Interview zum Niedergang der freien Medien in Russland Totengräber der Perestrojka
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Sie wurden im März 2001 von Milizangehörigen und Mitarbeitern der Bezirksstaatsanwaltschaft Belgorod im Rahmen ihrer ersten Festnahme brutal zusammengeschlagen. Wieso greift die örtliche Nomenklatura zu solch drastischen Maßnahmen?
Olga Kitowa: Finanziell konnten die mich nicht drankriegen, weil ich aus Prinzip neben meiner Arbeit als Reporterin der "Belgorodskaja Prawda" nie einen zweites finanzielles Standbein hatte. Auch wurde unsere Zeitung nicht von der Gebietsverwaltung finanziert, sondern ausschließlich über Abonnenten und Werbung. Nachdem man mich bereits gerichtlich belangt hatte, wollte man mir ein unmissverständliches Zeichen geben. Irgendjemand gab also seinen direkten Untergebenen den Befehl, mich zu verprügeln, weil das billiger war. Für externe Schläger hätten sie eine Menge Geld berappen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Die Ausübung Ihres Berufes hat Sie fast das Leben gekostet. Warum haben Sie trotzdem weiter gemacht?
Kitowa: Was hätte ich denn sonst tun sollen? Vielleicht bin ich einfach dumm, wie einige meiner Freunde vermuten. Wahrscheinlich bin ich wohl Idealistin. Ich habe allerdings nicht gedacht, dass man für Idealismus ins Gefängnis geht.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Journalisten Ihrer Art gibt es noch in Russland?
Kitowa: Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich in meiner Region immer vollkommen allein agiert habe. Hinter mir standen weder eine Partei, eine Interessengruppe noch ein Geldgeber. Ohne jegliche Unterstützung gegen die Behörden zu kämpfen, ist schwer. In Moskau haben es Journalisten noch leichter. In Russlands Provinz hingegen ist es sehr gefährlich, weil alles in der Regel in der Hand eines Mannes ist - des Gouverneurs. In Belgorod war ich die erste und letzte Journalistin, die aufbegehrt hat. Indem man mich öffentlich mit aller Härte des Gesetzes bestrafte, wollte man ein Exempel statuieren.
SPIEGEL ONLINE: Kurz nach der Geiselnahme von Beslan hat Putin entschieden, die mächtigen Bezirksgouverneure in Zukunft selbst einzusetzen, anstatt sie vom Volk wählen zu lassen. Wird sich für die Menschen in den entlegenen Teilen der Föderation dadurch irgendetwas ändern?
Kitowa: Die Entscheidung wird überhaupt keine Auswirkungen haben. Es hat doch fast nie freie Wahlen gegeben - das war nur eine nette Ablenkung von der Tatsache, dass ohne die Zustimmung des Präsidenten sowieso niemand Gouverneur wird. Es ist vielleicht ehrlicher so - aber es bleibt eine grobe Verletzung der Verfassung, in der verankert ist, dass die Gouverneure gewählt werden müssen. Man stelle sich vor: Der Mann, der als Verfassungsgarant auftritt, verletzt dieselbe, ohne mit der Wimper zu zucken.
SPIEGEL ONLINE: TV-Journalist Michajl Leontew - für seine polarisierenden Hetzreden bekannter Moderator im staatlichen Fernsehen - hat unlängst in einem Interview vorgeschlagen, in allen Medienanstalten Vertreter staatlicher Spezialtruppen einzusetzen, die darüber wachen sollen, welche Informationen wie verkauft werden.
Kitowa: Was Herr Leontjew vorschlägt, ist nichts Neues. Er will eine Zensur durch Spezialtruppen einführen, wie wir sie schon von Stalin und der KGB-Vorgängerinstitution NKWD kennen. Damals waren absolut alle staatlichen Strukturen von Mitarbeitern des Geheimdienstes unterwandert, die Berichte anfertigten, auf deren Basis Menschen zu Gefängnis, Arbeitslager oder Tod verurteilt wurden. Er schlägt vor, die Errungenschaften der Perestroika schlicht zu begraben und die Zensur in ihrer schlimmsten Form wieder aufleben zu lassen. Er ruft zum Tod der freien Medien auf und macht sich selbst zum Totengräber.
SPIEGEL ONLINE: Der Duma-Abgeordnete Aleksandr Krutow ist Ende September mit einem Antrag im Parlament gescheitert, den elektronischen Medien jede Berichterstattung über Terroranschläge mit Geiselnahmen zu untersagen. Er hatte seine Eingabe im Komitee für Informationspolitik unter anderem damit begründet, dass nach einem im Fernsehen übertragenen Terroranschlag die Zahl der Unfälle, Selbstmorde und Infarkte im Land steigen würde.
Kitowa: Es ist uns allen klar, dass die Mehrheit der Duma-Abgeordneten schon lange den Sinn für die wahre Situation im Land verloren hat. Hier gilt: Je weniger Menschen Bescheid wissen, umso besser. Im Fall von Beslan zeigte lediglich die Arbeit der ausländischen Journalisten die Tragödie in ihrem wahren Licht. Sie enttarnten die totale Unfähigkeit und Hilflosigkeit der Spezialtruppen, die umso erschreckender ist, als sie unschuldige Kinder das Leben kostete. Die Verantwortlichen der Einsatztruppen hätten um jeden Preis verhandeln und die Eingeschlossenen retten müssen.
