Interview mit der Deutschen Flugsicherung "Beide Maschinen hatten ein Kollisionswarngerät"

Nach dem Absturz zweier Flugzeuge über dem Bodensee ist die Ursache der Kollision weiter unklar. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt Ute Otterbein von der Deutschen Flugsicherung, kurz vor dem Absturz habe die Übergabe der Maschine an Schweizer Fluglotsen problemlos geklappt.

SPIEGEL ONLINE:

Normalerweise müssen Flugzeuge einen Höhenmindestabstand von 300 Metern halten. Wie konnte es passieren, dass sich die Flugzeuge so nahe kamen, dass sie schließlich zusammenstießen?

Ute Otterbein: Wir wissen es nicht. Die Tupolew war auf der deutschen Frequenz bei der Kontrollzentrale in München registriert. Wir haben den Flug um 23.30 Uhr an die Schweizer Kollegen weitergegeben.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Vermutungen, bei der Übergabe sei es zu Problemen gekommen.

Otterbein: Wir wissen definitiv, dass die Übergabe um 23.30 Uhr (also 7 Minuten vor dem Unglück, d. Red.) funktioniert hat. Der Schweizer Lotse hat einen Transponder-Code erteilt. Damit war klar, dass die Schweizer Seite für die Tupolew zuständig war.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise ist es bei der Kommunikation zwischen Lotse und Cockpit zu einem Missverständnis gekommen. Können Sie bestätigen, dass jemand Meter- und Fußangaben verwechselt hat.

Otterbein: Ich halte es für voreilig, jetzt solcherlei Schlüsse zu ziehen. Zuerst einmal müssen Daten erhoben werden.

SPIEGEL ONLINE: Könnten mangelnde Englischkenntnisse der russischen Piloten zu den Abstürzen geführt haben?

Otterbein: Als der eiserne Vorhang fiel, hörte man hin und wieder, dass russische Piloten nicht so gut Englisch sprächen. Diese Kenntnisse haben sich inzwischen jedoch erhöht.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass nahezu alle russischen Maschinen ohne das Kollisionswarngerät TCAS unterwegs sind?

Otterbein: Nein. Nach unseren Informationen waren beide Flugzeuge mit dem Kollisionswarngerät ausgestattet. Die russische Maschine seit 2001. Dies wurde auch durch das Bundesverkehrsministerium bestätigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte es dann zu einem Zusammenstoß kommen?

Otterbein: Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht beantworten. Dazu müssen wir die Untersuchungen abwarten.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, der europäische Luftraum sei zu zerstückelt. Es gibt 49 Kontrollzentralen in 22 Sprachräumen. Wäre es an der Zeit, einen europäischen Luftraum mit einheitlicher Überwachung zu schaffen?

Otterbein: Die oftmals zitierte Zersplitterung ist in technischer Hinsicht nicht zutreffend. Durch einheitliche Datenstandards wurde hier bereits vor Jahren für eine größtmögliche Harmonisierung gesorgt. Da Flugsicherung eine hoheitliche Aufgabe der Staaten ist, wären für eine komplette Harmonisierung politische Lösungen erforderlich. Auch in einem einheitlichen europäischen Luftraum aus einer Hand wäre jedoch die Unterteilung in Überwachungssektoren und damit Koordinationsaufwand erforderlich.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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