Jeden Tag 1600 Kilometer Die unglaubliche Geschichte einer italienischen Pendlerin wird noch unglaublicher

Die Meldung machte Furore, nicht nur in Italien: Rund 1600 Kilometer müsse eine junge Frau angeblich jeden Tag zwischen Neapel und Mailand pendeln, um zur Arbeit und zurück zu kommen. Jetzt gibt es Zweifel an der Story.
Hochgeschwindigkeitszug am Bahnhof in Mailand

Hochgeschwindigkeitszug am Bahnhof in Mailand

Foto: Rosmarie Wirz / Getty Images

Die Mieten in Mailand seien so hoch, dass sie sich eine Wohnung in der norditalienischen Stadt nicht leisten könne, erzählte Giuseppina Giugliano, 29, Mitte Januar der Mailänder Tageszeitung »Il Giorno«. Als Hausmeisterin verdiene sie nur 1165 Euro, da sei es günstiger, die rund 400 Euro für Bahntickets zu investieren, die sie brauche, um morgens von ihrem Wohnort Neapel nach Mailand und abends wieder zurückzukommen: insgesamt bis zu 1600 Kilometer. Sechs Tage die Woche. Seit September vergangenen Jahres.

Jeden Tag würde sie um 3.30 Uhr aufstehen, um mit dem Bus erst nach Neapel, dann mit dem Hochgeschwindigkeitszug zur Arbeit zu fahren. Eine Zugfahrt dauere vier Stunden und zwanzig Minuten, abends um 23 Uhr sei sie wieder zu Hause bei ihren Eltern, erzählte sie »Il Giorno«. Die Geschichte der Pendlerin sorgte für Furore und Anteilnahme in Italien und wurde vielfach weiter kolportiert. Auch viele deutsche Medien griffen die Meldung auf, darunter auch die »Bild«-Zeitung und »RTL News«, die am Samstag nun aber auch beide ausführlich über massive Zweifel an der unglaublichen Story berichten.

Nachdem sich vor allem in den sozialen Medien in Italien Unmut über den Wahrheitsgehalt von Giuglianos Angaben geregt hatte, versuchte nun laut »Bild« das italienische TV-Magazin »Le Iene« des Senders Italia 1 herauszufinden, was stimmt – und was nicht. Offenbar legten sich Mitglieder des Redaktionsteams morgens am entsprechenden Bahngleis in Neapel auf die Lauer, trafen die Pendlerin allerdings kein einziges Mal an. Zeugen, die sich laut »Bild« in der Reportage äußern, gaben an, dass die junge Frau nur zwei Tage lang die Reise angetreten habe, danach habe sie sich krankschreiben lassen. Seit 19. Januar sei sie nun bis August beurlaubt, um Angehörige zu pflegen.

Zweifel an den Fahrtkosten

Laut RTL wurden für die Sendung auch Schüler und Kolleginnen von Giugliano an der Bocciono-Kunstschule befragt. Sie sei nur einige wenige Male zum Schulbeginn im September gesehen worden. Die Journalistin Violetta Fortunati, die den ursprünglichen Artikel für »Il Giorno« geschrieben hat, habe sich daraufhin in der Redaktion von »Le lene« gemeldet und ihren Artikel verteidigt: Giugliano sei zwischen September und Dezember bei der Arbeit gewesen.

Allerdings gibt es auch Zweifel an der Höhe der Fahrtkosten, die Giugliano vorrechnet. Die habe die »Il Giorno«-Autorin jedoch nicht überprüft. Laut »Le Iene« lägen die Fahrpreise deutlich über 400 Euro im Monat, nach Informationen lokaler Verkehrsbetriebe betrage selbst der günstigste Tarif rund 600 Euro für zehn Fahrten. Im Monat wären das mehr als 1200 Euro. »Il Giorno« rechnete laut RTL jedoch vor, dass die 400 Euro mit Rabatten und Coupons durchaus zu erzielen seien.

Aufklären könnte den ganzen Schlamassel natürlich Giugliano selbst. Sie lasse Anfragen der Medien jedoch unbeantwortet und wolle in Ruhe gelassen werden. Laut RTL gab sie »Le Iene« zu Protokoll, dass sie schockiert sei von dem Medienrummel um ihre Person. Ihre letzte Instagram-Story  vom Freitag ist eine Texttafel mit einem Sinnspruch: »Sie müssen Ihre Entscheidungen vor niemandem verteidigen oder erklären. Es ist Ihr Leben. Leben Sie es... ohne Ausreden«. »Eindeutig«, postete sie dann noch darunter.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war das Foto eines Schweizer Zuges zu sehen. Wir haben das Bild ausgetauscht.

bor

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