Amerikas. Sonst würde ich mich freuen, mir gemeinsam mit ihm ein Kostüm auszudenken, das einen Jäger, einen Medizinmann oder eine Sammlerin so darstellt, dass es den Menschen und ihrer Kultur gerecht wird und Benjamin trotzdem Spaß hätte.

Er könnte zum Beispiel als Osh-Tisch gehen, einer der größten Krieger der Crow. Sein Name bedeutet übersetzt "der sie findet und tötet". Das fände Benjamin ziemlich cool. Osh-Tisch wurde als Mann geboren, heiratete eine Frau, trug gern Frauenkleider und lebte seinen Alltag als Frau. Was in Deutschland heute noch viele Vorurteile hervorrufen würde, war damals ganz normal. Bevor die Siedler mit ihren Gewehren und ihrem stumpfen Verständnis von Religiosität so viel wertvolle Kultur zerstört haben, gab es fünf Geschlechter: weiblich, männlich, transgender, sowie Männer und Frauen, die über "zwei Geister" verfügen wie etwa Osh-Tisch.

Als würde man alle Europäer Franzosen nennen

Benjamin und ich finden gern Sachen heraus. Manchmal gucken wir auch nicht so genau oder er vertraut mir - und ich liege falsch. Etwa als ich ihm gesagt habe, dass man nicht Eskimo sagt, sondern Inuit. Ich hielt das für politisch korrekt. Bis ich gelernt habe, dass die Bezeichnung nicht besser ist als Eskimo. Weil es in der Arktis neben den Inuit auch noch die Volksgruppen Yupik, Inupiat, Inuvialuit und Alutiiq gibt. Da ist Iniut ein bisschen, als würde man alle Europäer Franzosen nennen.

Die Volksgruppen haben wir kurz gegoogelt, mussten dann aber was spielen. Deshalb bin ich mir nicht ganz sicher, ob das mit den Volksgruppen so ganz richtig ist. Aber schon ein bisschen richtiger, als einfach Iniut zu sagen, weil man es irgendwo gehört hat, oder?

Viele dieser Stämme akzeptieren deshalb jedenfalls weiterhin die Bezeichnung Eskimo, die sie vor langer Zeit von Ureinwohnern Nordamerikas erhalten haben. Auch Benjamin und ich sagen jetzt wieder Eskimo. Hauptsächlich, weil wir finden, dass er so flauschig klingt und man Flauschigkeit in Eis und Schnee ziemlich gut brauchen kann.

Kultur ist eine komplizierte Sache und das ist gut so. Kultur lässt sich nicht mit einem Namen und einem Klischee erfassen und nicht mit einem Verbot verändern. Also werden Therese und ich gemeinsam mit Benjamin und Willem weiter verunsichert sein, nachforschen, Antworten finden, Entscheidungen treffen, falsch liegen, unsere Fehler korrigieren und dabei manchmal neue machen.

Und wenn ich heute nach Hause komme, frage ich Benjamin, ob er Lust hat, nächstes Jahr als Osh-Tisch zum Fasching zu gehen.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Osh-Tisch sei ein Krieger der Lakota gewesen. Tatsächlich gehörte er den Crow an, einem Stamm, der mit den Lakota verfeindet war. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen und danken dem Leser, der uns darauf aufmerksam gemacht hat.


Liebe Leserinnen und Leser, wie stehen Sie zum "Indianerkostüm"? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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15 Leserkommentare
dasfred 10.03.2019
spon-facebook-10000230792 10.03.2019
jujo 10.03.2019
gluecklich_woanders 10.03.2019
masterbird 10.03.2019
diebuerger 10.03.2019
ruhepuls 10.03.2019
new#head 11.03.2019
Cugel 11.03.2019
hexenbesen.65 11.03.2019
Claudius32 11.03.2019
egonv 11.03.2019
g_bec 11.03.2019
rennflosse 13.03.2019
socarpenter 19.03.2019

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