Deutsche Rentner in Italien Dolce Vita für Steuersparer

Sommer, Sonne, Rentnerglück: Mit einer Sieben-Prozent-Niedrigsteuer will Italien umzugswillige Oldies aus Deutschland in den sonnigen Süden locken.

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Wer sich auf italienischen Immobilienportalen umschaut, findet aktuell zum Beispiel folgende Angebote:

  • Kalabrien: Renoviertes, voll eingerichtetes Haus, mit Spülmaschine etc., 90 Quadratmeter, 2 Schlafzimmer, 2 Balkone mit Blick auf die nahe Küste am Ionischen Meer - für 92.000 Euro.

Oder, wem das zu teuer ist, ein Objekt etwas weiter weg von der Küste, im Inland von

  • Apulien: renovierungsbedürftiges Haus mit 5 Zimmern, 165 Quadratmeter - für 20.000 Euro.

Oder lieber mieten als kaufen?

  • In Apulien, fast an der Südspitze, am Jachthafen, gibt es nur ein paar Meter vom Strand, im ersten Stock eines Neubaus, zwei Schlafzimmer, komplett möbliert, mit Kamin und Klimaanlage - für 200 Euro im Monat.

Häuser und Wohnungen, zum Kaufen wie zum Mieten, gibt es im sonnendurchfluteten italienischen Süden mehr als genug, meistens spottbillig. Was dort fehlt, sind Menschen mit Kaufkraft, die investieren und konsumieren. Junge Italiener kommen dafür kaum infrage. Im Gegenteil, die wandern in Scharen ab, weil es keine Jobs gibt.

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Leerstand in Süditalien: Biete Sonne, suche Rentner

Darum werden nun alte Menschen gesucht. Die keine Arbeit mehr suchen, aber Ruhe und Sonne und das Meer vielleicht. Für die gibt es ab sofort ein echtes Schnäppchen-Angebot: Rentner aus Europas Norden, die in den armen Süden Italiens ziehen, werden dafür mit einer Sieben-Prozent-Niedrigsteuer belohnt. Das Angebot gilt für die Rente, aber auch für alle anderen Einkommen, die die Pensionäre haben und in Italien deklarieren wollen.

Portugal hat es vorgemacht, schon vor etwa zehn Jahren. Und die reichen, rüstigen Rentner sogar mit einer, zeitlich begrenzten, Null-Prozent-Steuer geködert. Die Kanaren, Zypern, Malta haben es in eigenen, unterschiedlichen Ausprägungen nachgemacht. Und jetzt will Italien seinen aussterbenden Süden mit deutschen Sandalenträgern wiederbeleben.

EU-Rentner statt Migranten

Es ist die Alternative zu eigentlich sehr erfolgreichen Projekten, die nach den Wahlen 2018 nicht mehr ins politische Konzept der neuen italienischen Regierung passten: Projekte zur Ansiedlung von Migranten in aussterbenden Dörfern.

Das bekannteste Modell dafür war der kalabrische Ort Riace. Dessen Bürgermeister offerierte Migranten leerstehende Häuser zur Renovierung sowie verlassene, verfallende Geschäfte für einen Neuanfang - und das Dorf blühte auf. Dann wurde der Bürgermeister festgenommen. Der Vorwurf: illegale Aktivitäten zugunsten von Flüchtlingen, so etwa die Gründung einer Müll-Beseitigungs-Kooperative im Dorf ohne Ausschreibung. Der aktive Dorfvorsteher wurde aus Riace verbannt, die Flüchtlinge wurden umgesiedelt, zumeist in Auffanglager, manche auch des Landes verwiesen. Heute ist Riace wieder ein sterbendes Dorf. Wie so viele in Italiens armem Süden.

Das will natürlich auch die neue Regierung nicht. Darum sollen nun weiße, nicht muslimische Rentner den Mezzogiorno retten. Oldies mit Geld und Abenteuerlust. Aber auch Italiener, die im Ausland gelebt und gearbeitet haben, jetzt aufs Altenteil wechseln und zurückkehren wollen, sollen mit dem Steuerbonus angelockt werden.

Im Video: Steuern sparen? Tricksen wie die Großen!

Gültig nur für Kleinstädte ohne Hype

Freilich ist die Niedrigsteuerzone räumlich begrenzt. Infrage kommen nur die Süd-Regionen, also Sizilien, Kalabrien, Kampanien, die Basilikata, die Abruzzen, die Molise, Apulien und die Insel Sardinien. Und dort nur Kleinstädte, die nicht mehr als 20.000 Bewohner haben. Ausgenommen sind zudem die touristischen Highlights jener Regionen. Die brauchen keine Zuzugshilfen und dort sind die Immobilien ohnehin nur noch für Superreiche erschwinglich. Und denen ist der Steuerabschlag egal - die versteuern ihre Einkünfte eh meist in ganz anderen Steuerparadiesen.

