SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. März 2011, 07:26 Uhr

Interview mit Angstforscher

"Auf Überlebensmodus geschaltet"

Erdbeben, Tsunami, drohender Fallout: Wie bewältigen die Menschen in Japan die unvorstellbare Dreifach-Katastrophe? Mit Hilfe ihres Gemeinschaftssinns und ihrer Besonnenheit, sagt Angstforscher Bandelow: "Wir sind dafür gebaut, Überlebenskünstler zu sein."

SPIEGEL ONLINE: Erst das Erdbeben, dann der Tsunami, nun die nukleare Katastrophe: Was Japaner in der Krisenregion erleben ist auch für die Psyche ein GAU. Was geschieht derzeit mit den Betroffenen?

Borwin Bandelow: Es gibt im Gehirn vereinfacht gesprochen zwei verschiedene Angstsysteme. Das eine ist primitiv, hat sozusagen keinen Hochschulabschluss, und reagiert unmittelbar auf Bedrohung: eine Schlange, ein langes Messer, einen Abgrund. Dieses System ist derzeit bei den Betroffenen aktiv.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Leute sind vorrangig damit beschäftigt, Wasser und Nahrungsmittel aufzutreiben und sich in halbwegs sichere Gebiete zu retten.

Bandelow: Genau. Im Notfall schaltet der Mensch auf Survival-Modus. Das Gehirn wird auf eine niedrigere Stufe zurückgeschaltet, bestimmte Strukturen sind jetzt aktiver als andere. Diese Funktion schützt vor psychischen Schäden, denn wenn die primären Bedürfnisse befriedigt werden, fühlt man sich zumindest vorübergehend gut. Wir sind dafür gebaut, Überlebenskünstler zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Demnach rückt der Gedanke an den drohenden Fallout zunächst in den Hintergrund?

Bandelow: Ja, das primitive Angstsystem lässt sich von der Atomkatastrophe nicht beeindrucken. Es ist das zweite, intellektuelle System, das alles gespeichert hat, was wir über Radioaktivität und Strahlenschäden gelernt haben. Während das erste Panikattacken und Angst hervorruft, produziert das analytische eher Sorgen, die aber ebenso quälend sein können. So fürchten laut einer Infratest-dimap-Umfrage 70 Prozent der Deutschen eine vergleichbare Reaktorkatastrophe in Deutschland. Aber deshalb bekommen sie keine Panikattacken, das ist der Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Welche Überlebensstrategien gibt es im Survival-Modus?

Bandelow: Im schlimmsten Fall ist es so, dass wenn zehn Menschen zusammen sitzen und nur einer Nahrung hat, ein offener Kampf darum ausbricht. Die Moral setzt aus. In Japan ist das nicht so, man geht bisher sehr rücksichtsvoll miteinander um. In Haiti haben sich nach dem verheerenden Beben 2010 ganz andere Szenen abgespielt. Dort wurde in großem Stil geplündert, es kam zu Gewalttaten - natürlich auch, weil es ein viel ärmeres Land ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man sich im Katastrophenfall verhalten?

Bandelow: Tatsächlich können Menschen mit Naturkatastrophen in der Regel ganz gut umgehen. Dadurch, dass sich spontan eine Gemeinschaft bildet, in der jeder jedem hilft, kommen sie mit der Situation erfahrungsgemäß besser klar als mit individuellen Schicksalsschlägen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst bei einer so verstörenden Aneinanderreihung von Katastrophen wie in Japan?

Bandelow: Das ist ein apokalyptisches Ausmaß, wie es sich selbst der Regisseur eines Katastrophenfilms nicht ausdenken könnte. Dennoch hilft der Zusammenhalt ungemein, das ist wie im Krieg. Bei dem Erdbeben von Sichuan im Jahr 2008 kamen knapp 70.000 Menschen ums Leben. In Chengdu hat man ein Zentrum zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen aufgebaut, dessen Therapieangebote erstaunlicherweise kaum genutzt wurden. Die chinesischen Psychiater haben in der Analyse festgestellt, dass es tatsächlich das Gemeinschaftsgefühl war, das die Menschen vor Traumatisierung geschützt hat.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch muss man in Japan mit einer großen Zahl schwer traumatisierter Menschen rechnen.

Bandelow: Sicher, es wird Fälle von posttraumatischer Belastungsstörung geben, aber nicht so viele, wie man erwarten sollte. Statistisch gesehen erkranken 15 Prozent der Schwerbetroffenen daran. Die haben dann oft hartnäckige Beschwerden, denen bisweilen auch mit Verhaltenstherapie oder Medikamenten nicht beizukommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Resilienz - stimmt es, dass bestimmte Menschen mit Extremsituationen schlichtweg besser umgehen können als andere?

Bandelow: Das ist tatsächlich so. Manche Leute meistern auch schlimmste Schicksalsschläge, während andere bei geringeren Herausforderungen psychische Schäden davontragen. Wir wissen heute: Das Ausmaß einer posttraumatischen Belastungsstörung wird viel mehr von der Resilienz bestimmt als vom Trauma selbst.

SPIEGEL ONLINE: Die Japaner zeigen große Disziplin, scheinen ihre Emotionen auch inmitten der Katastrophe stark zurückzunehmen. Ist es aus medizinischer Sicht schädlich, um jeden Preis Haltung bewahren zu wollen?

Bandelow: Ich war oft in Japan und habe das Gefühl, dass man im Westen glaubt, die Menschen dort denken und fühlen anders, nur weil sie ihr Gesicht nicht bewegen. In Wahrheit haben sie hinter ihrer Fassade mit genau denselben Emotionen zu kämpfen wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten in einer vergleichbaren Situation.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es besser, sie würden ihren Schmerz äußern?

Bandelow: Nein, das geht ja nicht auf Befehl. Der kulturelle Kontext bleibt, auch in der Krise.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen die Menschen langfristig psychotherapeutischen Beistand?

Bandelow: Es ist ein großer Irrtum zu glauben, jetzt müssten alle ganz schnell therapiert werden. Die Wissenschaft hält das inzwischen für kontraproduktiv. Es gibt Untersuchungen zum Zugunglück in Eschede im Jahr 1998, wo 101 Menschen ums Leben kamen. Damals wurden mehr als 600 Helfer psychologisch betreut. Später stellte sich heraus, dass die Therapierten häufiger ein Belastungssyndrom entwickelten als jene, die nicht in ärztlicher Behandlung waren. Es gibt mehrere Untersuchungen, die das belegen.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?

Bandelow: Der Mensch hat einen Abwehrmechanismus eingebaut. Traumata werden in der Regel erst mal verdrängt. Wenn dann einer kommt und sofort darüber reden will, wird dieser natürliche Prozess unterbrochen. Man sollte der Natur freien Lauf lassen und nur dann Gespräche führen, wenn es gewollt ist.

Das Interview führte Annette Langer

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung