Interview mit Angstforscher "Auf Überlebensmodus geschaltet"

Erdbeben, Tsunami, drohender Fallout: Wie bewältigen die Menschen in Japan die unvorstellbare Dreifach-Katastrophe? Mit Hilfe ihres Gemeinschaftssinns und ihrer Besonnenheit, sagt Angstforscher Bandelow: "Wir sind dafür gebaut, Überlebenskünstler zu sein."

Einwohner der Provinz Fukushima müssen sich einem Strahlentest unterziehen
DPA/ Kyodo/ Maxppp

Einwohner der Provinz Fukushima müssen sich einem Strahlentest unterziehen


SPIEGEL ONLINE: Erst das Erdbeben, dann der Tsunami, nun die nukleare Katastrophe: Was Japaner in der Krisenregion erleben ist auch für die Psyche ein GAU. Was geschieht derzeit mit den Betroffenen?

Borwin Bandelow: Es gibt im Gehirn vereinfacht gesprochen zwei verschiedene Angstsysteme. Das eine ist primitiv, hat sozusagen keinen Hochschulabschluss, und reagiert unmittelbar auf Bedrohung: eine Schlange, ein langes Messer, einen Abgrund. Dieses System ist derzeit bei den Betroffenen aktiv.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Leute sind vorrangig damit beschäftigt, Wasser und Nahrungsmittel aufzutreiben und sich in halbwegs sichere Gebiete zu retten.

Bandelow: Genau. Im Notfall schaltet der Mensch auf Survival-Modus. Das Gehirn wird auf eine niedrigere Stufe zurückgeschaltet, bestimmte Strukturen sind jetzt aktiver als andere. Diese Funktion schützt vor psychischen Schäden, denn wenn die primären Bedürfnisse befriedigt werden, fühlt man sich zumindest vorübergehend gut. Wir sind dafür gebaut, Überlebenskünstler zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Demnach rückt der Gedanke an den drohenden Fallout zunächst in den Hintergrund?

Bandelow: Ja, das primitive Angstsystem lässt sich von der Atomkatastrophe nicht beeindrucken. Es ist das zweite, intellektuelle System, das alles gespeichert hat, was wir über Radioaktivität und Strahlenschäden gelernt haben. Während das erste Panikattacken und Angst hervorruft, produziert das analytische eher Sorgen, die aber ebenso quälend sein können. So fürchten laut einer Infratest-dimap-Umfrage 70 Prozent der Deutschen eine vergleichbare Reaktorkatastrophe in Deutschland. Aber deshalb bekommen sie keine Panikattacken, das ist der Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Welche Überlebensstrategien gibt es im Survival-Modus?

Bandelow: Im schlimmsten Fall ist es so, dass wenn zehn Menschen zusammen sitzen und nur einer Nahrung hat, ein offener Kampf darum ausbricht. Die Moral setzt aus. In Japan ist das nicht so, man geht bisher sehr rücksichtsvoll miteinander um. In Haiti haben sich nach dem verheerenden Beben 2010 ganz andere Szenen abgespielt. Dort wurde in großem Stil geplündert, es kam zu Gewalttaten - natürlich auch, weil es ein viel ärmeres Land ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man sich im Katastrophenfall verhalten?

Bandelow: Tatsächlich können Menschen mit Naturkatastrophen in der Regel ganz gut umgehen. Dadurch, dass sich spontan eine Gemeinschaft bildet, in der jeder jedem hilft, kommen sie mit der Situation erfahrungsgemäß besser klar als mit individuellen Schicksalsschlägen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst bei einer so verstörenden Aneinanderreihung von Katastrophen wie in Japan?

