Indien Yogaministerium plant größte Om-Session der Welt

Am Sonntag verrenkt sich die Welt: Auf indische Initiative begehen 192 Länder den ersten internationalen Yoga-Tag. In Neu-Delhi sollen bei einem Massen-Turnfest Rekorde fallen. Es wird seit Wochen geübt - und gestritten.
Menschen in Neu-Delhi: Vorbereitungen für den Welt-Yoga-Tag

Menschen in Neu-Delhi: Vorbereitungen für den Welt-Yoga-Tag

Foto: PRAKASH SINGH/ AFP

Arvind Kumar tut einiges für die eigene Karriere: Er sitzt im Schneidersitz und summt wie eine Hummel. Bhramari Pranayama nennt sich die Yogaübung, die der 47-Jährige absolviert. Um Kumar herum summen noch etwa hundert andere Menschen. Im Garten des Nationalen Yoga Instituts in der Ashoka-Straße in Neu-Delhi herrscht an diesem Morgen wie jeden Tag in den vergangenen drei Wochen Hochbetrieb. Obwohl es erst Viertel vor sieben ist - und schon 28 Grad warm.

Kumar nimmt das alles nicht ganz freiwillig auf sich. Doch dazu später mehr. Völlig durchgeschwitzt erhebt der 47-Jährige sich nach dem Frühsport von dem alten Teppich, der als Yogamatte dient. Sein Platz ist sofort weg: Die nächste Hundertschaft Yogis wartet schon, die nächste Klasse beginnt in wenigen Minuten.

Seit Ende Mai besuchen Zigtausende Inder jeden Morgen die überall im Land angebotenen Yogastunden. Sie üben für ein Event, das nach dem Willen der Regierung in Neu-Delhi am Sonntag Geschichte schreiben soll. Dann begehen Indien und fast alle anderen Staaten der Welt den ersten internationalen Yoga-Tag. Nur Jemen hat seine Teilnahme wegen des Krieges abgesagt. Weltweit werden Yogazentren, Schulen und Kulturinstitute zum Turnen und Meditieren einladen: Es gilt, Milliarden vom Nutzen der altindischen Lehre zu überzeugen.

Yoga-Posen zur Sommersonnenwende

Die Geburtsstunde des Yoga-Tags schlug am 27. September 2014, als Indiens Ministerpräsident Narendra Modi die Vollversammlung der Vereinten Nationen davon überzeugte, dass die yogische Praxis dabei helfen könne, "mit sich selbst eins zu werden" und "mit dem Klimawandel umzugehen". Mit überwältigender Mehrheit stimmten die Abgeordneten dafür, dass die Welt sich künftig pünktlich zur Sommersonnenwende in diverse Yoga-Posen wirft.

Für den ersten Yoga-Tag hat sich Indien etwas Besonderes ausgedacht: 35.000 Beamte, Schüler, Soldaten und Zivilisten sollen mitten im Herzen Delhis eine 35-minütige Yoga-Routine vorführen und es als größte Yoga-Session ins Guinnessbuch der Rekorde schaffen. Modi selbst soll der Veranstaltung vorstehen. Dass der angebliche Yoga-Fanatiker - Modi soll jeden Tag mit ein paar Übungen beginnen - aber nicht selbst mitturnen wird, hat bei seinen Gegnern für Häme gesorgt: Modi mache immer nur die Atemübungen und sei ansonsten total ungelenkig, wurde kolportiert.

Fest steht, dass nicht jeder Yogi am Sonntag freiwillig auf seiner Matte stehen wird. "Als ob Indien nichts anderes zu bieten hätte", mosert zum Beispiel Kumar, der eine leitende Position in einem Ministerium in Delhi innehat. Die indische Küche und Musik, die Null, die hier erfunden worden sein soll, und nicht zuletzt Kamasutra - "das sind doch alles Kulturexporte, auf die man stolz sein kann", sagt Kumar.

Subtiler Druck

Kumar ärgert, dass er quasi dazu gezwungen wird, Yoga zu betreiben und am Event zum Yoga-Tag teilzunehmen. Der Druck sei subtil, aber deutlich gewesen, sagt er. Im Ministerium seien Memos herumgegangen, in denen gemahnt wurde, dass Beamte, die am Sonntag die Übungen nicht absolvieren könnten, den Rekordversuch gefährdeten. Tatsächlich werden an diesem Morgen im Garten des Yoga-Instituts Anwesenheitslisten geführt. "Wenn ich nicht mitmachen würde, würde das meiner Karriere schaden" sagt Kumar.

Kumar ist nicht der Einzige, der sich gegen die Yoga-Euphorie auflehnt, die Indien ergriffen hat. Die politische Opposition beschwert sich, dass Modi Yoga als Marketinginstrument für sich vereinnahme - dabei sei die Lehre doch universell. Indische Fernseh- und Radiosender bemängeln, dass sie von der Regierung genötigt worden seien, mitten in den Werbeblöcken Yoga-Propaganda zu zeigen. Die Sender hätten Werbeeinbußen von umgerechnet elf Millionen Euro erlitten, meldete der Branchendienst Cablequest.

Auch die religiösen Minderheiten in Indien laufen gegen die von Modi verordnete Yoga-Seligkeit Sturm: Indische Christen beschweren sich, dass der Yoga-Tag auf einen Sonntag fällt - den Tag des Herrn, an dem man doch ruhen solle. Muslimische Verbände beschweren sich, dass Modi Yoga in den Schulen einführen will und Muslime so genötigt würden, mit der Silbe "Om" und dem Sonnengruß hinduistische Rituale zu absolvieren. Das sei gegen ihre Religion.

Ein Mitglied des Parlaments und von Modis Partei BJP fand vergangene Woche wenig einfühlsame Worte, den Kritikern zu begegnen. Wem der Sonnengruß nicht passe, der "könne ja im Meer ertrinken", sagte Yogi Adityanath.

Das im vergangenen Jahr geschaffene Yogaministerium in Delhi hat inzwischen allerdings eingelenkt: Um die Kritiker zu besänftigen, kommt die Übungsfolge für Sonntag ohne den Sonnengruß und das "Om" aus - stattdessen gibt es das Hummelsummen.

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