SPIEGEL ONLINE

Indischer Guru Sri Sri Ravi Shankar Röcheln für den Weltfrieden

Stress ist der Grund für Kriege und Gewalt, sagt Sri Sri Ravi Shankar. Mit Atemübungen und Kalender-Sprüchen will der indische Guru Frieden auf der Welt schaffen. Die Masche hat Erfolg, auch viele deutsche Anhänger zahlen gerne für die oft recht simplen Heilsbotschaften.

Bangalore/Berlin - In der Heimat der Weltfriedensformel duftet es nach Jasmin. Kleine Glöckchen klimpern im Wind, Elefanten mit bunt bemalten Rüsseln trotten umher. Alle Menschen sind freundlich. Alle Menschen lächeln. Es ist das Ashram von Sri Sri Ravi Shankar, einem der bekanntesten und erfolgreichsten Gurus Indiens. Hier, etwas außerhalb der Metropole Bangalore, liegt das größte Zentrum der von Shankar gegründeten Stiftung "Art of Living". Ziel des spirituellen Führers ist nicht weniger als eine gewaltfreie Welt.

Zwischen Kronleuchtern, schweren Teppichen und dunklen Holzmöbeln gewährt Shankar eine Audienz. "Es gibt so viel zu tun auf der Welt", sagt der Guru, in weiße Tücher gehüllt, das lange schwarze Haar trägt er offen. Der Stress sei die Quelle allen Übels. Ohne Stress gebe es keine Gewalt, keine Kriege, kein Unheil.

Er selbst sei nie gestresst. Seit Jahrzehnten nicht. Nichts könne ihn stören, sagt er mit heller Stimme und Dauerlächeln. Fragen, die er nicht beantworten mag, lächelt er weg. Neben dem Altar liegt ein blinkendes Blackberry, Shankars Presse-Entourage, ausgerüstet mit Macs und Smartphones, schwirrt umher. Und wie wird man all den Stress los?

Durch richtiges Atmen.

Mit seinem Konzept aus Atemtechniken und simplen Lebensweisheiten hat der 55-Jährige in den vergangenen 30 Jahren Millionen Fans rund um den Globus gewonnen, "Art-of-Living" ist bei der Uno akkreditiert und gemessen an den freiwilligen Helfern eine der größten Nichtregierungsorganisationen der Welt.

Shankar reist um den Globus, trifft Gefängnisinsassen oder sitzt im Europäischen Parlament auf dem Podium. In wenigen Wochen wird er vor Regierungschefs und Managern auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sprechen. Was er dort sagen wird, weiß er noch nicht. Vorbereitung brauche er nicht, die Worte kämen ihm einfach in den Sinn, beteuert er.

Fotostrecke

Indische Traumfabrik: Das Karma des Gurus

Foto: Cirstin Ehlers/ Art of Living

Shankar legt sich nicht gerne fest. Jedes System, ob Kommunismus oder Kapitalismus, habe seine guten Seiten. Manchmal solle man seinem Herzen folgen, manchmal seinem Kopf. Je nachdem.

Die Wohlfühl-Rhetorik kommt an: Rund 800 Menschen sind am Abend zum Satsang, einer täglichen 90-minütigen Zusammenkunft mit ihrem Guru, in den Marmortempel auf der Anlage gekommen. Und wer es nicht persönlich schafft, kann Shankars abendliche Treffen via Livestream im Internet verfolgen.

"Lass los, ärgere dich nicht"

Im Satsang wird gesungen, gebetet und natürlich viel geatmet. Der Guru antwortet auf Fragen des Lebens: "Es macht nichts, wenn jemand euch nicht mag", "Lass los, ärgere dich nicht", "Seid natürlich". Sogar einer Frau, die Angst um ihren Job hat, kann er schnell helfen: "Keine Sorge, du kannst hier arbeiten. Okay? Gut."

Auch in Deutschland ist die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen für komplexe Probleme offenbar riesig. Im Juli 2011 füllte Shankar das Berliner Olympiastadion, die deutsche Dependance "Die Kunst des Lebens" macht mit Seminaren über eine Million Euro Umsatz im Jahr. In Bad Antogast im Schwarzwald befindet sich das europäische Zentrum der Bewegung. Doch inneren Frieden und Weltfrieden gibt es nicht umsonst: Rund 710 Euro plus Unterkunft, Verpflegung inbegriffen, kostete im Dezember ein einwöchiger Kurs mit Sri Sri ("Seiner Heiligkeit").

Wer es lieber großstädtisch mag, konnte mit Shankar in Berlin das neue Jahr beginnen. Über 300 Teilnehmer sind in der ersten Januarwoche ins Vier-Sterne-Maritim-Hotel zwischen Kurfürstendamm und Brandenburger Tor gekommen - angeboten wurden unter anderem ein sechstägiger Schweigekurs "Die Kunst der Stille" (640 Euro zuzüglich Unterkunft) oder ein dreitägiger Atemkurs zu 400 Euro.

Eine solch luxuriöse Umgebung würden sich die deutschen Teilnehmer wünschen, sagt der Pressesprecher. Shankar bewohnt in dem Hotel eine Suite. Da er sehr empfindlich sei, sei sie mit weißen Bettlaken ausgelegt. Aber eigentlich bräuchten der Guru und seine Leute diese Annehmlichkeiten gar nicht.

Unterricht in der Kunst des Atmens

Für 20 Minuten kommt Seine Heiligkeit an diesem Abend in den Konferenzraum, wo die Kunst des Atmens unterrichtet wird. Die Teilnehmer in der Hauptstadt empfangen ihn mit Applaus. "Karma kann überwunden werden", sagt Shankar. "Wie?", fragt jemand aus dem Publikum. "Mit den Übungen."

"Das ist schon ein Feeling, wenn Sri Sri selbst da ist", sagt Dagmar aus der Nähe von Dortmund. Seitdem sie Teil der Bewegung sei, brauche sie nicht mehr so viel Schlaf und gehe glücklicher durchs Leben, sagt die 48-Jährige.

In Berlin-Mitte suchen die Menschen offenbar vor allem nach innerem Frieden. "Ich mache das hier für mich, nicht für den Weltfrieden", sagt der Franzose Philippe. Anderen genügt die Atmosphäre im Kurs: "Es ist eine ideale Welt hier", sagt Musikproduzent Sebastian.

Einigen ist der Hype um den Friedensguru jedoch zu viel: "Art of Living" sei "unglaublich kommerziell", sagt ein Deutscher, der im indischen Zentrum der Organisation zu Gast ist. Er habe schon in mehreren Ashrams gewohnt, aber hier seien die Menschen nur laufende Banken für den Guru. Der Aussteiger will bald wieder abreisen. Alles sei zu teuer und er unzufrieden. Da hilft wohl auch kein Atmen mehr.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.