Interview zum Mzoudi-Freispruch "Es ist selbstmörderisch"

Die US-Nebenklägerin und Schwester eines Opfers des 11. September, Debra Burlingame, bedauert den Freispruch des in Hamburg angeklagten Abdelghani Mzoudi: "Er wünscht Ungläubigen den Tod."

SPIEGEL ONLINE:

Frau Burlingame, sicher hätten Sie Abdelghani Mzoudi gern für lange Zeit hinter Gitter gesehen. Halten Sie den Freispruch für einen Fehler des deutschen Rechtssystems?

Burlingame: Ich will das Rechtssystem nicht kritisieren, aber hat dieses Urteil Bestand, kann Mzoudi nie wieder in Deutschland wegen des 11. September angeklagt werden, selbst wenn sich neue Beweise finden. Das ist furchtbar. Ich bin überzeugt, dass die deutschen Richter das, was sie für rechtmäßig halten, umsetzen, aber ich stimme nicht mit ihren Schlüssen überein: Mzoudis Freunde haben die weltoffene Stadt Hamburg ausgewählt, um ihre Tat zu planen. Und jetzt können sich solche Leute immer noch hinter dem Gesetz verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Das Gericht hat versucht, Aussagen des mutmaßlichen 11. September-Planers Ramzi Binalshibh zu bekommen, der mit Mzoudi in Hamburg lebte und von den USA festgenommen wurde. Die Richter erhielten aber nur einen knappen Vermerk, demzufolge Binalshibh Mzoudi entlastet habe. Sind sie verärgert über die US-Regierung, die weitere Protokolle gesperrt und die Aufklärung damit behindert hat?

Burlingame: Es verwundert mich, dass die Aussagen Binalshibhs eine solche Bedeutung bekommen haben. Er hat allen Grund zu lügen, warum um Himmels willen sollte er Mzoudi beschuldigen? Die Terroristen wurden darin trainiert, wie sie nach einer Festnahme täuschen und tricksen müssen. Wenn die Regierung Binalshibh dem Gericht überlassen hätten, hätte er neue Operationen verraten oder berichten können, wonach er von den Vernehmern gefragt wurde und was er geantwortet hat. Noch sind gesuchte Mitverschwörer des 11. September auf der Flucht, und man kann davon ausgehen, dass es neue Terrorpläne gibt. Eine Aussage von Binalshibh hätte die Ermittlungen gefährdet. Aber so oder so - was wäre sie schon wert?

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es so verwunderlich, dass ein Gericht das lieber selbst beurteilen würde?


Burlingame: Ich würde die Aufregung verstehen, wenn Binalshibh ein neutraler Zeuge wäre. Stattdessen lassen die Richter Mzoudi auf Grund der Aussagen eines Komplizen frei. Es fällt mir schwer, das zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Auch das amerikanische Gericht, das sich mit dem 11. September-Verdächtigen Zacarias Moussaoui befasst, will Binalshibh als Zeugen hören.


Burlingame: Stimmt, aber wenn es Moussaoui frei lässt, gibt es immer noch die Möglichkeit, ihn als feindlichen Kämpfer zu behandeln.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass die US-Regierung ihn dann vor ein Militärtribunal stellt? Eine seltsame Rechtsauffassung.

Burlingame: Sie wird ihn nicht gehen lassen. Wir alle befinden uns in einem langen Krieg gegen den Terrorismus. Die demokratischen Staaten müssen endlich erkennen, dass Terroristen Vorteile aus unserem menschlichen Umgang mit ihnen ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Antwort der US-Regierung darauf sind Militärtribunale und die Zellen von Guantanamo. Gibt sie nicht gerade die freiheitlichen Prinzipien auf, die zu verteidigen sie für sich in Anspruch nimmt?

Burlingame: Es ist verständlich, dass die Vereinigten Staaten nach einer solchen Attacke so reagieren. Bedenken Sie: 3000 Leute wurden umgebracht, und vermutlich waren die Terroristen enttäuscht, dass es nicht mehr waren. Die allermeisten Leute sind in Guantanamo, weil es Hinweise gibt, dass sie das Gesetz gebrochen haben. Ich glaube nicht, dass gesetzestreue Bürger etwas fürchten müssen, und ich sehe nicht, dass Freiheitsrechte zurück gedrängt werden. Wenn ich Leute frage: Wo sind Sie persönlich eingeschränkt, kann mir niemand ein Beispiel nennen. Das ist ein rein akademisches Problem.

SPIEGEL ONLINE: Da Sie sicher nicht mit Terrorverdächtigen gesprochen haben, unterstelle ich mal, dass Sie Bürgerrechte für sie nicht uneingeschränkt gelten lassen wollen.

Burlingame: Das wäre aus meiner Sicht auch falsch. Denken Sie an Mzoudi: Der bestreitet zwar, mit dem 11. September etwas zu tun zu haben, andererseits wünscht er Ungläubigen den Tod. Damit gehört er für mich in die Kategorie: Ist er kein Terrorist, wäre er einer. Vergessen sie nicht, dass diese Leute uns zerstören wollen. Es ist selbstmörderisch, sie zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Was hoffen sie jetzt, da er frei ist?

Burlingame: Dass er nicht noch in Deutschland sein Studium beenden darf, wie er es plant. Mzoudi saß mit den späteren Todespiloten zusammen und diskutierte den Hass auf die Welt, auf Amerika, die Juden. Und diese Typen will die deutsche Regierung willkommen heißen?

SPIEGEL ONLINE: Ganz so ist es nicht. Er soll in seine Heimat Marokko ausgewiesen werden.

Burlingame: Und ich hoffe, dass Marokko ihn an die USA übergibt. Dann können wir ihn hier vor Gericht stellen.

Das Interview führte Dominik Cziesche

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.