Bandelow: Das ist ein apokalyptisches Ausmaß, wie es sich selbst der Regisseur eines Katastrophenfilms nicht ausdenken könnte. Dennoch hilft der Zusammenhalt ungemein, das ist wie im Krieg. Bei dem Erdbeben von Sichuan im Jahr 2008 kamen knapp 70.000 Menschen ums Leben. In Chengdu hat man ein Zentrum zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen aufgebaut, dessen Therapieangebote erstaunlicherweise kaum genutzt wurden. Die chinesischen Psychiater haben in der Analyse festgestellt, dass es tatsächlich das Gemeinschaftsgefühl war, das die Menschen vor Traumatisierung geschützt hat.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch muss man in Japan mit einer großen Zahl schwer traumatisierter Menschen rechnen.

Bandelow: Sicher, es wird Fälle von posttraumatischer Belastungsstörung geben, aber nicht so viele, wie man erwarten sollte. Statistisch gesehen erkranken 15 Prozent der Schwerbetroffenen daran. Die haben dann oft hartnäckige Beschwerden, denen bisweilen auch mit Verhaltenstherapie oder Medikamenten nicht beizukommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort Resilienz - stimmt es, dass bestimmte Menschen mit Extremsituationen schlichtweg besser umgehen können als andere?

Bandelow: Das ist tatsächlich so. Manche Leute meistern auch schlimmste Schicksalsschläge, während andere bei geringeren Herausforderungen psychische Schäden davontragen. Wir wissen heute: Das Ausmaß einer posttraumatischen Belastungsstörung wird viel mehr von der Resilienz bestimmt als vom Trauma selbst.

SPIEGEL ONLINE: Die Japaner zeigen große Disziplin, scheinen ihre Emotionen auch inmitten der Katastrophe stark zurückzunehmen. Ist es aus medizinischer Sicht schädlich, um jeden Preis Haltung bewahren zu wollen?

Bandelow: Ich war oft in Japan und habe das Gefühl, dass man im Westen glaubt, die Menschen dort denken und fühlen anders, nur weil sie ihr Gesicht nicht bewegen. In Wahrheit haben sie hinter ihrer Fassade mit genau denselben Emotionen zu kämpfen wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten in einer vergleichbaren Situation.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es besser, sie würden ihren Schmerz äußern?

Bandelow: Nein, das geht ja nicht auf Befehl. Der kulturelle Kontext bleibt, auch in der Krise.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen die Menschen langfristig psychotherapeutischen Beistand?

Bandelow: Es ist ein großer Irrtum zu glauben, jetzt müssten alle ganz schnell therapiert werden. Die Wissenschaft hält das inzwischen für kontraproduktiv. Es gibt Untersuchungen zum Zugunglück in Eschede im Jahr 1998, wo 101 Menschen ums Leben kamen. Damals wurden mehr als 600 Helfer psychologisch betreut. Später stellte sich heraus, dass die Therapierten häufiger ein Belastungssyndrom entwickelten als jene, die nicht in ärztlicher Behandlung waren. Es gibt mehrere Untersuchungen, die das belegen.

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das?

Bandelow: Der Mensch hat einen Abwehrmechanismus eingebaut. Traumata werden in der Regel erst mal verdrängt. Wenn dann einer kommt und sofort darüber reden will, wird dieser natürliche Prozess unterbrochen. Man sollte der Natur freien Lauf lassen und nur dann Gespräche führen, wenn es gewollt ist.