SPIEGEL ONLINE: Die Chefredakteurin des russischen Online-Dienstes www.dossie.ru, Julia Pelechowa, ist Ende August wegen Erpressung zu einer Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren verurteilt worden. Sie soll 100.000 Dollar dafür verlangt haben, einen kritischen Artikel nicht zu veröffentlichen. Ist Pelechowa ein Beispiel für den neuen Umgang russischer Journalisten mit den Früchten ihrer Arbeit?
Kitowa: Nachdem was mir passiert ist, bin ich mit Kommentaren zu solchen Fällen vorsichtig. Ich weiß nicht, was dort vorgefallen ist. Vielleicht hat Frau Pelechowa getan, was man ihr vorwirft. Vielleicht wollte ihr aber auch irgendjemand etwas anhängen. Dass die Journalisten in unserem Land in der Regel keine mehr sind, kann ich sehr wohl bestätigen. Wir hatten einmal einen ehrlichen Beruf - jetzt ist davon fast nichts geblieben. Viele Journalisten sind entweder zu Geldmachern geworden, oder sie verkaufen sich selbst. Andere schreiben für die so genannte Yellow Press und überschwemmen das Land mit Informationen, die keiner braucht.
SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Kollegen gehen offenbar den Weg des geringsten Widerstands.
Kitowa Ich habe Verständnis für Kollegen, die Geld für die Ausbildung ihrer Kinder, für Medikamente oder Lebensmittel brauchen. Aber alles hat seine Grenzen. Auch die neue Generation von Journalisten gibt wenig Anlass zur Hoffnung: Meine Erfahrung ist, dass die jungen Leute überhaupt keine Prinzipien mehr haben und mit allen Mitteln Geld machen wollen. Dabei sind sie die Frucht des so genannten freien Russlands. Das ist erschreckend.
SPIEGEL ONLINE: Das Lesen und Schreiben zwischen den Zeilen hatte schon unter Zensur geplagten Sowjetautoren Tradition. Dabei nahmen sich die Autoren bisweilen derart zurück, dass die kritische Botschaft nicht mehr ankam. Ist die präventive Selbstzensur im Kopf eines Journalisten verzeihlich?
Kitowa: Selbstzensur im Kopf ist nichts anderes als Prinzipienlosigkeit. Wer schon während des Schreibens alle kritischen Gedanken ausschaltet, hat einfach keine Grundsätze.
SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert die Bevölkerung auf die zunehmende Zensur und die Übergriffe auf Journalisten?
Kitowa: Die Mehrheit der Russen reagiert überhaupt nicht darauf. Sie sind damit beschäftigt zu überleben. Suff, kaputte Familien - vielen steht der Sinn nicht nach einer Auseinandersetzung mit der Zensur. Zudem verkünden ja die Politiker täglich, dass gerade die Journalisten schuld daran sind, dass es den Menschen so schlecht geht.
SPIEGEL ONLINE: Wo können kritische Journalisten überhaupt noch veröffentlichen?
Kitowa: Nur noch in den Print-Medien. Das russische Fernsehen können Sie getrost vergessen. Schon jetzt werden dort von morgens bis abends nur noch vor Gewalt stotzende Filme gezeigt: Mord, tote Kinder, Vergewaltigungen und so weiter. Es gibt keine Dokumentarfilme, keine interessanten Reportagen und schon lange keine politische Analyse mehr. Diesen gleichgeschalteten Sendern vertraut kaum jemand mehr - den Radiostationen auch nicht. Die Tragödie von Beslan hat gezeigt, dass unser Volk objektive Informationen lediglich aus Zeitungen beziehen kann - und auch davon gibt es nur noch wenige seriöse.
SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Online-Publikationen?
Kitowa: Das Internet spielt natürlich eine sehr wichtige Rolle, allerdings ist die Verbreitung von Computern und Internetanschlüssen in Russland noch nicht sehr weit vorangeschritten. Für viele sind sowohl die Computer als auch der Anschluss zu teuer.
SPIEGEL ONLINE: Paul Chlebnikow, Chefredakteur der russischen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes", wurde im Juli 2003 auf offener Straße von Unbekannten erschossen. Müssen ausländische Journalisten in Russland in Zukunft um ihr Leben fürchten?
Kitowa: Generell ist es für ausländische Kollegen einfacher, hier zu arbeiten. Chlebnikow war eine Ausnahme. In Moskau gibt es Kreise, die davon ausgehen, dass er nicht aus politischen, sondern aus rein ökonomischen Gründen umgebracht wurde. Chlebnikow war als harter Geschäftsmann bekannt.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie weiterhin kritisch berichten?
Kitowa: Selbstverständlich. Wenn es weder die Miliz, die Staatsanwaltschaft noch das Gericht in Belgorod geschafft haben, mich zu stoppen, heißt das wohl, dass mich niemand aufhalten kann.
Das Interview führte Annette Langer