Warum uns Instagram so schlecht zu kennen scheint

Zimmerpflanzen – ja, okay. Poker? Niemals!

Dieser Beitrag wurde am 07.06.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Meinen Tag beginne ich am liebsten mit einer Zeitschrift, gerne über Fotografie. Dann ziehe ich mir meine Gothic-Kluft an und gieße behutsam meine Kakteengewächse, während ich das Album "Nude" von VAST höre. Abends treffe ich meine Freunde für eine schöne Runde Poker – auch wenn ich mich weniger fürs Gewinnen interessiere als für die schönen Spielkarten. Zum Tagesabschluss schaue ich mir noch den Sonnenuntergang an. Warm genug ist es dafür – schließlich lebe ich in Griechenland.

Man muss mich nicht besonders gut kennen, um zu wissen, dass diese Beschreibung nicht im Geringsten auf mich zutrifft. Doch wenn man Instagram fragt, sollten meine Tage in etwa so aussehen – denn die App definiert all diese Dinge als meine "Interessen". 

Instagram ist ein Ort, an dem man Fotos, Videos und Storys von Freunden und Fremden anschauen kann. Instagram ist aber auch eine Werbeplattform. Und damit die Werbung möglichst gut wirkt, wird sie personalisiert. 

Zu diesem Zweck erstellt die App ein Interessen-Profil von Nutzerinnen und Nutzern. Das enthält Themengebiete, Personen, Orte oder Stichworte, zu denen einer Person Werbung angezeigt werden könnte. 

Als Nutzer kann man sich ansehen, welche Interessen Instagram dort für das eigene Profil hinterlegt hat.

Genau das tun gerade viele Nutzerinnen – und wundern sich in Tweets und Insta-Storys über das, was dort steht.

Angestoßen hat das Ganze der US-amerikanische Journalist Eric Ginsburg – "teilt die lächerlichsten Ergebnisse", forderte er seine Followerinnen und Follower auf. Tausende antworteten ihm.

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Ginsberg erklärt in seinem Tweet auch, wo man die – recht gut versteckte – Liste findet. In der deutschsprachigen App findet man sie bei den Einstellungen unter Sicherheit > Datenzugriff > Werbeanzeigen: Interessen für Werbung. 

Angefixt von den lustig-absurden Antworten auf seinen Tweet schaue ich mir meine eigene Liste an. Und entdecke dabei gleichermaßen Überraschendes wie Erwartbares.

Einige der Punkte sind so allgemein, dass man damit schwer falsch liegen kann. "Candid Photography", also nicht gestellte Fotoaufnahmen zum Beispiel, "Museum", "Galerie" oder "Bildende Künste". Und wer mag keine "Rucksackreisen"?

Anderes hängt klar mit Accounts zusammen, denen ich folge: In "Pflanzen" spiegelt sich wohl meine Faszination für völlig zugewucherte Wohnzimmer wider – von mir aus auch in "Kakteenpflanzen", obwohl ich eher so der Monstera-Typ bin. Auch beim Browsen von "Webcomics" kann man mich zuweilen erwischen. 

Aber der Rest? Wann habe ich mich je für Basketball interessiert, wo ich doch Sport im Allgemeinen und Ballspiele im Speziellen abgrundtief verabscheue? Warum tauchen in der Liste dreimal Kartenspiele auf, obwohl man mich niemals auch nur zu einer Partie Mau-Mau überreden könnte?

Ich versuche, zu verstehen, wie Instagram zu diesem Interessen-Profil kommt.

Laut FAQ orientiert sich die App an abonnierten Accounts, verteilten Likes auf Instagram – aber auch auf Facebook: Instagram gehört seit 2012 zu Facebook, inzwischen können Informationen aus beiden Netzwerken übergreifend für personalisierte Werbung genutzt werden. Deshalb erscheinen auf der Interessen-Liste potenziell auch Informationen und Interessen aus meinem Facebook-Profil, sowie von anderen Websites, bei denen ich mich mit Facebook eingeloggt habe – also beispielsweise auch Airbnb oder Spotify. 

Mit diesem Wissen im Hinterkopf macht manches aus der Liste leidlich mehr Sinn. Die "Freilichtmalerei" rührt vielleicht von einem Bekannten, der seine Liebe zur Malerei entdeckt hat und gern unter freiem Himmel malt. An "Basketball" ist vielleicht ein Freund schuld, der im Verein spielt und oft Fotos von Turnieren postet. Ins "Zoofachgeschäft" hat mich wohl die Freundin gebracht, die mich ständig unter süßen Tiervideos verlinkt. Und in "Griechenland" habe ich immerhin vor zwei Jahren ein Airbnb gebucht (auch wenn das, entgegen aller Erwartungen im Instagram-Werbeteam, nicht dazu geführt hat, dass ich mich für den griechischen Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis erwärmt habe).

Etwas unheimlich ist das alles natürlich schon. 

Es zeigt, wie viel die vermeintlich harmlose Foto-App über mein Leben weiß. Und das, obwohl gerade der Mutterkonzern Facebook dafür bekannt ist, Nutzerdaten nicht ausreichend zu schützen und für den maximalen Profit zu verwerten (Cambridge Analytica, anyone...?). So berichten immer wieder Menschen, dass Facebook ihre Daten mit Dritt-Websites geteilt hat, denen sie dafür niemals ihr Einverständnis gegeben haben. (Buzzfeed US )

Allerdings: Wer mir die Kartenspiele eingebrockt hat, bleibt mir am Ende ebenso schleierhaft wie "Bollywood" oder "Gothic Fashion" – und das finde ich ein bisschen beruhigend.

Facebook, Instagram und Co. haben jede Menge Daten von mir – aber bisher haben sie es nicht geschafft, mich zu durchschauen.

Übrigens: Wenn du mehr darüber wissen willst, welche deiner Daten Facebook zu Werbezwecken verwendet, kannst du das in den Einstellungen unter "Deine Werbepräferenzen"  einsehen. Hier kannst du auch einstellen, dass du keine Werbung mehr auf Basis von Facebook-Daten auf anderen Websites siehst.

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