Das Interview führte Annette Langer



insgesamt 79 Beiträge
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VorwaertsImmer, 16.03.2011
1. Was ist mit den Angstbürgern....
...in Deutschland gibt es ja den Typus des Angstbürgers, der vor allem mögichen Angst hat - selbst wenn man sich frägt wo die Toten sind wenn das alles wirklich so schlimm ist. Handystrahlen, Dioxineier - in vielen Fällen erkranken die Menschen Aufrund des Placebo effektes - nicht etwa weil wirklich etwas giftig ist. In der Nachbarschaft wurde ein Handymast aufgebaut ... und schon gab es Beschwerden über Kopfschmerzen - auch zu Zeiten wo der Mast gar nicht in Betrieb war. Wir kann man das erklären? In Deutschland scheint ja auch die Gefahr vor dem Atom größer zu sein als in Japan. IN Japan mancht man sich eher Sorgen um die Folgen des Erdbebens....
immediator 16.03.2011
2. Erkenntnis und Öffentlichkeit
Die verständigen Einsichten von Herrn Bandelow hätten größte öffentliche Aufmerksamkeit verdient. Zu befürchten ist allerdings, dass die Fürsorgeindustrie sich auch künftig medial wird feiern lassen, wenn wieder Heerscharen von "psychologischen Betreuern" über Unfallopfer und Helfer herfallen. Deutschland ist stark behandlungsbedürftig: Fürsorge schafft Bedürftigkeit.
Benjamin1965 16.03.2011
3. Vielleicht ...
Zitat von sysopErdbeben, Tsunami, drohender Fallout: Wie bewältigen die Menschen in Japan die unvorstellbare Dreifach-Katastrophe? Mit Hilfe ihres Gemeinschaftssinns und ihrer Besonnenheit, sagt Angstforscher Bandelow: "Wir sind dafür gebaut, Überlebenskünstler zu sein." http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751051,00.html
...haette sich der Angstforscher besser mit der Angst der Deutschen beschaeftigen sollen. Diese leiden ja bereits seit einigen Jahren unter permanenten Angstzustaenden. Und Angst hat eben oft nichts mit Realitaet zu tun. Man hoert uebrigens sehr selten von Panikattacken bei Patienten, die zum CT geschickt werden, obwohl man dadurch massiven Strahlen ausgesetzt wird.
der_Pixelschubser 16.03.2011
4. Titelverweigerer
Vielleicht ist es auch nur ein Vorurteil, aber ich habe die japanische Gesellschaft immer als eine ausgesprochen autoritär geprägte Gesellschaft in Erinnerung, eine Gesellschaft, in der Pflichterfüllung, Befehlsgehorsam und demütige Unterordnung einen extrem hohen Stellenwert besitzen. Ganz im Gegensatz zur westeuropäischen Gesellschaft, in der Individualität, Bedürfniserfüllung und persönlicher Freiraum im Vordergrund stehen, also einer eher egoistisch geprägten Gesellschaft. Kann es sein, dass dieses von uns bisher immer mit Kopfschütteln beobachtete autoritäre Gemeinwesen ganz extrem dabei hilft, die Ruhe und öffentliche Ordnung im katastrophengebeutelten Japan aufrecht zu erhalten?
andreasneumann2 16.03.2011
5. Menschenverdummung auf hohen Niveau!
Gestern hat so ein grüner Experte im einer Nachrichtensendung von sich gegeben, dass eine Kernschmelze in einem Atomreaktor vergleichbar mit einer Atombombenexplosion sei! Also total unseriöse Angstmache. Hier wird wieder mal die Bevölkerung auf das Gröbste von Grünen verarscht und verdummt. Und für diese Verdummung bezahlt die Bevölkerung auch noch eine GEZ-Zwangsabgabe. Mich persönlich erinnert so eine unseriöse Berichterstattung als der Teilchenbeschleuniger CERN in Betrieb gehen sollte. Der sollte laut grünen Experten ein Schwarzes Loch erzeugen und dann die Erde und das ganze Universum verschlingen. Oder als grüne Experten den Weltuntergang zum Jahrtausendwechsel voraussagten. Nur weil ein paar alte AEG-Waschmaschinen nicht auf das Jahr 2000 umschalten konnten, sollte die Welt untergehen. Und die Schweinegrippe oder die Vogelgrippe möchte ich noch gar nicht erwähnen. Grüne sind immer gut die Bevölkerung zu verarschen und zu verdummen. Anders funktioniert die grüne Ideologie nicht. Die Welt geht unter und nur grüne Spinner können die Welt retten. Das ist so als ob hohe grüne Parteibonzen uns von der Klimakatastrophe erzählen und dann mal kurz übers Wochenende in die Türkei fliegen. Und hat nicht der Vorsitzende der Grünen betrogen, beim Vielfliegerbonus. So sind die Grünen. Wasser predigen und Wein saufen und dabei noch meinen die Bevölkerung ist genau so dumm wie sie!
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