Interview zu Schul-Quälereien "Systematische Abstumpfung"

Gewalt an Schulen keimt nicht im Klassenzimmer, sondern daheim - in kaputten Familien und vor dem Fernseher. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plädiert Christian Pfeiffer, Leiter der Kriminologischen Forschungsstelle Niedersachsen und dort bis Anfang 2003 Justizminister, gegen Videoüberwachung an Schulen und für frühe Integration.

SPIEGEL ONLINE:

In Hildesheim haben vier Jugendliche über Monate einen Mitschüler brutal gequält und ihr Opfer dabei auch noch gefilmt. Wie konnte so etwas geschehen?

Pfeiffer: Das ganze ist in einem Berufsvorbereitungsjahr passiert. Das ist typischerweise eine Zusammenballung von jungen Männern, die zu den extremen Verlierern zählen und die sich selbst auch so einstufen. Von der sozialen Zusammensetzung sind das lauter Jugendliche, die frustriert sind über ein aus ihrer Sicht völlig verpfuschtes Schulleben.

SPIEGEL ONLINE: Reicht das als Erklärung für eine solchen Exzess?

Pfeiffer: Es waren keine Mädchen in der Gruppe, sondern nur junge Männer. Mädchen sagen eher "Hört auf". Bei den Jungs ist es eine Art Ehrenkodex, dass es uncool wäre sich da einzumischen. Vor allem, wenn sie aus Machokulturen kommen, lernen sie, Mitleidssregungen zu unterdrücken. Das war hier offenbar der Fall: acht von zwölf waren aus solchen ethnischen Gruppen. Erfahrungen mit familiärer Gewalt und Medienverwahrlosung kommen dazu. Untersuchungen zeigen, dass Teilnehmer an Berufsvorbereitungsjahren diejenigen sind, die am stärkste durch familiäre Gewalt belastet werden. Die haben zu Hause schon sehr viel erlebt. Außerdem schaut diese Gruppe mindestens drei bis vier Stunden pro Tag Horror- und Gewaltfilme. Das nenne ich ein systematisches Abstumpfungsprogramm.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Lehrer nicht eingeschritten? Ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie nichts mitbekommen haben?

Pfeiffer: Ich habe mit dem Schuldirektor gesprochen. Offensichtlich haben die Videoaufnahmen des Quälens in einem abgeschlossenen Geräteraum stattgefunden. Die Lehrer konnten nicht sehen, dass Schüler drinnen geblieben waren. Für eine Kultur des Wegschauens sehe ich bisher keinen Hinweis. Bis zum Beweis des Gegenteils sollten wir das auch nicht unterstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre eine Videoüberwachung der Schulräume die Lösung?

Pfeiffer: Das ist reichlich absurd und würde Riesenkosten verursachen. Jede Videokamera führt dazu, dass man sich einen Ort sucht, an dem es keine gibt. Das kann man schon in George Orwells "1984" nachlesen. Es gibt nur Verlagerungseffekte, die Dinge finden dort statt wo sie vielleicht nicht typischerweise stattfinden. Bislang ist strittig, ob die Videoüberwachung in Großbritannien etwas bewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sonst lässt sich die zunehmende Gewalt an Schulen stoppen?

Pfeiffer: Wir haben keinen Anstieg der Gewalt an Schulen. Das ist konstant auf einem durchaus beachtlichen Niveau. Nur die Anzeigebereitschaft hat zugenommen. Ich sehe das größte Versäumnis in Deutschland bei den Migrantenkindern im Kindergarten. In Kanada wird dafür gesorgt, das Einwandererkinder in ihrer Gruppe immer in der Minderheit sind, damit sie spielend Englisch lernen. Bei uns gibt es nachmittags Sondergruppen für Aussiedler, Türken und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es mit der Lösung dieses Problems getan?

Pfeiffer: Wir haben auch Defizite in der Früherkennung familiärer Gewalt. Man wird ja nicht als jemand geboren, der andere Leute systematisch quälen und das auch noch filmen will, dazu wird man gemacht. Schweden ist da Vorreiter, dort bekommt jedes Kind in der Schule Vertrauensleute vorgestellt, an die es sich wenden kann und von denen es hundertprozentig sicher sein kann, dass die mit niemand anderem reden. Im Gegensatz zu dieser Schweigepflicht gibt es bei uns nur ein Schweigerecht - mit der Folge, dass die Kinder den Jugendamtsleuten nicht trauen. Das müssen wir ändern.

SPIEGEL ONLINE: Bis dahin hilft es vielleicht, sein Kids zu einem Selbstverteidigungskurs zu schicken?

Pfeiffer: Meine zehnjährige Tochter hat's gemacht und kam stolz mit einem Brett zurück, das sie gespalten hatte. Das ist also durchaus geeignet, Selbstbewusstsein zu vermitteln. Aber es ist vom falschen Ende gedacht zu glauben, das sei die Lösung. Es mangelt nicht an der Fähigkeit zurückzuschlagen, sondern an der Fähigkeit zum Mitfühlen auf der Täterseite.

Das Interview führte Hans Michael Kloth