Für die anderen, mit Einkünften aus Rente oder Pension und vielleicht noch Vermögenseinkünften obendrauf, kann der "Steuersatz Süd" aber durchaus verlockend sein. Denn oberhalb der Steuer-Freigrenze von etwas mehr als 8.000 Euro im Jahr kassiert der italienische Fiskus ganz ordentlich ab: von 23 Prozent ansteigend bis auf 45 Prozent. Und anders als in Deutschland gibt es keine Freibeträge und kein Ehegattensplitting.

Kleine Fallen im Angebot

Wer jetzt mit Freude das Auto aus der Garage holt, um sich im Süden seine künftige Steuersparheimat zu suchen, sollte gleichwohl an ein paar Probleme denken, die der Landeswechsel mit sich bringen könnte.

Bei der Krankenversicherung zum Beispiel. Wer in Deutschland Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse ist, kann in Italien eine Umschreibung beantragen. Dann wird er Mitglied des dortigen Gesundheitssystems, natürlich zu den dortigen Bedingungen. Das kann freilich bedeuten, dass er lange, mitunter viele Monate auf eine Untersuchung warten muss - oder er geht in ein privates Medizin-Zentrum und bezahlt die Rechnung selbst. Zusätzliche Auslandskrankenversicherungen, die solche Kosten zumindest teilweise abdecken, gibt es natürlich. Sie sind aber für lange Aufenthalte, zumal für Menschen fortgeschrittenen Alters, sehr teuer. Und bei seiner deutschen Versicherung muss der Auswanderer unter Umständen eine Anwartschafts-Prämie weiterzahlen, um sich die Rückkehr ins System offenzuhalten. Die sollte man nicht aus dem Blick verlieren.

Denn der Steuerrabatt am Platz in der Sonne gilt nur für fünf Jahre. Dann ist der volle Steuersatz fällig - oder die Rückreise.

Aber für einen Steuersparurlaub sind fünf Jahre ja schon ganz schön lang.



insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
Leser_01 15.06.2019
1.
Die Geschichte über Riace ist richtigehend herzzerreissend. Schade für das schöne Dorf.
hausfeen 15.06.2019
2. Es gibt wunderschöne Orte für Rentner in Italien.
Meistens fehlt es an Barrierefeiheit. Gute Pflege zu schaffen, ist möglich, wäre auch ein Jobmotor. Die genannte Überlegung meint wohl nur den rüstigen Rentner. Das wäre zu kurz gedacht. Übrigens auch eine Option für die landschaftlich schönen Braunkohleabbaustätten im Osten D-Lands. Renaturiert werden müssen die Erdlöcher doch sowieso.
Gluehweintrinker 15.06.2019
3. Irisches Steuermodell, auf Rentner angewandt
Es ist unter dem Strich nichts anderes als der Versuch, sich auf Kosten anderer zu bereichern. So wie Irland globale Konzerne mit Ministeuer anlockt und dann aufgrund der schieren Masse der "Steuerpflichtigen" (oder sollte man "Steuerflüchtlinge" sagen?) ein stolzes Wachstum hinlegt, so ist dieses nun der Versuch, eigenes Versagen durch den Zufluss ausländischen Geldes zu kompensieren. Wenn ein EU-Land weiterhin versucht, auf Kosten anderer zu leben, kann das für die Zukunft nichts Gutes bedeuten. Wir brauchen mehr EU-Gesetzgebung, weniger Nationalismus. Anders wird es nicht gehen.
kleinsteminderheit 15.06.2019
4. Warum nicht?
Es ist jedem Rentner zu gönnen, wenn er seinen Lebensabend dort verbringt, wo es schön und warm ist und er seine Rente nicht in Deutschland für überteuerten Strom, Heizung und Steuern, sondern für etwas dolce vita ausgibt. Mir sind im Süden viele alte Menschen begegnet, die dort eine gute Zeit haben. Muss jeder für sich entscheiden, aber es gibt wahrlich besseres, als im deutschen beige-grau abzuwarten, bis das Altenheim unvermeidlich ist.
suplesse 15.06.2019
5. Hört sich gut an!
Wenn man die Nase voll hat von Deutschland und genug auf der hohen Kante, warum nicht! italien ist mein Lieblingsland. War schon an vielen Orten dort und habe auch die Nachteile zumindest gespürt. Wer in Ruhe sein Leben führen möchte, so ist das in Italien möglich. Nicht unbedingt dort, wo alle hin wollen. Mir gefallen auch eher die Orte, wo wenig Touristen sind und das einfache Leben mit wenig Geld möglich ist. Natürlich ist es immer anders, als im Urlaub. Nicht alles abschneiden hier und einfach mal 1 Jahr am Stück probieren. Wenn es dann doch nicht das Richtige ist, kann man ja zurück. Ich könnte mir den Versuch vorstellen.
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