Erdbeben in Indonesien "Hier herrscht Chaos"

Verschmutztes Wasser, Stromausfälle, ganze Regionen von der Außenwelt abgeschnitten: In Indonesien kämpfen Helfer mit den Folgen von Erdbeben und Tsunami - manche sind selbst betroffen.

DPA

Die Menschen auf Sulawesi kommen nicht zur Ruhe. "Bis jetzt gibt es immer noch Nachbeben, die Leute haben Angst", sagt Sabtarina Dwi Febriyanti in einem Telefonat mit dem SPIEGEL. Die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation World Vision war in Palu, als die Stadt erst von Erdbeben und dann von Flutwellen getroffen wurde. Wegen der Nachbeben blieben viele Menschen lieber draußen und gingen nicht in ihre Häuser zurück, sagt Dwi Febriyanti. "Hier herrscht Chaos", fasst sie die Situation zusammen.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen benötigen insgesamt 191.000 Menschen in Indonesien Nothilfe. Unter den Betroffenen seien 46.000 Kinder und 14.000 ältere Menschen. Viele der Betroffenen lebten demnach weit entfernt von den urbanen Zentren, auf die sich die Hilfe der Regierung meist konzentriere. "Viele Regionen sind wegen Erdrutschen und Überschwemmungen von der Außenwelt abgeschnitten", sagt Wolfgang Tyderle, Nothilfekoordinator bei der Organisation Care.

Auch die Küstenstadt Palu sei immer noch schwer zu erreichen, berichtet Dwi Febriyanti. Große Teile der Infrastruktur wurden beschädigt, Straßen und Teile des Flughafens sind zerstört. Der Airport ist zwar mittlerweile wieder geöffnet, dennoch können viele Maschinen noch nicht landen.

Deshalb gebe es Versorgungsengpässe, sagt die World-Vision-Mitarbeiterin: "Was wir am dringendsten brauchen ist Elektrizität, Essen und sauberes Wasser." Auch an Unterkünften fehle es. Hinzu komme, dass es seit zwei Tagen regne.

Einsatzkräfte, die nach Verschütteten suchen, klagen über mangelnde Ausrüstung. Der Leiter der staatlichen Suchtrupps in der Stadt Palu, Nugroho Budi Wiryanto, sagt: "Es gibt kaum schweres Gerät und praktisch keinen Treibstoff. Das macht uns die Rettung von Opfern sehr schwer." Helfer graben mit den Händen nach Verschütteten, berichten Hilfsorganisationen.

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Große Teile der Stadt liegen in Trümmern, sagt Dwi Febriyanti. "Es ist so hart, das zu sehen." World Vision ist Betroffener und Helfer zugleich. Ihr Büro wurde zerstört, eine Mitarbeiterin wird noch vermisst. Ungefähr 200 Menschen leben laut Dwi Febriyanti aktuell in dem von der Organisation aufgebauten Zeltlager. Darunter seien Mitarbeiter, aber auch nach der Katastrophe obdachlose Familien. Um die rund 40 Kinder kümmerten sich die Helfer besonders. "Wir singen zusammen, machen Aktivitäten mit ihnen, damit sie das Erlebte vergessen können", sagt Dwi Febriyanti. Außerdem versorge die Organisation Betroffene mit Hilfsgütern.

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Dwi Febriyanti lebt seit neun Jahren in Palu. Fast täglich bebe hier die Erde, sagt sie. Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Doch noch nie hatte sie ein Erdbeben von vergleichbarem Ausmaß erlebt. Sie sei mit ihren Kollegen im nun zerstörten Büro gewesen: "Wir hatten Angst, wir weinten, wir haben versucht, nach draußen zu rennen", beschreibt sie den Moment der Katastrophe. "Manche fielen, andere versuchten, ihnen zu helfen. Es war ein totales Chaos." Draußen angekommen, hätten sie dann nur noch gebetet.

Mittlerweile hat Indonesien um internationale Hilfe gebeten. Der offiziellen Zwischenbilanz zufolge kamen auf Sulawesi, der viertgrößten Insel des Landes, mindestens 844 Menschen ums Leben. Dabei handelt es sich nach Angaben des Katastrophenschutzes allerdings nur um Todesopfer, die bereits identifiziert wurden. Bei vielen Toten stehe das noch aus.

Außerdem wird befürchtet, dass in entlegeneren Gebieten viele Opfer noch nicht einmal entdeckt sind. Die Regierung geht davon aus, dass die Zahl letztlich in die Tausende geht.

bbr/dpa/AFP

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