Istanbul Wütende Anwohner gehen auf Galeriebesucher los

Sie tranken Alkohol in der Öffentlichkeit: In Istanbul wurden Besucher einer Kunstveranstaltung angegriffen und verletzt. Hunderte Menschen mussten sich in Sicherheit bringen. Die Künstler sprechen von einem "organisierten Überfall" und vermuten Islamisten hinter dem Angriff.

Polizisten bei der angegriffenen Kunstalerie: Konservative Anwohner sind empört
dpa

Polizisten bei der angegriffenen Kunstalerie: Konservative Anwohner sind empört


Istanbul - Mit Steinen und Knüppeln bewaffnete Angreifer haben inIstanbulBesucher von Kunstgalerien verletzt. Fünf Gäste, darunter auch ein Deutscher, seien in Krankenhäuser gebracht worden, teilten die Galerien mit. Sie verurteilten den Angriff als "organisierten Überfall". Der Streit hatte sich offenbar entzündet, weil öffentlich Alkohol getrunken wurde. Anwohner erklärten, Mitglieder einer islamischen Gruppe seien für den Angriff verantwortlich. Sieben Verdächtige wurden festgenommen.

Bei der "geplanten Attacke" hätten die Angreifer auch Pfefferspray eingesetzt, sagte der Kurator Nazim Dikbas auf einer Pressekonferenz. Der Umtrunk war der Beginn einer Kunstveranstaltung, bei der im gesamten Viertel Beyoglu mehrere Galerien geöffnet hatten. Die meisten der Hunderten von Gästen flüchteten sich vor den Angreifern in Kunstgalerien, bis die Polizei kam. Beyoglu ist das klassische Ausgeh- und Künstlerviertel im europäischen Teil der türkischen Millionenmetropole.

"Sie haben uns angegriffen, weil wir auf der Straße etwas getrunken haben. Sie haben Allahu Akbar (Gott ist groß) gerufen", sagte ein Zeuge dem privaten Fernsehsender NTV. "Wenn die Galerien nicht sofort die Rolläden heruntergelassen hätten, wäre es eine Art Lynchen geworden", sagte der Künstler Antonio Cosentino, der ebenfalls bei der Vernissage war, der Zeitung "Haberturk".

"Das waren die Bärtigen"

Den Organisatoren der Veranstaltung zufolge gab es in der Vergangenheit bereits wiederholt Spannungen mit konservativen Anwohnern. Eine lokale Internetseite hatte kürzlich "wachsende Sittenlosigkeit" kritisiert im Hinblick auf immer mehr Cafés und Restaurants, die in dem auch von vielen Ausländern besuchten Viertel Alkohol ausschenken. Der Galeriebesitzer Dikbas warnte, dass Angriffe wie am Dienstagabend zunähmen und "das soziale und kulturelle Leben der Stadt gefährden" könnten.

Anwohner reagierten empört. "Das waren die Religiösen von der Bruderschaft. Sie leben hier im Viertel", sagte ein Verkäufer in einem Geschäft nahe der Galerie. Eine Kundin in einem Lebensmittelgeschäft sagte: "Das waren die Bärtigen. Ich lebe hier seit 60 Jahren. Das Viertel hat sich sehr verändert." Spannungen habe es in dem Viertel Tophane auf der europäischen Seite Istanbuls bereits bei einer Ausstellungseröffnung vor einer Woche gegeben. Dort prallen die Lebensstile von alteingesessenen Einwohnern, jungen Großstädtern sowie konservativen Zugereisten aufeinander. In jüngster Zeit haben mehrere Galerien und Hotels geöffnet.

Der Gouverneur von Istanbul, Hüseyin Mutlu, verurteilte den Angriff. "Eine Wiederholung eines solchen Vorfalls werden wir nicht zulassen", sagte er. Die Behörden wollten dafür sorgen, "dass jedermann in Frieden seinen Angelegenheiten nachgehen kann".



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