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12. Juni 2019, 20:53 Uhr

Hitzewelle in Indien

48 Grad, Tendenz steigend

Von , Bangalore

In Delhi wurde es am Montag so heiß, dass mancherorts der Asphalt schmolz. Indien leidet aktuell unter extremer Hitze und Dürre. Die Vorboten des Klimawandels treffen das Land schlecht vorbereitet.

42 Grad seien unangenehm, sagt Rajeev Kumar, aber auszuhalten. 48 Grad - das sei unmenschlich. Das Schlimmste sei, wenn der Wind einem ins Gesicht bläst. Dann brenne die Luft auf der Haut. Nach 12 Uhr mittags gehe man am besten nicht mehr vor die Tür. "Es ist einfach zu heiß."

Dabei hat Kumar vergleichsweise wenig Grund zu klagen, wie er sagt. Sein Vater betreibt einen Teeladen im indischen Delhi und manchmal verkauft der 31-Jährige mit ihm dort Chai. Der Laden hat ein Dach aus Beton, das die beiden vor der brennenden Sonne schützt. An der Decke dreht sich ein Ventilator und auf dem Tisch ebenso. Damit haben die Kumars die Möglichkeit, die derzeit viele Menschen in dem Land nicht haben: eine Chance, dem Schlimmsten zu entgehen.

Es ist heiß in Indien; gefährlich heiß. Am Montag stiegen die Temperaturen in der Hauptstadt Neu-Delhi auf ein Allzeithoch von 48 Grad. Mancherorts schmolz der Asphalt. Am Rande der Wüste in Rajasthan wurden sogar fast 51 Grad gemessen.

Polizeischutz für Wassertanks

Hitzewellen sind in Indien oder auch in Pakistan zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Aber Temperaturen an die 50 Grad gelten auch hier als extrem. Die Hitze fällt in diesem Jahr zudem mit einer monatelangen Dürre zusammen. Rund 40 Prozent des Landes, 500 Millionen Menschen, erleben laut indischem Frühwarndienst für Dürren derzeit ungewöhnliche Trockenheit. Hinzu kommen die Folgen jahrelanger intensiver Landwirtschaft, die das Grundwasser ausgezehrt hat. Brunnen und Seen sind vielerorts ausgetrocknet. Wo früher Seen glitzerten, birst derzeit trockene Erde. Trinkwasser ist zu einem kostbaren Gut geworden. Weswegen örtliche Beamte Wassertanks in Dörfer schicken; manchmal samt Polizeischutz zur Bewachung: Im Bundesstaat Jharkhand sollen laut Zeitungsberichten sechs Menschen verletzt worden sein, als es bei der Wasserausgabe zu Tumulten kam und ein Mann ein Messer zog.

All das könnte für Indien ein Vorgeschmack darauf sein, was kommt. Laut Klimaforschern drohen sich solche Zustände - große Hitze und lange Dürre - auf dem Subkontinent in Zukunft zu häufen. Die Folgen des Klimawandels träfen damit ein Land, das wenig vorbereitet ist auf die Veränderung. Und dessen Bewohner bislang wenig Schuld daran tragen. Indien ist zwar mittlerweile der drittgrößte Klimasünder, sein Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen liegt aber nach wie vor weit unter dem weltweiten Durchschnitt.

Lebensgefährliche Arbeit im Freien

Nur eine kleine Elite der 1,3 Milliarden Inder besitzt zum Beispiel eine Klimaanlage; nur eine Minderheit einen Kühlschrank. Viele Inder verdienen ihren Lebensunterhalt im Freien. Sie bauen Straßen, schleppen Schutt, fahren Rikschas oder arbeiten in der Landwirtschaft. Für sie ist die Hitze mörderisch, im wahrsten Sinne des Wortes: Körperliche Schwerstarbeit unter diesen Umständen und ohne Schutz ist lebensgefährlich. Aber wer nicht zur Arbeit erscheint, wird nicht bezahlt. Viele klagen in diesen Wochen über Schwindel, Hautausschläge, Übelkeit. Mehr als tausend Inder sollen bislang an den Folgen der Hitzewelle gestorben sein. Aber das ist nur eine Schätzung. 2015 waren es angeblich um die 2500. Was klar ist: Die Schwächsten leiden - wie so oft - am meisten.

Ein Teil des Problems ist zudem selbstgemacht. Indiens Metropolen wachsen in rasanter Geschwindigkeit. Bäume weichen Straßen und Apartmentanlagen. Seen und Grünflächen verschwinden unter Beton, wodurch sich die Städte weiter aufheizen. An Orten wie Kalkutta oder Mumbai, die am Wasser liegen und wo sich hohe Temperaturen mit Feuchtigkeit mischen, ist der Aufenthalt im Freien noch unangenehmer, weil der Körper die Hitze nicht mehr abgeben kann. Mehrere Studien kommen zu dem Schluss, dass - sollte es heißer und feuchter werden - Teile Südasiens bis zum Ende des Jahrhunderts unbewohnbar werden könnten, weil der menschliche Körper unter solchen Bedingungen binnen Stunden überhitzt.

Sehnsucht nach dem Monsun

"All die Klimaanlagen, die die Hitze in die Stadt blasen. All die Autos, und kaum Grünflächen. Es liegt doch auf der Hand, dass es immer wärmer werden muss", sagt Kumar. Aber wenn er mit Leuten auf der Straße spricht, dann sagen die: Es war doch schon immer heiß. Er hat über schmelzende Gletscher gelesen und darüber, wie der Klimawandel fast alle Länder der Erde bedroht. Aber er hat das Gefühl, er sei einer der wenigen, die sich darüber Gedanken machen. "Wir müssen doch an die Zukunft denken."

Er und der Rest des Landes warten nun sehnsüchtig auf den Monsun, der 80 Prozent des jährlichen Regenfalls mit sich bringt und Abkühlung verspricht. Am Wochenende hat der Monsun - mit einer Woche Verspätung - die Südspitze des Landes erreicht. Aber es werden weitere Wochen vergehen, bevor die Regenwolken auch den Norden des Landes und damit Kumar in Delhi erreichen.

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